Berlin - Es gibt eine Aufnahme der berühmten Fotografin Nan Goldin, die ihren Freund Joachim Sartorius in den 1990er-Jahren in einem Berliner Lokal aufgenommen hat. Den Kopf leicht geneigt, hält er lässig eine Zigarette in der rechten Hand. Wie auf vielen Fotos schaut Sartorius melancholisch in die Welt oder vielleicht auch nur in sich hinein.

Nan Goldin war in den 90er-Jahren berühmt geworden mit einer Serie von Bildern, mit der sie ihre New Yorker Freunde porträtiert hatte, von denen viele binnen kurzer Zeit an Aids gestorben waren. Goldin hielt dabei eine Lebensgier und Verausgabungsbereitschaft fest, die in dem stillgestellten Moment zu Archetypen zu gerinnen schienen.

Und so ist auch das Sartorius-Porträt alles andere als ein Schnappschuss am Rande einer geselligen Runde. In seinen aus dem Bild fliehenden Augen glaubt man einerseits die Verletzlichkeit einer künstlerischen Natur zu erkennen, andererseits aber auch die kühle Nachdenklichkeit und Entschlossenheit eines Kulturmanagers, der er über weite Strecken seines Lebens auch war.

Joachim Sartorius besuchte Schulen in Tunesien, Kongo und Kamerun

Martin Heideggers Formulierung von der Geworfenheit in die Welt gilt für Joachim Sartorius in einem buchstäblichen Sinn. Als Sohn eines Diplomaten 1946 in Fürth geboren, hat er Schulen in Tunesien, Kongo und Kamerun besucht und die Reifeprüfung schließlich in Bordeaux abgelegt. Auf ein Studium der Rechtswissenschaften in München, London, Straßburg und Paris folgten zunächst Tätigkeiten im diplomatischen Dienst. Anfang der 80er-Jahre wagte er als Mitarbeiter von Staatsministerin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) einen Ausflug in die Politik, um später unter dem Dach des Goethe-Instituts dem Kulturleben wieder näher zu sein.

Aus vielfältigen administrativen Erfahrungen heraus zog Joachim Sartorius früh die Erkenntnis, dass politischer Einfluss zur Durchsetzung künstlerischer Ideen wichtig ist. Gleichzeitig dürfte er es jedoch als Leidenszeit erfahren haben, als Generalsekretär des Goethe-Instituts an der Seite von Hilmar Hoffmann ausgerechnet politische gewollte Streichungen im Bereich der Auswärtigen Kulturpolitik umsetzen zu müssen. Sehr viel mehr Gestaltungsräume hatte und nutzte Sartorius zwischen 2001 und 2011 als Intendant des Kulturtankers Berliner Festspiele.

Im Nebenbei all dieser Tätigkeiten aber ist Joachim Sartorius immer auch Lyriker gewesen, der sich in seinen Gedichten eine Aufmerksamkeit für alltägliche Begebenheiten ebenso bewahrt wie den Blick weit zurück in die Zeit. „Wohin mit den Augen“ heißt ein zu seinem 75. Geburtstag erscheinender Gedichtband, in dem er sich an bedeutsamen Orten wie Syrakus, wohin er sich immer wieder zurückzieht, mediterranen Meditationen überlässt und der Sprache gegenüber misstrauisch bleibt. „Ich will den Sommer im Sommer bewundern“, heißt es in dem Gedicht „Replik“ und er fährt fort: „Ich will im Meer mein Meer bewundern.“

Joachim Sartorius: Wohin mit den Augen. Gedichte; Kiepenheuer & Witsch,  80 S.; 20 Euro