Beginnen wir mit seinem Vater. Marcel Proust, am 10. Juli vor 150 Jahren geboren, war der Sohn eines Arztes und Epidemiologen, der seinerzeit in Frankreich eine Persönlichkeit von nationaler Ausstrahlung war. Etwa so wie Christian Drosten heute in Deutschland. Besonders erfolgreich war Adrien Proust in der Erforschung und auch Bekämpfung der Cholera – nämlich durch strikte Hygienemaßnahmen. „Sie war keine Wiedergängerin aus dem Mittelalter wie die Pest, so wie das Coronavirus im Jahr 2019 trat sie als Newcomerin unter den Seuchen auf“, schreibt Lothar Müller, in seinem Buch „Adrien Proust und sein Sohn Marcel“. Das gehört zu den beachtenswerten Neuerscheinungen zum Jubiläum des Schriftstellers.

Müller, langjähriger Literaturredakteur der Süddeutschen Zeitung, ließen die vielen Ärzte und Krankheiten, die durch Marcel Prousts Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geistern, nicht in Ruhe. Ihm reichte die vielgehörte Antwort nicht, Marcel Proust habe sein medizinisches Wissen aus der Bibliothek des Vaters geborgen. „Das Stimmengewirr des Salons fehlt in dieser Bibliothek, und vor allem das Scharnier zwischen Salon und Klinik, die Zeitung.“ Müller findet frappierende Formulierungen: „Die Zeitungen bilden die nervöse Außenhaut des Zeitgeistes.“ Er erkundet mehr als nur die Prägung des Sohnes durch den Vater. „Beobachter der erkrankten Welt“ heißt sein Buch nicht von ungefähr im Untertitel: Es ist zugleich ein Gesellschaftsporträt, höchst anregend geschrieben. Der Schriftsteller war als junger Mann unterwegs in Kreisen, in denen über Louis Pasteur, Sigmund Freud, Dreyfus und Zola gesprochen wurde.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.