Juri Andruchowytsch, literarischer Botschafter der Ukraine

Der Schriftsteller reist mit seinem neuen Roman „Radio Nacht“ zu Festivals und kam kurz in Berlin vorbei. 

Juri Andruchowytsch, fotografiert im Treppenhaus des Suhrkamp-Verlags
Juri Andruchowytsch, fotografiert im Treppenhaus des Suhrkamp-VerlagsSabine Gudath

Der Weg aus seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk nach Berlin war diesmal beschwerlicher als in anderen Jahren. Der Krieg ist schuld. Vier Züge habe er bis Warschau gebraucht, dann sei es vorangegangen, sagte Juri Andruchowytsch am Montagnachmittag im Haus des Suhrkamp-Verlags in Berlin. Der ukrainische Schriftsteller ist schon oft in Deutschland zu Gast gewesen. Seine Lektorin Katharina Raabe sagt sogar: „Mit Juri fing alles an.“

Der 1960 geborene Autor war nämlich stets nicht nur in eigener Sache unterwegs, für seine Lyrik, Essays, die Erzählungen und Romane. Er habe unermüdlich für Kollegen wie Serhij Zhadan und Oksana Sabuschko geworben, damit man in Deutschland verstehe, dass die Ukraine nicht ein Anhängsel Russlands sei, eine eigene Kultur habe und davon auch gelesen werden soll. Das immerhin ist heute selbstverständlich.

Der Blick auf die Mitte des Kontinents

Andruchowytsch spricht sehr gut Deutsch. 2006 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt, zum Beispiel weil er die Augen für „die vergessene Mitte des Kontinents“ geöffnet habe. Vielleicht auch deshalb wollte der ukrainische Kulturminister Oleksandr Tkachenko bei seinem Berlin-Besuch am Montag noch bei Suhrkamp vorbeischauen. Die deutsche Ausgabe von Andruchowytschs neuestem Buch „Radio Nacht“ konnte er da schon in die Hand nehmen, denn gerade hat der Verlag erste Exemplare erhalten. In die Läden kommt es erst ab 12. September.

Den Schreibanlass erklärt Juri Andruchowytsch mit der Frage, was er täte, wenn er kein Schriftsteller mehr sein könne: „Ich werde ein Nachtradio gründen und immer traurige Musik abspielen.“ Der Roman ist schon 2020 auf Ukrainisch erschienen, der aktuelle Krieg kommt nicht vor. Er spielt auch nicht in einem konkreten Land, aber spürbar ist darin das Ringen von Künstlern um ihre Autonomie, es gibt Gewalt und Geheimdienste. Und so düster mancher Song auch klingt, den man über einen QR-Code dazu abspielen kann, ist dieser Roman doch so wild und leicht, voller literarischer und historischer Anspielungen, dass er einen Leserausch auslösen kann.

Das Gespräch im Verlag sollte sich um Literatur drehen, aber Juri Andruchowytsch wurde doch gefragt, wie er den Krieg selbst erlebe. Er habe aufgehört, bei Alarm in ein Versteck zu gehen, Iwano-Frankiwsk liege so weit im Westen, dass er keine Angst habe. Doch dass die russischen Raketen auch Schulen, Einkaufszentren, Wohnhäuser treffen, dürfe man nicht vergessen. Jetzt reist er zu Festivals in Südtirol, Litauen und Norwegen. Die eigentliche Buchpremiere in Berlin findet im Oktober statt.