Katie Kitamuras bestechender Roman „Intimitäten“: Der Kriegsverbrecher im Ohr

Katie Kitamura erzählt von einer Dolmetscherin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Ein Buch über verführerische Nähe und trügerische Distanz.

Katie Kitamura, 1979 geboren, lebt in den USA.
Katie Kitamura, 1979 geboren, lebt in den USA.IMAGO/ZUMA Wire

Aussagen von einer Sprache in die andere zu befördern, ist eine komplexe Angelegenheit. Es braucht Können, Sorgfalt und Kreativität, stets die richtigen Wörter und Formulierungen zu finden. Im Simultanübersetzen, und davon erzählt der neue Roman Katie Kitamuras, muss es außerdem schnell gehen.

„Intimitäten“, 2021 in den USA und nun auf Deutsch erschienen, erzählt von einer Frau, die beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag in höchstmöglichem Tempo und juristischer Präzision übersetzt. Sie macht das sehr gut, dennoch können sich „zwischen einzelnen Wörtern, zwischen zwei oder mehr Sprachen (…) ohne Vorwarnung Abgründe auftun“, so die Hauptfigur. „Unsere Aufgabe beim Dolmetschen bestand darin, solche Klüfte zu überbrücken.“ Sie tut es in Prozessen, in denen Menschen schier unaussprechliche Gewalt bezeugen und in jeder Einzelheit diskutieren. Es ist ein Hochleistungsberuf.

Die Autorin hat zwei Dolmetscherinnen begleitet

Der Roman schildert Konzentration und Anspannung bei der Arbeit, etwa wenn Opfer Aussagen machen und ihre Glaubwürdigkeit nicht durch Fehler beschädigt werden darf. Er erzählt, dass das Gesagte manchmal nicht auszuhalten ist. Er schildert, wie ein Ex-Diktator Augenkontakt mit der Übersetzerin aufnimmt. Trotz Sicherheitsglas und räumlicher Distanz signalisiert er Nähe zu ihr. Der Kontakt über Mikro und Kopfhörer, die Stimme direkt im Ohr, ist ohnehin verstörend intim, sie findet das Verhalten des Angeklagten verunsichernd und beginnt, sich gegen ihren Willen mit ihm zu identifizieren. Kitamura, das berichtet sie in ihrer Danksagung am Ende, beobachtete für ihren Roman zwei Übersetzer am realen Internationalen Strafgerichtshof, sprach mit ihnen, nutzte ihre Erfahrungen und Expertise.

Wir lernen auch das Privatleben der fiktiven Dolmetscherin kennen. Sie ist neu in Den Haag und versucht, sich mit der Stadt anzufreunden, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben will. Sie fühlt sich weder in New York zu Hause, wo sie vor dem Umzug wohnte, noch in Paris, wo sie aufwuchs. Und auch in keiner der anderen Städte, in denen sie dazwischen lebte. Durch ihre Eltern spricht sie Japanisch und Englisch, dazu lernte sie Französisch, Deutsch und Spanisch.

Mit den häufigen Umzügen ähnelt sie der Verfasserin des Romans, der Schriftstellerin und Journalistin Katie Kitamura, die in verschiedenen europäischen Städten wohnte und derzeit in New York lebt. In Deutschland noch nicht sehr bekannt (mit „Intimitäten“ wurde erst der zweite ihrer fünf Romane übersetzt), ist sie in den USA eine viel beachtete Schriftstellerin: Spätestens seitdem Barack Obama „Intimacies“ auf seine Lieblingsbücherliste des Jahres 2021 setzte, kam dort kein Feuilleton mehr an ihr vorbei. Der Roman wurde von News York Times bis Vogue gelobt – und das nicht nur wegen des prominenten Fans oder weil die Hauptfigur kosmopolitisch, begabt, erfolgreich ist, sondern weil Kitamura kunstvoll die Brüchigkeit dieser Frau und die Belastungen ihres Berufes zeigt.

Affäre mit einem verheirateten Mann

Als Icherzählerin erzählt die Dolmetscherin selbst, wie sie eine Affäre mit einem (noch) verheirateten Mann beginnt und hofft, dass daraus mehr wird. Doch je verunsichernder die Arbeit am Gericht, desto unklarer wird diese Beziehung. Ein Überfall ganz in ihrer Nähe zeigt zudem, dass selbst zwischen belgischen Bürgerhäusern nicht alles so sicher ist, wie es scheint. Der Übersetzerin lässt dieses Verbrechen keine Ruhe, sie lernt das Opfer, einen Buchhändler, kennen, der aber auch etwas zu verbergen hat.

Scheinbar Einfaches (Sicherheit, Gefahr, Opfer, Täter, Nähe, Intimität …) wird kompliziert, ja unheimlich. Das satte Leben im reichen Westeuropa und die Gewalt instabiler Bürgerkriegsregionen verschlingen sich im Kopf der Übersetzerin, die ihrerseits zwischen Orten, Sprachen und Kulturen agiert. Und selbst das Gericht ist keine unangefochtene Instanz. Der afrikanische Ex-Diktator im ersten großen Prozess der Dolmetscherin wird von vielen Landsleuten unterstützt. Sie halten seine Anklage vor einem Gericht, das die Großmächte USA, China und Russland nicht anerkennen, für eine Farce.

Die große Stärke des Romans ist, dass er nicht ausschließt, dass sie recht haben könnten. Gut und böse, wahr und falsch beginnen zu schwanken, während Kitamura nüchtern und genau erzählt. Sie tut es in bestens ausgeleuchtete Szenen im Gericht, im Hochsicherheitsgefängnis, in der Altbauwohnung des Geliebten, auf Vernissagen, an schicken Küchentresen, in Buchläden und Cafés. Sie zeigt, wie Haltung, Gesten, Blicke und Kleidung Hierarchien etablieren, wie Menschen mit ihrem Auftreten andere dominieren, für sich einnehmen oder eben nicht, wie sie etwas sagen, manipulieren, vieldeutig oder vage bleiben. Die Dolmetscherin hört nicht nur genau hin, sondern beobachtet auch genau, egal ob in der Dolmetscherkabine, im Bett oder auf einer Vernissage. Natürlich ist so eine Aufmerksamkeit immer auch eine Frage der Perspektive. Das unterstreicht ihre Begegnung mit dem Gemälde „Ein Mann bietet einem jungen Mädchen Geld“ im Mauritshuis, auf dem sie die dreiste Übergriffigkeit eines Mannes studiert. Es wurde 1631 von einer Frau gemalt.

Seite für Seite werden zwischenmenschliche Interaktionen seziert: Wenn der mutmaßliche Massenmörder seiner Übersetzerin zunickt, dabei gleichzeitig charismatisch und abstoßend ist; wenn sein Anwalt sie mit Anspielungen auf ihre Affäre demütigt und provoziert. Wenn der Geliebte einerseits möchte, dass sie in seiner Wohnung wohnt, andererseits nicht wie angekündigt eine, sondern viele Wochen bei der Ex in Portugal bleibt. Was in ihm oder anderen Figuren von der Richterin bis zum Kriegsverbrecher wirklich vorgeht, ist, das sagt dieser Roman auf verschiedene Weisen, schwer bis gar nicht zu wissen. Es ist wie beim Übersetzen: Wie zwischen Sprachen klaffen zuweilen auch zwischen Menschen Abgründe.

Kitamuras Roman „Trennung“ wird mit Katherine Waterston verfilmt und auch „Intimitäten“ kann man sich – auch nach „Die Dolmetscherin“ mit Nicole Kidman – gut auf der Leinwand vorstellen. Verfilmt mit Gerichtssaal- und Kammerspielszenen im alten und neuen Den Haag mit einer Heldin, die am Ende wichtige Entscheidungen trifft. Ob sie damit die Risse in ihrem Leben überbrücken kann, Stabilität und Sicherheit gewinnt, bleibt indes eine der offenen Fragen dieses bestechend vielschichtigen, glasklar erzählten (und übersetzten) Romans.

Katie Kitamura, Intimitäten
Katie Kitamura, IntimitätenHanser

Katie Kitamura: Intimitäten. Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser Verlag, München 2022. 220 Seiten, 24 Euro