Oliver Bottinis Curveball-Krimi: Erschreckend nah an der Wahrheit

„Einmal noch sterben“: Mit dem Tod müssen die Agenten im Einsatz in Bagdad kurz vor dem Irakkrieg in diesem Roman rechnen. Auch in Deutschland wartet Gefahr.

Oliver Bottini erhielt fünfmal den Deutschen Krimipreis.
Oliver Bottini erhielt fünfmal den Deutschen Krimipreis.imago/Future Image

Es gibt diese Bücher, bei denen man nur am Gewicht merkt, dass sie ziemlich dick sein müssen. Man liest zu jeder sich bietenden Gelegenheit – und schon ist es zu Ende. In Oliver Bottinis Roman „Einmal noch sterben“ passiert so viel hintereinander, laufen so verschiedene angefangene Gespräche parallel weiter, dass es fahrlässig wäre, nach ein-, zwei- oder dreihundert Seiten eine längere Pause einzulegen. Nun werden Kenner sagen, dass Bottini eben ein Krimiautor sei.

Der Plot und die Figuren machen „Einmal noch sterben“ fraglos zu einem Politthriller. Landkarten auf dem Vorsatzpapier zeigen Handlungsorte in Deutschland, im Irak sowie in Jordanien. Handlungszeit ist der Februar 2003, also kurz vor dem Irakkrieg, den die USA und eine „Koalition der Willigen“ führten, und der unter anderem mit der Produktion von Massenvernichtungswaffen durch den Irak begründet wurde. Eine beunruhigende Phase zu Beginn unseres Jahrhunderts. Der Hauptbelastungszeuge in dieser Angelegenheit hatte in Verhören durch den deutschen Bundesnachrichtendienst mobile Chemiewaffenfabriken beschrieben. Curveball war sein Deckname beim BND.

Machtspiele beim Geheimdienst

Mit „Curveball“ – so auch der Titel – beschäftigte sich bereits ein so kluger wie bissiger Spielfilm von Johannes Naber, der in den Corona-Kinojahren unterging. Nun lässt Oliver Bottini Mitarbeiter des BND und des Bundeskriminalamts um Curveball kreisen. Er setzt den Schwerpunkt weder bei der Frage, ob der Informant ein Trickser oder eine verlässliche Quelle ist, noch beim Ermittlungsehrgeiz des BND, sondern bei einem weiter reichenden Verschwörungsnetz. Akteure in Politik und Geheimdienst in Deutschland, USA und Frankreich verfolgen konkurrierend ihre Interessen.

Bottinis zentrale männliche Figur, der BND-Agent Frank Jaromin, ist mit dem familiären Umfeld, beruflichen Freunden und Feinden, seinem Gespür für Kontakte zwar ein bisschen überdeutlich gezeichnet. Andererseits führt der Autor mit ihm sowohl zu deutschen Machtspielen als auch zu gefährlichen Schauplätzen in Amman und Bagdad. Und er bindet die Emotionen des Lesers an ihn. Eine wichtige weibliche Figur gibt es auch: Hanne Ley, Sonderermittlerin des BKA, die auf der vermeintlichen Gegenseite Jaromins agiert.

Der von Tatsachen inspirierte und im Detail hoffentlich nur interessant erfundene Stoff würde eine lange komplizierte Nacherzählung erfordern. Auf fast 500 Seiten in örtlich und personell getrennten Kapiteln gegliedert wirkt „Einmal noch sterben“ so überzeugend, dass es schnell gelesen ist – weil Bottini mehr als nur die Krimiregeln beachtet. Er balanciert souverän die Spannung zwischen Weltlage, politischen Intrigen und privaten Verstrickungen aus.

Oliver Bottini: Einmal noch sterben. Roman. Dumont, Köln 2022. 476 Seiten, 25 Euro