Sommerfest am Wannsee: Claudia Roth nennt Übersetzer systemrelevant

Annie Ernaux, Marcel Beyer, Terézia Mora und viele mehr feiern die Kunst, die Notwendigkeit und die Förderung des Übersetzens von Literatur.

Zwischen Sommer und Herbst: Der Deutsche Übersetzerfonds feiert beim Literarischen Colloquium am Wannsee.
Zwischen Sommer und Herbst: Der Deutsche Übersetzerfonds feiert beim Literarischen Colloquium am Wannsee.Berliner Zeitung/Cornelia Geißler

Das Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) läutet den Literaturherbst ein. An diesem Sonnabend wechselte das Wetter am Wannsee dazu symbolisch zwischen der einen und der anderen Jahreszeit. Denn diesmal präsentierte nicht wie üblich ein Verlag seine Stars und Neulinge aus dem laufenden und kommenden Programm. Der Deutsche Übersetzerfonds (DÜF), der seinen Sitz im LCB hat, feierte mit dem Fest den eigenen 25. Geburtstag. Vom frühen Nachmittag bis in den späten Abend stand alles im Sinne des Wechselns und des Übergangs.

Zum Beispiel erörterte die ringsum verehrte französische Autorin Annie Ernaux mit ihrer Übersetzerin Sonja Finck die Veränderung ihres Schreibens vom Persönlichen zum Sachlichen und deren Auswirkungen auf das Deutsche. So wie die Autorin darum gerungen hatte, für „Die Jahre“ die richtige Perspektive zu finden, musste auch die Übersetzerin vieles ausprobieren.

„Wimmerlich“ steht nicht im Wörterbuch

Der Büchner-Preisträger Marcel Beyer führte in einem vergnügten Gespräch mit seiner italienischen Übersetzerin und dem brasilianischen Übersetzer an einem Gedicht vor, wie abenteuerlich Neologismen eine Entsprechung finden können. „Krötigkeit“ und „wimmerlich“ etwa stehen in keinem Wörterbuch. Beyer, der auch selbst Gedichte aus dem Englischen ins Deutsche verwandelt hat, hatte sich mit den Kollegen zuvor zwei Tage in einem Seminar getroffen. Solche Begegnungen gehören zum Programm des DÜF. Beyer mag das: „Man lernt, die eigene Sprache von außen zu betrachten.“

Jede Paarung auf dem stoffüberspannten Podium neben der LCB-Villa ging anders an das Thema heran. Alle einte, dass sie Grenzen für Literatur überwinden. Yevgenia Belorusets und die Ukrainisch-Übersetzerin Claudia Dathe besprachen, wie sich die Bedeutung von Worten ändert. „Besatzung“ war ein historischer Begriff, bis die Annexion der Krim durch Russland ihn emotional auflud. Der Krieg nun macht „Zivilisten“ aus der Militärsprache alltagstauglich.

In die Vergangenheit reisten Terézia Mora und Ulrich Blumenbach. Melancholisch und komisch beschworen sie ihre verstorbenen Autoren Péter Esterházy und David Foster Wallace herbei. Mora holte die Stimme vom Band, Blumenbach spielte, zwischen zwei Stühlen hin und her springend, einen Dialog, der ihm im Corona-Fieber erschienen sei.

Von 1998 bis zum Frühjahr dieses Jahres sind 1109 Übersetzerinnen und Übersetzer durch den DÜF gefördert worden. Kluge, überraschende Reden und Gespräche würdigten deren Arbeit vor einem freundlichen Leser-, Autorinnen- und Übersetzerpublikum. Und dass die Kulturstaatsministerin mit energischen Worten die Politik in die Pflicht nahm, diese Arbeit weiter zu unterstützen, weil sie so systemrelevant sei wie die der Krankenpfleger und Küchenhilfen, das brachte den grauen Restsommerhimmel zum Strahlen.