Leiche Nr. 319: Ukrainischer Schriftsteller in Massengrab entdeckt

Der Autor Wolodymyr Wakulenko wurde bereits im Frühling verschleppt, jetzt wurde seine in einem Massengrab gefundene Leiche identifiziert.

Wolodymyr Wakulenko (1972–2022)
Wolodymyr Wakulenko (1972–2022)ukrainianworldcongress.org

Über eine Facebook-Freundin habe ich vom Schicksal des ukrainischen Schriftstellers Wolodymyr Wakulenko erfahren, den seine Eltern seit dem Frühling suchten. Damals wurde er zusammen mit seinem 15-jährigen autistischen Sohn Vitalii in seinem Haus von russischen Soldaten festgenommen. Die beiden wohnten in dem Dorf Kapitolivka in der Nähe von Isjum im Oblast Charkiw. Nun besteht Gewissheit. Der ukrainische PEN meldet, dass den Eltern Wakulenkos am Montag mitgeteilt wurde, dass es sich bei der Leiche Nr. 319 um ihren Sohn handelt. Der Körper wurde in einem Anfang September entdeckten Massengrab in Isjum gefunden, in dem russische Soldaten 400 Ukrainer verscharrt hatten. Anhand von Fotos und mithilfe eines DNA-Tests wurde der 49-Jährige identifiziert.

Ich kannte Wakulenko nicht, beim Nachrecherchieren sah ich, dass er im selben Jahr, am selben Tag wie ich auf die Welt gekommen ist. Eigentlich dumm, dass er mir durch diesen Zufall noch ein bisschen näher rückt. Es sind die unwillkürlich herausgegriffenen Einzelfälle, die einem die Gräuel des Krieges in der Ukraine ins Bewusstsein rücken und es einem ermöglichen, sich gedanklich in ein fremdes Schicksal hineinzuversetzen – was eine menschliche Gabe ist. Nach seiner Verhaftung am 23. März konnte er wohl noch einmal nach Hause, wo er sein Laptop versteckt und sein Kriegstagebuch unter dem Kirschbaum vergraben haben soll. Am 24. wurde er erneut verhaftet und verschleppt, konnte aber seinen Stiefvater informieren, so landete der Fall überhaupt bei der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft. Der PEN Amerika protestierte im April und forderte eine Untersuchung.

Das Kriegstagebuch unterm Kirschbaum

Wakulenko hat verschiedene, auch internationale Preise für seine 13 Bücher bekommen, besonders bekannt wurde sein Kinderbuch „Tatusewa Kniga“. Er habe sich laut einem kleinen Nachruf im Börsenblatt ein eigenes Genre geschaffen und „Kontraliteratur“ genannt. Darin verbänden sich Postmoderne, Neoklassizismus und Absurdismus. In dem Verzeichnis Korrespondent.net bezeichnet er sich selbst als Anarcho-Punk und liberalen Anarchisten. Auf dem Bild sieht uns ein Mann an, der jung geblieben ist.

Laut der PEN-Protestmeldung soll er bei den Maidan-Protesten verwundet worden sein und sich als Freiwilliger in der ukrainischen Armee gemeldet haben. Seine Ex-Frau vermutet, dass man ihn deshalb gefangen nahm. Und dann mutmaßlich ermordete. Über das Schicksal seines Sohnes wird nichts berichtet. Die Schriftstellerin Victoria Amelin hat bei einem Besuch bei den Eltern das Kriegstagebuch gefunden und dem Charkiwer Literaturmuseum übergeben. Ich will es lesen und Wolodymyr Wakulenko weiter kennenlernen.