„Lektionen“ von Ian McEwan: Was die Klavierlehrerin angerichtet hat

Der neue Roman ist wieder ein Höhepunkt im Schaffen von Ian McEwan. Er handelt von Prägungen und Erinnerungen – und die europäische Geschichte läuft mit.

Ian McEwan: Seine Kunst ist den Lesern vertraut und doch immer wieder neu zu entdecken.
Ian McEwan: Seine Kunst ist den Lesern vertraut und doch immer wieder neu zu entdecken.Bastian Schweitzer/Diogenes Verlag

Lawrence ist vier Monate alt, da verschwindet ein Elternteil, um sich den eigenen Dingen zu widmen. Mit dem verbliebenen wächst er dennoch behütet auf, nicht im Wohlstand, aber ordentlich in London. Es gibt Freunde, die so nahe sind, als wären sie Familie. Hört man solch eine Geschichte, bedeutet das gewöhnlich, dass der Vater das Weite suchte. In Ian McEwans Roman „Lektionen“ verlässt die Mutter Mann und Baby. Es ist das Jahr 1986. Anfangs wissen weder Roland Baines noch die Leser, was Alissa dazu trieb, den Wohnungsschlüssel und eine Botschaft zu hinterlassen: „Versuche nicht, mich zu finden. Mir geht es gut. Es ist nicht Deine Schuld. Ich liebe Dich, aber dies ist endgültig. Ich habe das falsche Leben gelebt. Bitte vergib mir, wenn Du kannst.“

Wir befinden uns auf Seite 20 des in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben reichlich 700 Seiten langen Romans, und von Schuld ist schon zum zweiten Mal die Rede. Beim ersten Mal glitten die Gedanken des übermüdeten Roland zurück in die eigene Kindheit, elf Jahre alt war er 1958, als er im Internat von der jungen Klavierlehrerin Miriam Cornell wegen seiner Fehler an den Tasten traktiert wurde. Sie griff unter den  Saum seiner kurzen Hosen und kniff in die Innenseite seines Oberschenkels. Jede Woche neu wuchs dort ein blauer Fleck. „An dem, was geschehen war, was immer es auch gewesen sein mochte, musste er selbst schuld sein, und Ungehorsam widersprach seinem Naturell.“

Ein Mann mit vielen Talenten

Ist ihm da eine Lektion erteilt worden? Hat Alissa ihn mit dem Abschiedsgruß später etwas lehren wollen? „Lektionen“ heißt der Roman von Ian McEwan, seit „Abbitte“ (2001) bekannt für das Erzählen kleiner, aber wegweisender Wendungen. Auf faszinierende Weise führt er hier das unscheinbare Leben eines Mannes vor Augen, dem Großes vorausgesagt wurde, der aber nie Karriere machte. Sein Talent als Klavierschüler war unvergleichlich, seine Begabung auf dem Tennisplatz bemerkenswert, als Fotograf und Journalist versuchte er sich. Nicht unglücklich ist dieser Mann, aber selten wirklich glücklich.

Als die Kuba-Krise im Oktober 1962 die Welt einen Atomkrieg fürchten lässt, denkt der junge Roland wie seine Schulkameraden, wie blöd es sei zu sterben, ohne wenigstens einmal Sex gehabt zu haben. Der Super-GAU von Tschernobyl bringt den verlassenen Vater Roland dazu, die Fenster abzudichten, um das Baby zu schützen. Beim Fall der Mauer ist er zufällig in Berlin und macht eine unerwartete Begegnung im Café Adler an der Friedrichstraße. Und als er die Urne, deren Asche er verstreuen will, aus einer Zeitung auswickelt, grinst ihm der Politiker Nigel Farage entgegen, der Großbritannien aus der Europäischen Union treiben will. Sogar die Pandemie und der Klimawandel kommen vor.

Geschichte findet statt. Ian McEwan erzählt nicht die Ereignisse, sondern lässt sie mitlaufen in der Weise, wie sie wirklich in einem Leben Raum einnehmen: mal nur als Gesprächsthema, mal als Grund, Entscheidungen zu treffen.

Die erfahrene Frau und der 14-Jährige

Den ersten Sex hat Roland mit jener Miriam Cornell, der Klavierlehrerin, da ist er 14, also lange noch minderjährig. Es entsteht ein Missbrauchs-Verhältnis, das der Junge für Liebe hält und das sie ihm auch so benennt. Die erfahrene Frau lenkt seine sexuellen Bedürfnisse. „Sie hatte sich ins Innerste nicht nur seiner Psyche, sondern auch seiner Biologie gesät.“ Seine Flucht vor ihr verbiegt die Weiche für seinen weiteren Bildungsweg.

Der Mann, von dem Ian McEwan, 1948 geboren, erzählt, ist etwa so alt wie er selbst, teilt mit ihm auch die Kindheitsjahre in Singapur und Libyen. Ein biografisches Detail, von dem er selbst erst spät erfahren hat, die Existenz eines von den Eltern verschwiegenen Bruders, taucht hier ebenfalls auf. Und doch führt der Weg des Romanhelden in die Unscheinbarkeit, während der Romanschreiber einer der berühmtesten Schriftsteller Europas wurde. Die Rolle der Prominenz hat er hier Alissa zugewiesen, der Ex-Frau von Roland.

Mit dieser Figur verknüpft er ein aktuelles kulturpolitisches Thema: Inwieweit das Konzept Familie Frauen daran hindert, ihre Kreativität zum Strahlen zu bringen. Da ist nicht nur ihre doppelte Entscheidung gegen Lawrence als Baby und später als Jugendlicher. Da ist ihre eigene Mutter, die Schriftstellerin werden wollte, und in München kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Geschichte der Weißen Rose recherchierte (McEwan führt sie zu Zeitzeugen und in Archive), sich dann aber einer Ehe in Murnau unterordnete. Schließlich besucht Roland eine Vorlesung über den seinerzeit gefeierten amerikanischen Dichter Robert Lowell (1917-1977), der die Briefe seiner Frau für seine Kunst ausschlachtete – was ihm lange im Kopf herumgeht.

„Lektionen“ ist ein Buch über Prägungen, über das, was den Menschen ausmacht. Am Beispiel von Lawrence erzählt der Roman auch, wie man sich von dem Druck der Prägungen lösen kann. Es ist ein Buch über Verschweigen und Aufarbeiten, über den Umgang mit Erinnerung und über das Erinnern selbst. McEwan folgt schreibend zeitweise der Natur des Erinnerns, indem er das Leben seines Helden so assoziativ erzählt, wie Gedankenströme funktionieren.

West-Platten für Freunde in Ost-Berlin

So geht er zum Beispiel auch ins Ost-Berlin zu Mauerzeiten, wo Roland beim Besuch auf sympathische Leute trifft, die er mit geschmuggelten Platten und Literatur beglückt. Als Bild für die Unfreiheit der DDR nutzt er natürlich die Stasi, allerdings weniger plakativ als viele andere Autoren. Damit kann McEwan seinem Prinzip gemäß wieder historische Verhältnisse einbauen. Ein kleiner Ortsfehler stört dabei nicht sehr. Die Ost-Berliner Freunde sind wichtig genug, dass sie Jahre später wieder auftauchen. In den „Lektionen“ werden auf Nebenstrecken ausgelegte Fäden oft später wieder eingeflochten.

Dass dieser Autor sein Publikum auf vielerlei Weise einzuwickeln versteht, hat er in den vergangenen Jahren zuverlässig und fleißig bewiesen. Mit der Brexit-Satire „Die Kakerlake“, mit seiner seltsam altmodischen und doch hellseherischen Science Fiction „Maschinen wie ich“, mit der komischen Hamlet-Adaption „Nussschale“, auch im Buch „Kindeswohl“, das moralische Fragen hin- und herwendete, oder im Spionageroman „Honig“. Das neueste Werk wirkt daneben größer, durchdachter und raffinierter, weil es so fließend entlang der Zeitgeschichte erzählt ist und auf mehreren Ebenen zum Weiterdenken herausfordert. Reine Lesefreude.

Ian McEwan: Lektionen. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2022. 720 Seiten, 32 Euro