Es gibt allerorten Dürren und Überschwemmungen, Venedig liegt unter Wasser. An Küsten Urlaub zu machen, ist aus der Mode gekommen, denn die Wellen spülen Unmengen von Plastik ans Land und es droht stets Überflutung. „In dem Sommer, als Leda im neunten Monat schwanger war, titelten die Zeitungen zum ersten Mal das Überschreiten der Thermometeranzeige bei siebenundvierzig Grad.“ Wir befinden uns in Leona Stahlmanns Roman „Diese ganzen belanglosen Wunder“, der von einer nicht allzu fernen Zukunft erzählt.

Zunächst geht es um Leda, die mit ihrem Sohn in eine verlassene Saline an einer Flussmündung zieht. Die Gegend ist schön, aber lebensfeindlich, „es ist schwierig für die Pflanzen auf diesem Land: das nie aussetzende Schleifen des Windes vom Sund, die Hochwasser vom Fluss, die Sommerdürren, der harte salzige Boden. Nur scharfer Rettich gedeiht hier, und der Meerkohl schießt ins Kraut“. In Sichtweite liegt ein Industriegebiet, das ökologische Desaster ist fortgeschritten, das weiß auch das Kind: „Wale gibt es seit seinem achten Geburtstag nicht mehr.“

An den Rändern der Katastrophe

Leda zieht also Rettich und Meerkohl, führt Touristen durch die Saline, manchmal liegt sie tagelang im Bett, immer grübelt sie über das Leben ihres Sohnes, den sie in eine kaputte Welt hineingeboren hat. „Ich und die anderen, wir haben dir das Später kaputt gemacht.“ Eines Tages erträgt sie das nicht länger und verlässt Saline und Kind. Danach erzählt der Roman von zwei Frauen, die sich eine Weile lieben, und führt in die nahe Stadt. Es gibt hier Fitnessstudios, Backshops, hübsche Single-Appartements, in denen alle auf Monitore blicken, besonders vorm Einschlafen: „Es durfte nie keine Bilder geben. Die Wahrheit war: Wir wollten unsere Gehirne nicht mit der Welt allein lassen.“

Proteste werden nicht beschrieben. „Wir hatten uns an den Rändern der Katastrophe gut eingerichtet. Wir wussten, dass es uns nicht zuerst erwischen würde.“ Im letzten Drittel des Romans gründet sich immerhin eine Art trotzige Wohngemeinschaft in der Marsch. Sechs Menschen, darunter das verlassene Kind, versuchen sich im analogen Miteinander. Außerdem erkunden sie die Natur, die im gesamten Text als sich permanent ändernde, von wandernden Wasserläufen durchzogene Sphäre beschrieben und erkundet wird.

Das Debüt der 1988 geborenen Autorin Leona Stahlmann, der 2020 erschienene Roman „Der Defekt“, erzählt von einer 16-Jährigen, die ihre masochistische Lust entdeckt. „Diese ganzen belanglosen Wunder“ ist Stahlmanns zweiter Roman. Mit dem Manuskript wurde sie zum diesjährigen Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt eingeladen. Die Reaktion war gemischt bis kritisch, was sicher auch am präsentierten Ausschnitt der 400 Seiten lag. Aber ja, Stahlmann hat viel Emphase und einen Hang zu ausufernden, überdeterminierten Naturbeschreibungen. Andererseits beobachtet sie genau, egal ob es um Napfschnecken, Fotos in Dating Apps oder echte Menschenkörper geht.

Öfter vermischen sich Schwächen und Stärken, zum Beispiel in dieser Passage, wenn Leda sich vor der Niederkunft beobachtet: „Sie und das Kind eine gemeinsame Spur, nicht klar, wem welche Abdrücke gehörten; sein oder ihr wasserfarbenblasser Blutstropfen in der Unterhose, sein oder ihr Schmerzblitzen, wenn der große Muskel sich zusammenzog, in dem das Kind mit dem Kopf nach unten schlief, gebogen wie ein faltiger kleiner Halbmond.“

Das ist eine kluge Beschreibung der merkwürdigen Identitätsaufweichung in der Spätphase einer Schwangerschaft. Aber warum so ein niedliches Bandwurmadjektiv (wasserfarbenblass!), warum Blutstropfen wie bei Schneewittchen, warum Schmerzblitzen statt einfach Schmerz? Weniger ist auch beim Schreiben mehr, das möchte man dieser Autorin öfter zurufen. Aber die Gebärmutter als das zu bezeichnen, was sie ist, nämlich ein Muskel, und im gleichen Atemzug einen Fötus mit dem Mond zu vergleichen, ist gut. Am zu viel, zu doll, zu dick aufgetragen lässt sich arbeiten, literarisches Fingerspitzengefühl lässt sich trainieren (wenn eine das denn möchte), verbale Kreativität eher nicht. Und letztere hat diese Autorin zweifellos.

Alle wissen, wie es ausgeht

Manchmal ist sie auch lustig, etwa wenn Leda über die Widersprüche ihrer Mitmenschen nachdenkt, die sich auf der Suche nach großen Gefühlen durchs Internet klicken: „eine Aufmerksamkeitsspanne, die auf einen Teelöffel passt, aber alles muss immer noch unendlich sein …“  Unendlich ist in ihrem Roman eben nichts mehr, denn die Welt steuert auf ihren Kollaps zu, und alle wissen es.

Was das für die Selbstwahrnehmung und fürs Erzählen bedeutet, das ist die zentrale, übrigens sehr literarische Frage dieses Buchs. Es bietet keine ökologische oder politische Handlungsanleitung (wie rette ich die Welt?), kein dystopisches Drama (wie mache ich die Apokalypse spannend?), sondern untersucht, wie es sich ohne Zukunft lebt. Was tue, denke und erzähle ich, wenn es kein erstrebenswertes Ziel, ja nicht einmal eine annehmbare Perspektive gibt? Das ist nicht heiter, unterhaltsam oder einfach zu klären, aber unausweichlich – spätestens, wenn das salzige Wasser im Winter bis in die Küche schwappt und der Wald im Sommer brennt.

Leona Stahlmann: Diese ganzen belanglosen Wunder. Roman, dtv, München 2022. 400 Seiten, 22 Euro