Warum schwankt hier eigentlich alles?, fragt das lyrische Ich in Ulrike Almut Sandigs neuen Gedichten berechtigterweise, baumelt es doch offenbar an einer schwebenden Leberwurst. Aber damit nicht genug, denn in der Dichtung der Erich-Loest-Preisträgerin mutet so manches grotesk an. Gott erscheint als Turnlehrer und kleine Männer treiben ihr Unwesen in den Köpfen der Menschen. Überdies darf man der menschlichen Hybris leuchtende Schafe verdanken, während wir noch immer ­– als Folge desselben Fortschritts – „nicht aber den fossilen Staubgeschmack/ von Kohle auf der Zunge loswerden“.

Sich von Religion bis Klimawandel an zentralen Diskursen der Wirklichkeit abzuarbeiten, erweist sich gewiss als ein Anspruch der Gedichte. Doch weitaus mehr drängen sie in einen surrealen Kosmos, in dem Gesetze der Logik keinerlei Rolle mehr spielen. Zunehmend überlagern sich in der an der historischen Avantgarde orientierten Poesie verschiedene Realitäten. Die Welt wird zum Traum.

Epochen und Stimmen Berlins

Und das Ich? Es entgrenzt sich, ersehnt gar den Selbstverzicht. Umso mehr verschafft sich in Sandigs Texten ein uns von aller Enge befreien sollendes Du seinen Raum. Daher gilt die Devise: „Es gibt nicht das ‚stell dir vor‘ ohne das ‚dir‘“. Wo sich dieses Zusammenspiel übrigens besonders bemerkbar macht, ist die Großstadt. In einem kleinen Berlin-Zyklus schichtet Sandig verschiedene Epochen und Stimmen übereinander. Ein Tourist wünscht sich die Unsichtbarkeit, Geister kreisen um Litfaßsäulen und über dem Viehmarkt schwebt die Projektion der Deportationszüge nach Theresienstadt.

Klar ist in diesen Gedichten nur eines: ihre flirrende Unklarheit. Gerade die Nutzung unterschiedlicher Stile, die Ironie, Pathos und Schnoddrigkeit unauflösbar verquicken, dient ihr zu einer gekonnten Verführung der Leser. Man sollte bei diesem Band also keine Angst vor dem Orientierungsverlust haben. Das Verlaufen ist erwünscht!

Ulrike Almut Sandig: Leuchtende Schafe. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2022. 112 Seiten, 26 Euro.