Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ ist das ehrlichste Buch über die Atomkraft

Die Politik debattiert über längere Laufzeiten für AKWs. Zeit, sich an den Jugendroman „Die Wolke“ zu erinnern, der Schulkindern Angst vor Atomkraft machte.

Arbeiter ziehen Schutzanzüge an, um das Dach des Tschernobyl-Reaktors zu reinigen.
Arbeiter ziehen Schutzanzüge an, um das Dach des Tschernobyl-Reaktors zu reinigen.imago/Igor Kostin

Schlüsselblumen. Gelb und sonnig. Bis zur Hügelkuppe. Dahinter leuchten die vom Schnee bedeckten Gipfel. Es ist Frühling, alles lebendig und ich froh.

„Die bringe ich Oma mit!“, ich klopfe an die Scheibe des Wohnmobils. Ich bin sechs und mit meinen Eltern auf dem Rückweg von einer Reise durch die Sahara. Wir sind in den Alpen, gleich werden wir bei meinen Großeltern in Innsbruck Station machen.

Ich bin im Kindergarten, ich lese Märchen und Insel-Bilderbücher. Wäre ich älter, dann hätte ich vielleicht schon „Die letzten Kinder von Schewenborn “gelesen, das erste Buch über atomare Bedrohung von Gudrun Pausewang, der Autorin von „Die Wolke“. Aber ich habe noch keine Ahnung.

Keiner wusste, wie schlimm Tschernobyl war, keiner wusste irgendwas

Meine Oma öffnet die Tür, das Gesicht verheult. Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, reiche ich ihr den Strauß Schlüsselblumen, die Stiele sind warm von meiner Hand. Ob wir die gesammelt hätten? Draußen? Die Stimme meiner Oma ist schrill.

„Jo, die hamma brockt“, höre ich meinen Vater, die Worte ruhig, aber zögerlich. Hysterisch schreiend rennt Oma zum Mülleimer, stopft die Blumen hinein, als hätte ich ihr Feuer gebracht. Das Bild der friedlichen Heimkehr zerfällt. Nun weine ich.

Es ist der 30. April 1986. Im Kernkraftwerk Tschernobyl gab es einen Super-GAU. Keiner weiß, wie schlimm es ist. Keiner weiß überhaupt irgendwas. Aber schlimm, sehr schlimm, ist die Angst. Meine Eltern haben während der Reise – heute kaum vorstellbar – keine Nachrichten gehört. Unser Radio funktionierte nicht, die ausländischen Zeitungen konnten sie nicht lesen.

Teilnehmer während einer Demonstration für Strahlungsaufklärung durch die Behörden in Bonn nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl.
Teilnehmer während einer Demonstration für Strahlungsaufklärung durch die Behörden in Bonn nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl.imago/Dieter Bauer

Wir durften monatelang nicht in den Sandkasten

Die Schlüsselblumen, der Regen, die Berge – alles sah normal aus. Doch atomare Strahlung ist unsichtbar, lernte ich. Du kannst auf nichts vertrauen. Die Strahlen machen krank, wenn du es merkst, ist es längst zu spät. Wir blieben drinnen, aßen Eingewecktes und warteten.

Die Angst war allgegenwärtig. Die Kindergärtnerin, die ich im Sommer 1986 fragte, warum wir noch immer nicht in den Sandkasten dürfen, rief wütend, ich solle froh sein, dass ich noch meine Haare hätte, nicht so wie die Kinder in der UdSSR.

Was ich nicht wusste, weil ich sechs Jahre alt war: Schon in den ersten Tagen nach dem Reaktorunglück begann ein politischer Kampf um die Deutungshoheit. Kann es ein deutsches Tschernobyl geben? Müssen alle Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden? Oder ist das fortschrittsfeindlich und hysterisch?

Die politischen Gräben vertieften sich. Nordrheinwestfalens Ministerpräsident Johannes Rau, bisher mächtiger Verfechter der Atomkraft, wandte sich nun dagegen. Gleichzeitig blieb Bundeskanzler Helmut Kohl der Kernkraft treu und sagte im Mai 1986 im Bundestag, sie sei ethisch vertretbar. Die Energieunternehmen, mächtig und finanzkräftig, machten Stimmung gegen „grüne Hysterie“. Bis 1989 gingen sechs zusätzliche AKW ans Netz.

Zerbröselnde Wildschweine und haarlose Kinder

Unter all diesen Eindrücken begann Gudrun Pausewang ein neues Buch zu schreiben. Im Februar 1987 erschien „Die Wolke“. Ich war in der 1. Klasse, hatte gerade gelernt, mir die Schuhe zuzubinden und dass es Gefahren gibt, die auch Erwachsene nicht kontrollieren können. Das Gefühl der Bedrohung war abgeflacht. Das Leben ging weiter. Keinem, den ich kannte, fielen die Haare aus, irgendwann durften wir wieder im Sand spielen. Aber das Lauern im Hintergrund, das blieb. Und ich, ich hatte zu viel gehört und zu wenig verstanden.

Strahlenmessung auf einem Feld in der Nähe des Tschernobyl-Reaktors.
Strahlenmessung auf einem Feld in der Nähe des Tschernobyl-Reaktors.imago/SNA

In meinem Kopf fügte sich ein Bild von zerbröselnden Wildschweinen, Monsterpilzen und haarlosen Kindern mit sterbenden Augen zusammen. Darüber zu sprechen gelang mir nicht. Ich hatte keine Worte dafür. Ich hatte nur Bilder. Und Erwachsene sprachen sowieso kaum mit uns Kindern darüber.

Es gab eine breite Bewegung, die wollte, dass das so bleibt. Gudrun Pausewangs Buch „Die Wolke“ wurde im Jahr 1988 mit drei Preisen ausgezeichnet. Zwei Preisen für Fantastik – und es sollte den deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Der Preis war damals ein Staatspreis. Und das wurde „Die Wolke“ beinahe zum Verhängnis. Denn es war nicht im Sinne der regierenden, atomfreundlichen CDU, dass Pausewang diesen wichtigen Preis bekam.

Es gab ein Veto. In einer öffentlichen Debatte sprachen sich Walter Jens, Peter Härtling und Bettina Hurrelmann für Pausewang aus. Aber es brauchte den Mut einer Rita Süssmuth, Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, die den Preis gegen den Willen ihrer Partei an Pausewang verlieh. Meine Lektorin Susanne Stark war als junge Frau bei der Preisübergabe und erlebte, wie Süssmuth eine nicht freigegebene, improvisierte Rede über die Bedeutung der Freiheit des Wortes vor Unterdrückung hielt.

Das Atomkraftwerk Tschernobyl nach der Katastrophe.
Das Atomkraftwerk Tschernobyl nach der Katastrophe.imago/VM

Ein Buch voller Verzweiflung und Dunkelheit

Es war das letzte Mal, dass der Jugendliteraturpreis als Staatspreis verliehen wurde. All das erfuhr ich Jahrzehnte später. Und ich las „Die Wolke“ erst 1989. Das Buch hat mich gepackt, gewürgt, hat mir Angst gemacht. Nie werde ich vergessen, wie Jenna-Berta die Leiche ihres kleinen Bruders findet. Es ist ein Buch voller Verzweiflung und Dunkelheit.

Und doch war das Lesen für mich eine Befreiung. Ich hatte das Gefühl, nun bittet mich endlich jemand an den Tisch und spricht mit mir, offen und ehrlich, über all die Ängste, die in der Welt flüsternd herumgeistern. Und darin lag für mich Hoffnung, auch wenn es paradox klingen mag. Ich konnte ja begreifen, dass diese dystopische Zukunft nicht so kommen musste. Wenn wir etwas dafür taten.

„Die Wolke“ war für mich der erwachsene Mensch, der mich ernst nahm und mir ins Gesicht sagte: Die Welt ist nicht rosig. Ja, du hast die geheimen Zeichen richtig gelesen. Und das Buch sagte mir auch: Es gibt Hoffnung. Sie liegt in der Offenheit. Sie liegt in der Gemeinschaft.

Kinder müssen vor einer Welt beschützt werden, in der so wenige Erwachsene den Mut haben, ehrlich zu sprechen

Und doch gab es zwei Probleme. Der Text gab mir kaum Ideen für konkrete Handlungen. Und niemand gab mir eine Einordnung. Ich hatte die Wahrheit gehört und nun kein Werkzeug, um den Lauf der Dinge zu verändern. Das hat mich lange beschäftigt, das hat mich politisiert.

Ich weiß nicht, ob ich Albträume hatte von der Lektüre. Vielleicht. Ich weiß, dass ich viel über den Text gegrübelt habe. Manche würden sagen, ich, das Kind, hätte davor beschützt werden müssen. Aber es ist nicht dieses Buch, vor dem Kinder Schutz brauchen. Kinder müssen vor einer Welt beschützt werden, in der so wenige Erwachsene den Mut haben, offen und ehrlich zu sprechen, die Ängste und Gefahren anzuerkennen. Denn erst was ich als existent anerkenne, kann ich verändern und so Hoffnung möglich machen. „Die Wolke“ hat für mich diese Lücke gefüllt. Und ich hoffe, das kann es auch heute für Kinder tun.

Sarah Raich ist Autorin, zuletzt erschien der dystopische Jugendroman „All that’s left“, im Februar 2023 erscheint ihr neuer Roman „Equilon“ bei dtv.