Édouard Louis’ „Anleitung ein anderer zu werden“: Im Rausch der Verwandlung

Der französische Autor Édouard Louis variiert den Pygmalion-Mythos, nur dass der Schöpfer und sein Werk sich denselben Körper teilen. 

Édouard Louis
Édouard LouisChristian Werner

Im Jahr 1979 hat der französische Soziologe Pierre Bourdieu sein Werk „Die feinen Unterschiede“ veröffentlicht. Darin führt er gesellschaftliche Differenzierung nicht allein auf die soziale Herkunft zurück, sondern auch auf den von ihr erzeugten Lebensstil, das heißt Sprache, Kleidung, Musikgeschmack und so weiter. Dieser Habitus wirkt mächtig im Verborgenen – beim Bildungs-, dem beruflichen und sozialen Erfolg.

Édouard Louis kommt aus der Klasse, die Bourdieu die Volksklasse nennt, es ist die unterste soziale Schicht. Der Vater ist arbeitslos, die Mutter arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst. Im Haus stinkt es nach Zigarettenrauch, Heizöl und frittiertem Essen, die Mutter schläft abends erschöpft vorm Fernseher ein, der Vater säuft in der Kneipe. Édouard Louis, damals noch Eddy Bellegeule, hätte sich wohl nichts weiter bei all dem gedacht, es ist seine Klasse selbst, die ihn ausstößt. Dafür genügt ein Wort: Schwuchtel. Es sind die Beleidigungen und die Angst des homosexuellen Jungen, die verhindern, dass er das Leben der Eltern wiederholt. Es ist die Erniedrigung, die ihn dazu zwingt, sich von allem zu befreien.

In seinem gesamten bisherigen Werk beschäftigt sich Édouard Louis mit seiner Herkunft und seiner Flucht davor. Sein neuster Roman „Anleitung ein anderer zu werden“ reiht sich hier ein, manches kennt man schon aus den früheren Büchern. Es ist, als müsse der Autor seine Vergangenheit immer wieder bannen, indem er von ihr schreibt. Und es ist in anderem Sinn ja wirklich die Literatur, die sich als Rettung erweist, indem sie aus Eddy Bellegeule den gefeierten Buchautor Édouard Louis gemacht hat, in einer Art literarischer Dialektik, die sich auf den Weg zurück in den Morast der Herkunft machen muss, um sich dann darüber zu erheben.

Édouard Louis beschreibt seine eigene Metamorphose

„Anleitung ein anderer zu werden“ ist genau das: die minutiöse und faszinierende und durchaus nachahmbare Beschreibung einer Metamorphose. Edouard Louis erzählt, wie er sich von einem Mitglied der untersten Klasse in eines der obersten Klasse verwandelt. Nicht, was das ökonomische Kapital angeht, aber in Hinblick auf das soziale und kulturelle Kapital, das sich in Geschmack, Sprache, Ausbildung an einer Eliteschule ausdrückt. Er verleugnet seine Klasse nicht, er verlässt sie. Erst dann wird sein Begehren möglich.

Édouard Louis variiert den Pygmalion-Mythos, nur dass der Schöpfer und sein Werk sich denselben Körper teilen, Subjekt und Objekt zugleich sind. Im Körper materialisiert sich Klasse, Bildung, eben der Habitus. „Meine Herkunft war mir in den Leib geschrieben, in die Stimme, in jede Bewegung, also beschloss ich, alles an mir zu verändern“, schreibt er. Es geht also nicht nur darum, ein irrsinniges Lesepensum zu bewältigen, um den Bildungsrückstand aufzuarbeiten, sondern etwa auch um die Behandlung der Zähne. Der Preis dafür ist hoch. Und auf dem Weg bleiben Menschen zurück, die sich im Rückblick als Sprossen einer Treppe erweisen, die ihn zum Ziel führt. Einem von ihnen gibt Louis in Elenas Monolog eine leider recht larmoyante Stimme. „Ich wollte deine Ziellinie sein, dabei war ich nur dein Startblock.“

Der Autor führt ein Experiment durch, mit der er Bourdieus Theorie beweist, und mit dem er sich vor seinem Lehrmeister Didier Eribon verneigt. Der Beschreibung dieses Menschenversuchs folgt man atemlos. Das Triumphieren über die Herkunft erweist sich als nicht enden wollender Prozess, es ist wie eine Spirale, die sich höher und höher schraubt. Immer neue, schier unmöglich zu erreichende Ziele versprechen endgültige Rettung, den Beginn des Lebens. Sein Anderswerden wird zu einer Obsession, er ist im Rausch der Verwandlung.

<strong>Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden</strong>. Aus dem Französischen von&nbsp; Sonja Finck, Aufbau Verlag Berlin, 272 S., 24 Euro
Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden. Aus dem Französischen von Sonja Finck, Aufbau Verlag Berlin, 272 S., 24 EuroAufbau

Am 28. September um 19 Uhr kommt Édouard Louis in die Buchhandlung „Geistesblüten“, Walter-Benjamin-Platz 2.  Aus der deutschen Übersetzung liest der Schauspieler und Regisseur Tommy Wiesner.
Am 29. September um 12 Uhr signiert der Autor eine Stunde lang sein Werk in der Buchhandlung Buchbox!, Lettestraße 5. Das Buch kann vor Ort erworben werden.