Joanne K. Rowlings neuer Krimi: Hasenfüßige Hater, toxische Täter

„Das tiefschwarze Herz“, Joanne K. Rowlings neuer Krimi um den einbeinigen Detektiv Strike, entfaltet sich als epische social novel Dickens'scher Schule.

Holliday Grainger als Robin Ellacott und Tom Burke als Cormoran Strike in der BBC-Serie „Strike“.
Holliday Grainger als Robin Ellacott und Tom Burke als Cormoran Strike in der BBC-Serie „Strike“.www.imago-images.de

Zu den wichtigsten Eigenschaften guter Krimis gehört Entschlossenheit. Des Autors wie der Hauptfigur gleichermaßen. Im Englischen hat man dafür das Adjektiv tight, was sowohl prall heißen kann als auch diszipliniert, überlegt, planmäßig; und das ist nur scheinbar widersprüchlich und heißt im Grunde nichts anderes, als dass bitte viel passieren soll – dies aber umstandslos. Die Meister des Genres – Patricia Highsmith, Raymond Chandler, Elmore Leonard, James Ellroy – haben auf 250 Seiten, im etwas sperrigeren und wortreicheren Deutsch vielleicht auch auf 350 Seiten, stets alles erzählt, was es zu erzählen gibt.

Auch Joanne K. Rowling, die seit 2013 unter dem Namen Robert Galbraith Detektivromane schreibt, begann mit griffigen Längen – bei „Harry Potter“, aber auch bei ihrer Serie um den kriegsversehrten Privatermittler Cormoran Strike und seine Geschäfts- und Seelenkomplizin, die vom Leben nicht minder gebeutelte Robin Ellacott. Und noch jedes Buch legte an Umfang zu. Der kürzlich erschienene, inzwischen sechste Fall „Das tiefschwarze Herz“ bringt es in der deutschen Übersetzung auf 1360 Seiten – für die beinahe klassische englische whodunit-Geschichte, die sich hier entfaltet, ist das natürlich eine absurde Länge.

Die erfolgreichste Schriftstellerin der Welt

Aber es ist eben Joanne Rowling, die erfolgreichste Schriftstellerin der Welt und als solche eine gigantische Eine-Frau-Industrie. Auch Strike, der im abgewetzten Pennermantel durch London humpelt, sein in Afghanistan in Dauerschieflage geratenes Leben bevorzugt mit einer Zigarette in der einen und einem Pint in der anderen Hand auszubalancieren versucht und Gefühlsregungen, wenn überhaupt, dann bei der Aussicht zeigt, „sich etwa eine Stunde lang bei einem Becher starken Tee hinsetzen zu können, ganz in der Nähe seiner eigenen Toilette, auf der er so laut furzen konnte, wie es ihm beliebte“ – dieser Freak also ist ebenfalls längst ein Millionenmann und in seiner von Tom Burke verkörperten BBC-Inkarnation in jeder Hinsicht ein Turm im globalen Streaming-Getümmel. Welcher Lektor wird es wagen, hier den Samuel Fischer zu geben, der der Legende nach selbst Manuskripte von Thomas Mann einst mit der Anmerkung zurückschickte, der Autor möge doch bitte zu Form und Stil finden und vor allem die einen oder anderen hundert Seiten rauskürzen.

Der Sog, der einen nach nur wenigen Seiten in dieses Buch zieht, lässt derlei Gedanken freilich fast blasphemisch erscheinen. Rowling ist ja nicht einfach nur Blockbuster-Produzentin, sondern vor allem auch ein literarisches Phänomen, und von daher gelingt es ihr natürlich so beiläufig wie zwingend, den Mordplot um die erdolchte Schöpferin einer YouTube-Serie von einer social novel Dickens’scher Schule zu umrahmen, mit einem breiten Panoptikum an britischen Schrullen, von exzentrischen Millionärserben mit rassistischen Ideologien bis zum in deprimierender Trostlosigkeit dahinlebenden kreativen Prekariat.

Und wie bei Rowling üblich, mäandert die Geschichte zunächst scheinbar gemächlich vor sich hin, gleichwohl man ständig das Gefühl hat, ein loses Hochspannungskabel schlängele sich durch alle Windungen und Wendungen – und man kann nie sicher sein, dass nicht einer drauftritt und das Schlimmste passiert.

Joanne K. Rowling alias Robert Galbraith
Joanne K. Rowling alias Robert GalbraithDebra Hurford Brown

Tatsächlich ist das Buch, das im Jahr 2015 spielt, in rund 100 straffe Kapitel gegliedert, die stets enden, bevor die entscheidende Information kommt, um die jeweilige Situation aufzulösen. Das umgibt die Sätze und Szenarien mit einem nervösen, fast fiebrigen Flirren, was auch thematisch passt. Denn der Titel des Romans bezieht sich auf erwähnte fiktive, kultisch verehrte und irgendwie Tim-Burtoneske Animationsserie auf YouTube, die auf dem Highgate Cemetery spielt, der letzten Ruhestätte von Karl Marx, Douglas Adams und George Michael, und sich um menschliche Organe und Körperteile dreht, die nächtens zum Leben erwachen und munter miteinander in Beziehung treten.

„Das tiefschwarze Herz“ führt ein Eigenleben online

Im englischen Original heißen Serie wie Roman „The Ink Black Heart“, was man – wohl um nicht Cornelia Funke und deren „Tintenherz“ ins Gehege zu kommen – als „Das tiefschwarze Herz“ übersetzt hat, obwohl Tinte in jederlei Sinn die Geschichte durchwirkt und auch antreibt. Aber den drei Übersetzern und deren Fron, damit das Buch auch ja nicht mehr als eine Woche später als in England und den USA auf den Markt kommt, ist sowieso am besten gedient, wenn man möglichst wenig auf sie zu sprechen kommt. Sätze wie: „Josh und ich haben in Saint Martins gedatet“ sind nicht mal mehr schludrig zu nennen.

Die Serie, ersonnen von zwei verspulten Künstlernaturen namens Edie Ledwell und Josh Blay, ist jedenfalls so erfolgreich, dass Netflix darauf anspringt – dass sie andererseits aber auch eine Gemeinde an Fanatikern heranzieht, die sich anonym in einem Onlineforum treffen, dort austauschen, sogar ein eigenes interaktives Spiel um die Serie herum entwickelt haben und ansonsten jeden Fortgang von „Das tiefschwarze Herz“ streng überwachen, beurteilen, beanstanden und im Zweifelsfall auseinandernehmen.

Doch irgendwann bleibt es nicht mehr beim Online-Bashing. Besonders Edie kriegt es richtig ab, sie wird gedoxxt, das heißt, ihre privaten Daten werden preis- und sie zum Abschuss freigegeben, weil sie angeblich rassistisch und behindertenfeindlich sei, „und na ja, sie unterstellen ihr so ziemlich jedes -istisch und -feindlich, das du dir nur vorstellen kannst“, stellt Robin fest, nachdem Edie Ledwell Hilfe bei ihr und Strike gesucht hat vor einem besonders unangenehmen Troll namens Anomie. Tags darauf ist Edie tot, erstochen auf dem Highgate Cemetery.

Die Autorin schert sich beim Schreiben nicht um die Debatten

So machen sich Strike und Robin auf die Suche nach dem Mörder, und die führt sie in ein befremdliches Alternativ-Universum: Seiten um Seiten und Stunden und Stunden arbeiten sich die beiden – gemeinsam mit dem Leser – durch die Toxizitäten der Fanforen und Chatrooms, in denen jeder das ist, was er von sich behauptet, und sagen kann, was er will: „Anomie: Wenn Gott wollte, dass wir Mitgefühl empfinden, wieso hat er weinende Leute dann so fkn hässlich gemacht.“ Wer will, kann hier natürlich was hineingeheimnissen, denn Joanne Rowling ist bekanntlich und zum Verdruss von Identitätsideologen eine entschiedene Gegnerin der Idee, dass jeder das ist, was er von sich behauptet. Aber mit dem Fall, so viel sei verraten, ja mit dem ganzen epischen Drama, das „Das tiefschwarze Herz“ erzählt, hat dies fast oder eigentlich gar nichts zu tun.

Auch weil es wie immer am Ende um Strike und Robin geht und bei aller Suche nach Stalkern, Stechern, hasenfüßigen Hatern und toxischen Tätern doch vor allem um ihre Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, die sie behüten sollen – und auf alle Fälle nach der Errettung vor den Gespenstern der Vergangenheit. Jeder Killer, den sie gemeinsam zur Strecke bringen, ist letztlich ein Tintenkiller auf ihrem tiefschwarzen Herz.

4 von 5 Punkten

Robert Galbraith: Das tiefschwarze Herz. Aus dem Englischen von Christoph Göhler, Kristof Kurz und Wulf Bergner. Blanvalet, München 2022. 1360 Seiten, 26 Euro.