Annie Ernaux, die Literaturnobelpreisträgerin, verändert ihre Leser

Die renommierteste literarische Auszeichnung der Welt geht hoch verdient an die Autorin aus Frankreich, die das autobiografische Schreiben neu erfand.

Annie Ernaux, eine Autorin, deren Bücher ein riesiges Publikum verdient haben
Annie Ernaux, eine Autorin, deren Bücher ein riesiges Publikum verdient habenAFP/Julie Sebadelha

Dieser Nobelpreis ist keine Überraschung. Oder doch, weil es nach der Verkündung am Donnerstagmittag so überraschend eindeutig war, dass Annie Ernaux ihn erhalten musste. Ja, warum hatte die Schwedische Akademie überhaupt noch mehr als 200 andere Namen auf ihrer Liste? Geehrt wird eine Autorin, deren Werk von so überzeugender Klarheit ist, dass es leicht zugänglich erscheint. Zugleich haben die Bücher eine Tiefe, dass ein jedes nachwirkt, geradezu bohrend präsent bleibt, ja die Leserinnen und Leser verändert. Zugleich hat sie in einer Weise das biografische Schreiben verändert, dass es mit Fug und Recht zur Weltliteratur gehört. Annie Ernaux erforscht die Zeit, in der wir leben, nicht als Chronistin der Ereignisse, eher in soziologischer Weise und dabei doch individuell. Sie geht von ihrem engsten Umfeld aus und greift von dieser Position in ihre Generation.

In Deutschland gehört sie seit wenigen Jahren zu den Stars. Gerade erst war sie beim Sommerfest des Literarischen Colloquiums am Wannsee zu Gast. Sie sprach auf der Bühne im frühherbstlichen Wetter mit ihrer Übersetzerin Sonja Finck über ihr Schreiben, warum sie zum Beispiel für „Die Jahre“, 2017 erstmals erschienen, Fotos zur Grundlage nahm, aber nicht möchte, dass man diese sehen kann. Sie zieht etwas Allgemeingültiges aus Aufbau und Details, erkennt die Zeit der Aufnahme und damit auch die gesellschaftliche Situation. Und sei es nur der Blick auf ein Mädchen am Strand: In welcher Pose sitzt sie da? Warum?

Sie hat in Literatur gebadet

„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“, wollte sie mit diesem Buch. Sie erzählt von sich, aber sie sagt nicht „ich“, sie schreibt „sie“, meint eine Frau, die von den Umständen ihrer Gegenwart geprägt ist. Eine, wie sie sagt, „unpersönliche Autobiografie“. Übrigens sind es nicht nur Fotos, die sie für „Die Jahre“ verwendet hat, sondern auch Filmmaterial. In Cannes stellte sie in diesem Jahr einen Dokumentarfilm auf Grundlage der Super-8-Filme vor, die sie zwischen 1972 und 1981 in ihrer Familie gedreht hat.

Bei einer anderen Begegnung, als sie 2019 den Prix de l'Académie de Berlin bekam, wird sie nach ihren Vorbildern gefragt und sagt: „Ich habe in Literatur gebadet“, habe immer gelesen, Literatur studiert, Literatur unterrichtet. Auf Pierre Bourdieu und Albert Camus beziehe sie sich, Gustave Flaubert liebe sie.

Es war vor allem der Erfolg von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, 2016 auf Deutsch erschienen, der in der deutschsprachigen Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit für Ernaux weckte. Eribon bezieht sich selbst auf sie. Bereits übersetzte Bücher von ihr wurden nach und nach durch Sonja Finck noch einmal übertragen: Diese Übersetzerin trifft angemessen den nüchternen, dabei nicht kalten Ton, mit dem die Autorin Verletzungen, Traumata und Umwälzungen beschreibt. Annie Ernaux bezeichnet sich als „Ethnologin ihrer selbst“. Indem sie sich erkundet, lässt sie uns genauer auf die Gesellschaft sehen.

Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, wurde 1940 in der Normandie geboren, wohnt heute in einem Vorort von Paris. Der Vater, zunächst Landarbeiter, führte einen einfachen Laden mit Café. Sie hat als Erste in ihrer Familie studiert, dann als Lehrerin am Gymnasium gearbeitet. Diesen Sprung aus ihrem sozialen Milieu, aus ihrer Klasse, hat Annie Ernaux als Verrat an ihrer Herkunft empfunden. Das spiegelt sich in jedem ihrer Bücher. In „Der Platz“ fasst sie das mit dem Motto vorn im Buch zusammen, es stammt von Jean Genet: „Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.“

Die Liebe und der Hass der Eltern

Sie veröffentlicht seit den 70er-Jahren, zu ihrer speziellen Art des autobiografisch-soziologischen Schreibens hat sie Anfang der 80er-Jahre gefunden, mit dem Buch „Der Platz“. Sie schreibt von ihrem Vater und der begrenzten Position in der Welt, die er sich erkämpft hat. Überhaupt kann man mehrere Bücher einzelnen Personen zuordnen: In „Eine Frau“ geht sie vom Tod der Mutter aus, nimmt von ihr Abschied. „Ich versuche, die Wut, die überschwängliche Liebe und die Vorwürfe meiner Mutter nicht nur als individuelle Charakterzüge zu betrachten, sondern sie in ihrer Lebensgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Stellung zu verorten“, heißt es darin. Die eigene verstörende erste sexuelle Begegnung ergründet sie in „Erinnerung eines Mädchens“. Und „Das Ereignis“ kreist um den Versuch einer Abtreibung im Frankreich des Jahres 1963, schon das Wort für den Eingriff erschien damals unaussprechlich.

In diesen Tagen kommt gerade ein neues Buch auf Deutsch in die Läden, 2011 im Original erschienen. Es ist eine Art Brief an ihre im Alter von sechs Jahren verstorbene Schwester, von der sie als Kind durch Zufall erfahren hat: „Das andere Mädchen“. „Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied.“ Die als Einzelkind aufgewachsene Autorin mutmaßt, dass ein Teil ihrer Lebensenergie von ihrer Schwester herrührt.

Am Ende von „Die Jahre“ steht wie als Resümee: „Sie will in einem individuellen Gedächtnis das kollektive Gedächtnis finden und so die Geschichte mit Leben füllen.“ Damit fasst Annie Ernaux ihre Methode zusammen und erklärt auch, warum die Bücher die Leserin, den Leser so tief treffen: Weil wir Teil dieses Kollektivs sind. Die Nobelpreis-Jury ehrt Annie Ernaux „für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt“.

Auch wenn sie im Interview männliche Kollegen nennt, ist sie doch eine Autorin in der Tradition von Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, Simone de Beauvoir und Marguerite Yourcenar. Für Frauen sind die Bedingungen des Schreibens stärker durch Familie und Umfeld definiert. Mit ihrer literarischen Stimme, die Prägungen, Chancen und Beschränkungen durch die Gesellschaft durchdringt und das Individuelle dabei hochhält, beginnt auch etwas Neues. Dass Annie Ernaux diese höchste in der Literaturwelt mögliche Auszeichnung erhalten hat, ist Grund zu großer Freude.