Die Schriftstellerin Zoë Beck, zuletzt mehrfach für ihren Thriller „Paradise City“ ausgezeichnet, ist auch Verlegerin, Übersetzerin und Synchron-Regisseurin. Befragt nach ihrer Arbeit im digitalen Zeitalter, fiel ihr noch ein Beruf ein. Sie verglich sich mit der Sängerin PJ Harvey. Die hatte vor ein paar Jahren ihr Publikum an den Aufnahmen für ein neues Album teilnehmen lassen, indem sie in eine einseitig verspiegelte Glasbox in London zog. Die Fans konnten alles sehen, blieben aber für die Musiker unsichtbar. Wenn man als Schriftsteller Social Media nutze, lasse man zu, dass die Leser einen nicht nur dabei beobachten können, wenn gerade ein neues Buch erscheint, sondern auch, wenn man auf dem Sofa neue Ideen erwarte. Das habe seine Nachteile, aber den großen Vorteil, besonders interessierte Leser direkt zu erreichen.

Mit einer Fachkonferenz über das „Schreiben und Publizieren im digitalem Zeitalter“ begann am Montag das Festival Lit:Potsdam in prima Stimmung. Karina Fenner vom Verlag Voland & Quist erwähnte kurz die vielfachen Verbesserungen der verlegerischen Arbeit durch digitale Bestell- und Abrechnungssysteme, um dann zu erklären, dass die Beschäftigung mit Facebook, Twitter und Instagram nur Erfolg habe, wenn man da viel Zeit und Mühe reinstecke. Und es passe eben nicht für jeden: „Wir haben gerade wieder einen Autor, der unter Pseudonym veröffentlicht.“ Ja, den kann man schwerlich in eine Glasbox setzen.

„Brauchen wir bald keine Verlage mehr?“

Sehr angenehm an der Gesprächsrunde am Montagvormittag unter frühsommerlicher Sonne war, dass alle Teilnehmer konkrete Beispiele brachten. Der Moderator Torsten Casimir ist im Hauptberuf Chefredakteur des Börsenblatts, dem Verbandsorgan des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In der jüngsten Ausgabe seien 25 Seiten Anzeigen von Selfpublishern, sagte er, also von Leuten, die ihre Bücher ohne die üblichen Verlage publiziert haben. Da dies durch die Digitalisierung sehr einfach geworden ist, fragte er: „Brauchen wir bald keine Verlage mehr?“

Die Leute, die sich zu diesem Wochenanfang zu Beginn einer Zeit der Lockerungen im Garten der Villa Schöningen gleich hinter der Glienicker Brücke zusammengefunden hatten, waren ihrer Natur gemäß alle auf ein Nein in den Antworten gefasst. Sie wollten ja nicht der Abschaffung ihrer Branche beiwohnen. Zumal mit Peter Kraus vom Cleff nicht nur der ehemalige kaufmännische Geschäftsführer von Rowohlt mit auf dem Podium saß, sondern der designierte neue Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands. Er muss Verlage qua Amt für sehr wichtig halten und lenkte den Blick aufs Urheberrecht, das im digitalen Zeitalter gefährdet sei. Viel zu leicht könnten E-Books weitervertrieben werden. Zu Zoë Becks Glaskasten-These ergänzte er, dass es für viele Autoren schon schwierig sei, mit Rezensionen aus klassischen Medien konfrontiert zu sein, bei Social Media kämen Verrisse sehr direkt: „Das ist dann, als würde der Kritiker an der Tür klingeln.“

Christina-Maria Piwowarski von der Buchhandlung Ocelot aus Berlin-Mitte zeigte sich als große Freundin der Digitalisierung. Lesungen zu streamen fand sie schon vor der Corona-Krise selbstverständlich, denn es habe nicht jeder die Möglichkeit, abends aus dem Haus zu gehen – zum Beispiel wegen kleiner Kinder. Sie betreibt mit einem Kollegen einen Literatur-Podcast, die Buchhandlung ist auf verschiedenen Internet-Plattformen aktiv. Selfpublishern jedoch müsse sie immer wieder erklären, warum sie deren Büchern nur wenig Chancen einräume: Gestaltung und Lektorat seien nicht zu unterschätzen. „Wie sehen uns als Kuratoren“, erklärte dazu Karina Fenner die Verlagsarbeit, als Auswählende und Begleiter der Produkte. Unters sanft vom Wind bewegte Tischtuch fiel, dass es durchaus manche Selfpublisher zu einigem Verkaufserfolg bringen, vor allem mit Fantasy- und Liebesgeschichten, aber auch mit Sachbüchern. 

Das Fernsehpublikum zum Lesen erziehen

Die erste Runde sollte diskutieren, wie die Digitalisierung die Buchbranche verändert, die zweite sich mit den Auswirkungen auf die Presse beschäftigen. Gestreift wurden sie bereits in der ersten. Nach wie vor kämen Kunden mit ausgeschnittenen Rezensionen aus Zeitungen in die Buchhandlung, erzählte Maria-Christina Piwowarski. Doch der Einfluss von Leseempfehlungen in Blogs und auf Instagram nehme zu, nicht nur beim jungen Publikum, auch bei Menschen über 60, 70 Jahren. Es würde immer alles auf die Quote geschoben, mutmaßte Peter Kraus vom Cleff, der sich eine Literatursendung zur Prime Time wünschte. „So wie wir unseren Kindern regelmäßig vorlesen müssen, um sie an Bücher heranzuführen, sollte man dem Fernsehpublikum Literatur präsentieren“, sagte er. Das klang wie ein Argument von vor dreißig Jahren. 

Die Medienvertreter am Nachmittag dachten allerdings nicht daran, ihr Gewerbe schlechtzureden. Vielleicht waren sie selbst einfach nur froh, nach drei abgesagten Buchmessen unbeschwert analog über das Digitale zu sprechen. Das coronagetestete Publikum saß entspannt über die Gartenanlage aus dem 19. Jahrhundert verteilt: einige Dutzend Menschen mit ähnlichen Interessen in bester Laune. 

Lit:potsdam 1. bis 6. Juni, Programm und Tickets unter www.litpotsdam.de