Ulrich Schreiber: „Wutausbrüche sind mitnichten an der Tagesordnung“

Dem Chef des Internationalen Literaturfestivals Berlin wird vorgeworfen, für ein schlechtes Arbeitsklima verantwortlich zu sein.  

Ulrich Schreiber, Chef und Begründer des Internationalen Literaturfestivals Berlin.
Ulrich Schreiber, Chef und Begründer des Internationalen Literaturfestivals Berlin.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Noch während Mitte September das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) in vollem Gange war und so lebendig wie anregend wirkte, platzte die Nachricht in die Öffentlichkeit, dass zahlreiche Mitarbeiter des Festival-Teams dringend eine Veränderung wünschten. Den Zeitpunkt hatten nicht sie gewählt, stellte sich später heraus. Die E-Mails an  Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) waren schon vorher rausgegangen. Ulrich Schreiber, Gründer und Direktor des Festivals, wollte sich den Vorwürfen stellen. 

Herr Schreiber: Seit wann ist Ihnen bekannt, dass es eine Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern gibt?

Ulrich Schreiber: Das Festival existiert seit 22 Jahren, natürlich gab es verschiedene Konflikte und diverse Unzufriedenheiten in dieser langen Zeit. Die Eskalation des Konflikts in diesem Jahr hat mich überrascht. Sie hat auch mit dem neuen Büro zu tun – wir mussten nach einer Änderungskündigung aus dem Büro in der Chausseestraße in Mitte kurz vor dem 22. ilb ausziehen und sind nun in einem neuen Büro am Theodor-Heuss-Platz. Im alten Büro in der Chausseestraße, wo wir 17 Jahre Mieter waren, hätten wir 5.400 statt 2.500 Euro Warmmiete zahlen müssen – und das auf fünf Jahre. Vor, besonders aber nach Unterzeichnung des neuen Mietvertrages, stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Wahl der Location unzufrieden waren, obwohl sie niemand kannte. Aber Sie wollten ja wissen, seit wann mir die Konflikte bekannt sind.

Ja. Die Briefe klingen so, als hätte sich da etwas angehäuft.

Es gab im April eine Teamsitzung, auf der ein Papier von einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgelegt wurde. Die erste Seite hatte den Titel: „Wofür wir unseren Chef schätzen“. Auf der zweiten Seite standen unter der Überschrift „Was wir gerne ändern möchten“ ein paar Vorwürfe, die ich zum Teil als gerechtfertigt ansah, zum Teil als Halbwahrheiten, zum Teil aber auch als Unwahrheiten empfand. Da habe ich einen Fehler gemacht, denn ich habe gesagt: Über dieses Papier diskutiere ich nicht. Ich hätte mir die Zeit nehmen sollen für die Klärung dieser Punkte.

Zumal es doch recht nett daherkam: Was man ändern möchte, klingt nicht nach einem Angriff.

Nett möchte ich das nicht unbedingt nennen. Da war zum Beispiel dieser Vorwurf der extremen Fluktuation enthalten – vorgetragen von einer Person, die seit etlichen Jahren beim ilb ist. Die beiden Stellen mit einer hohen Fluktuation sind Halbtagsstellen, zum einen für Presse und Kommunikation, zum anderen für Büroleitung und Logistik. Einige dieser Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter schauten sich nach Vollzeitstellen um.

Was ist mit den Kündigungsandrohungen?

Von denen die taz schreibt? Sie sind mitnichten an der Tagesordnung. Die letzte habe ich vor anderthalb Jahren ausgesprochen.

Und den Wutausbrüchen?

Wut kann man so oder so definieren. Ich habe in der Tat in Konfliktsituationen ein paar Mal meine Stimme erhoben. Ich würde das nicht als Wutausbruch bezeichnen und an der Tagesordnung waren derartige Auseinandersetzungen schon mal gar nicht. Zwei Mitarbeiterinnen gingen diese Konflikte wohl sehr nahe. Das habe ich völlig unterschätzt. Ich bedauere das. Da muss ich mich in Zukunft zusammenreißen. Wollen Sie wissen, wie es in der dritten Augustwoche eskaliert ist?

Natürlich, wir wollen es ja aufklären.

Im Juli wurde unser Programmheft gedruckt. Das wird zu diesem Zeitpunkt auch digital auf die Website gebracht. Danach ergaben sich bis Ende August/Anfang September Änderungen, in diesem Jahr besonders auffällig: neue Veranstaltungen wie die weltweite Lesung für Salman Rushdie nach dem Mordanschlag auf ihn und Absagen von Autoren oder Moderatoren. Ich habe Ende August darum gebeten, dass ein aktualisiertes PDF auf die Website bis zum Festivalbeginn kommt, damit diejenigen, die das Programmheft auf der Website lesen, auf dem aktuellen Stand sind. Mit dem Hinweis auf andere Arbeiten wurde mir signalisiert, dass dies in diesem Jahr nicht möglich sei. Ich war erstaunt, dass meine Prioritätensetzung nicht umgesetzt wurde. Daraufhin habe ich gegenüber zwei Mitarbeiterinnen meinen Standpunkt eindringlich deutlich gemacht. Und daraufhin wurde von einigen Mitgliedern des Teams die Senatsverwaltung für Kultur und Europa und an die Kulturstaatsministerin angeschrieben.

Wer hat den Brief unterzeichnet?

Es sind langjährige Kolleginnen und Kollegen wie andere, die seit ca. drei Monaten im Team sind.

Vorschlag: Weniger Autoren, weniger Veranstaltungen, mehr Personal

Als Journalistin ist mir der häufige Wechsel in der Pressestelle natürlich am meisten aufgefallen. Dass dies ein Halbtagsjob ist, aber nicht.

In den Nullerjahren konnten wir überhaupt nur ein halbes Jahr jemanden dafür einstellen, das auch nur halbtags. Seit 2018 die Zuschüsse durch die Kulturstaatsministerin erhöht worden sind, ist es eine Ganzjahresstelle, allerdings weiterhin nur halbtags. Das hängt mit dem Arbeitsaufkommen zusammen, das außerhalb der Saison relativ gering ist. Kurz vor und während des Festivals ist die Belastung jedoch sehr groß.

Es ist von sehr viel Überstunden die Rede.

Da haben wir aber klare Regeln und das Arbeitszeitgesetz. Natürlich gilt auch bei uns der Achtstundentag, er kann auf zehn Stunden erweitert werden. Es ist aber möglich, das halten die Kollegen bei der Berlinale auch so, ihn auf zwölf Stunden auszudehnen, wenn man danach entsprechend Freizeit hat. Das ist von einzelnen Mitarbeiterinnen gemacht worden. Aber ist glaube, es geht weniger um die Zahl der Stunden, als um die grundsätzliche Belastung. Die habe ich in diesem Jahr unterschätzt. Der Umzug z.B. kostete zusätzlich Zeit und Kraft.

Meinen Sie, dann wird es sowieso nicht so schlimm im nächsten Jahr?

Nein, ich will nicht abwiegeln. Das Festival muss umstrukturiert werden, das ist mir klar geworden: Weniger Autoren, weniger Veranstaltungen, mehr Personal. Das ist eine Formel, die ich hier als erste Antwort geben möchte. Darüber wird noch mit den politischen Instanzen gesprochen, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa in Berlin und mit dem BKM.

War also das Festival immer schon zu groß für sein Team?

In den letzten Jahren habe ich es nicht in diesem dramatischen Ausmaß wahrgenommen. Natürlich ist die Vorbereitung solch eines Festivals anstrengend, in programmatischer, kommunikativer, organisatorischer und logistischer Hinsicht, man muss sehr genau sein, sehr vieles beachten. Aber es ging immer gut, und wie ich denke, auch zur Freude des Teams. Zum Abschluss jedes ilb trete ich am letzten Abend im Autorenzelt auf einem Tisch auf und bedanke mich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bei den Praktikantinnen und Praktikanten, bei der Intendanz, beim Kartenbüro, der Technik und der Aufsicht vom Haus der Berliner Festspiele, bei allen Ehrenamtlichen, die sich zwei Wochen lang um die Autorinnen und Autoren und die Bühnen gekümmert haben. In all den Jahren und selbst in diesem hatte ich dabei das Gefühl: Wir haben gemeinsam ein tolles Festival gewuppt und schauen zuversichtlich in die Zukunft. Auch in diesem Jahr gab es sehr heftigen Applaus nach jeder Danksagung.

Hoffen Sie darauf, dass sich der Konflikt mit der Programmleiterin lösen lässt? Sie ist schließlich die zweitwichtigste Person.

Ja, ich hoffe das und ich bemühe mich darum.

Was sehen Sie als nächste Aufgabe: Das Festival zu retten? Zu beweisen, dass Sie als Begründer des Literaturfestivals es auch weiter leiten können?

Das Festival ist eine Institution, die von vielen Menschen aufgebaut wurde. In der Tat stammt die Idee von mir, ich habe die Architektur des ilb wesentlich definiert, das Programm mit seinen Veranstaltungsreihen und –themen und Jahr für Jahr renommierte Gäste und Neuentdeckungen eingeladen sowie virulente politische Themen ins Programm gebracht. Es ist schon länger eines der renommiertesten Literaturfestivals weltweit. Die Autorinnen und Autoren lieben es sehr. Und ich bin weiterhin der Leiter dieses Festivals. Das Team und ich sind jetzt in einem Supervisionsprozess. Es werden bald Gespräche über Strukturreformen auch mit der Senatsverwaltung und dem BKM mit dem Ziel stattfinden, die Arbeitsbelastung zu verringern und die Arbeitskultur im Büro zu verbessern.

Wann beginnen die?

Einzelne Gespräche fanden schon statt. Ich denke, dass wir bis Ende des Jahres wesentliche Entscheidungen getroffen haben. Wir müssen uns jetzt jeden Arbeitsbereich genau anschauen – mit dem Team.