Der Krieg gegen die Ukraine beschädigt auch Russland selbst. Das beschäftigt jene, die jetzt in St. Petersburg und mehr als 60 weiteren Städten auf die Straßen gehen. Das beschäftigt Intellektuelle, die versuchen, ihre Meinung über die Medien, und sei es über das Ausland, publik zu machen. Der 1974 in Sibirien geborene russische Dramatiker Iwan Wyrypajew, dessen Stücke auch in Deutschland aufgeführt werden, übersandte folgende Botschaft:

„Meine Aufgabe ist es, allen Menschen in der Welt außerhalb Russlands klar zu machen, dass Putin nicht das ganze russische Volk repräsentiert, dass Millionen von Russen die Entscheidungen des russischen Präsidenten nicht unterstützen. Dass es in Russland viele mutige Menschen gibt, die gerade jetzt ihr Leben riskieren und alles in ihrer Macht Stehende tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen oder sich zumindest Gehör zu verschaffen. Putin ist nicht Russland, auch wenn er versucht, die Welt in diesem Glauben zu lassen, aber ich wiederhole, er ist es nicht. Alle ehrlichen und anständigen Menschen in Russland sind gegen den Krieg. Ich bin ein russischer Dramatiker, der sich vehement gegen das Vorgehen der russischen Regierung ausspricht. Und ich bin bereit, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um diese Situation in irgendeiner Weise zu beeinflussen.“

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 in einer jüdischen Familie in Moskau geboren, schrieb bereits am 24. Februar, als der Krieg begann, einen Text. Die Autorin ist hierzulande bekannt durch Romane wie „Medea und ihre Kinder“ oder „Das grüne Zelt“, sie wird seit Jahren als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Sie dachte immer, beginnt sie, dass ihre Generation, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, Glück gehabt hätte und ohne Krieg bis zum Tode weiterleben könne. „Aber daraus scheint nichts zu werden. Noch ist nicht abzusehen, wie sich die Ereignisse dieses dramatischen Tages auswirken werden. Der Wahnsinn eines Mannes und seiner ihm ergebenen Handlanger bestimmt das Schicksal des Landes. Wir können nur vermuten, was darüber in fünfzig Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird. Schmerz, Angst und Scham – das sind die Gefühle am heutigen Tag ...

Die Verantwortung für das, was heute geschieht, tragen aber auch wir alle, die Zeugen dieser dramatischen Ereignisse, weil wir sie nicht vorherzusehen und zu verhindern vermochten. Wir müssen diesen eskalierenden Krieg stoppen und uns den propagandistischen Lügen entgegenstellen, die durch die offiziellen Medien auf unsere Bevölkerung einströmen.“ Ihre Zeilen hat Ganna-Maria Braungardt übetragen, sie ist auch die Übersetzerin von Ulitzkajas Erzählungsband „Alissa kauft ihren Tod“, der gerade bei Hanser erschienen ist.