Bettwanzen seien seine Kritiker, so das lyrische Ich in Ursula Krechels neuem Gedichtband „Beileibe und Zumute“ – parasitäre Anhängsel also, die ohne seine Texterzeugnisse keinen Wirt hätten, von dessen Blut sie sich ernähren könnten. Vieles spricht dafür, dass die Autorin das lyrische Ich hier zum Megafon ihrer eigenen Stimme umfunktioniert und das Maskulinum „Kritiker“ nicht bedenkenlos als generisches gelesen werden sollte: Beschimpfung als eine Abwehr misogyner Literaturkritik. Sie entzündet sich am Einwand, hier sei eine „Arbeitsbiene“ am Werk.

Sprachpolitische Irritationen von Lesegewohnheiten sind ein genreübergreifendes Markenzeichen der 1947 in Trier Geborenen, die für ihre ein halbes Jahrhundert umfassende schriftstellerische Tätigkeit mit bedeutenden Akademiemitgliedschaften und Auszeichnungen honoriert wurde, etwa mit dem Deutschen Buchpreis für den Roman „Landgericht“ (2012). Wer sich bepreisen und in Akademien berufen lässt, akzeptiert, in der Gunst bisweilen auch von Bettwanzen zu stehen – das ist das literaturbetriebliche Paradox. Die außerliterarische Akzeptanz des kompromissbereiten Lebens konkurriert mit einer Poetik des Umsturzes, die bis heute ein Grundpfeiler des Krechel’schen Oeuvres geblieben ist.

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