Maria Stepanova: Eine russische Dichterin, die in Europa gehört werden sollte

Die Dichterin und Romanautorin Maria Stepanova erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2023. Sie lebt zurzeit in Berlin.

Maria Stepanova, hierzulande vor allem bekannt durch den Roman „Nach dem Gedächtnis“.
Maria Stepanova, hierzulande vor allem bekannt durch den Roman „Nach dem Gedächtnis“.Ekko von Schwichow/Suhrkamp Verlag

Wenn Maria Stepanova im April zur Buchmesse fährt, um den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2023 entgegenzunehmen, ist sie nicht lange unterwegs. Nachdem sie 2018/19 bereits eine Gastprofessur an der Humboldt-Universität hatte, lebt sie seit diesem Sommer wieder in Berlin. Sie hat ein Stipendium am Wissenschaftskolleg. In der Mitteilung zum Preis wird ihr jetziger Aufenthalt hier Exil genannt – wenn man sich die Arbeiten der russisch-jüdischen Autorin anschaut, kann man sich schwer vorstellen, dass sie in diesen Zeiten nach Russland zurückgehen kann.

Stepanova, 1972 in Moskau geboren, wird international hoch geachtet, weil sie einen besonderen Ton in die Lyrik gebracht hat, ihr Werk wurde in 14 Sprachen übersetzt. Ihre Gedichte sind so gegenwarts- wie geschichtsbewusst, sie überträgt traumatische Erfahrungen in eine fliegende, eingängige Sprache. Ihr Roman „Nach dem Gedächtnis“, 2018 auf Deutsch erschienen, erzählt von den Auswirkungen des Stalinismus auf die eigene Familiengeschichte bis zum Chaos beim Zerfall der Sowjetunion unter dem Blickwinkel des Erinnerns. Dichter wie Ossip Mandelstam, Marina Zwetajewa und Paul Celan sind ihre historischen Verbündeten.

Online-Kulturportal seit März gesperrt

In der russischen Realität des 21. Jahrhunderts hat sie viele Jahre das Internetportal Colta.ru als Chefredakteurin betreut, ein kritisches Forum zu Kultur und Gesellschaft. Das Portal wurde im März, kurz nach dem Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine, für das russische Territorium gesperrt.

Der Preis gilt ihrem jüngsten Lyrikband „Mädchen ohne Kleider“, der aus drei Langgedichten besteht und im Mai bei Suhrkamp erschienen ist, übertragen von Olga Radetzkaja. Schon ein kurzes Zitat kann zeigen, wie Maria Stepanova den Umgang mit Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft in Bilder und Rhythmus fasst: „Immer sind irgendwo Mädchen ohne Kleider./ Immer ist da etwas, das an ihnen frisst./ Immer ist da etwas, das von ihnen bleibt./ Immer ist da etwas für immer vorbei.“

In der Preis-Begründung wird die Unbedingtheit gelobt, „mit der sie auf der poetischen Wahrnehmung der Welt besteht“. Das ist der Maßstab der Entscheidung für die Auszeichnung in einer Zeit, da sich in die Wut auf Russlands Krieg nicht selten auch eine Ablehnung der Literatur mischt. In den Worten der Jury: „Sie verhilft dem nicht-imperialen Russland zu einer literarischen Stimme, die es verdient, in ganz Europa gehört zu werden.“