Massimo Carlotto war als Mitglied der linksradikalen Gruppe Lotta Continua in den 70er- und 80er-Jahren in einen der spektakulärsten Kriminalfälle Italiens verwickelt, saß sechs Jahre im Gefängnis und war fünf auf der Flucht. Seit 1995 hat er zahleiche Kriminalromane veröffentlicht, alle mit einem knallhart-kritischen Blick auf die verlogenen Seiten der italienischen Gesellschaft.

Inzwischen sind seine Geschichten bitter ironisch geworden, er jagt kauziges Personal durch die Minenfelder des Sozialen. In seinem neuen Roman „Und es kommt ein neuer Winter“ sind es die Bewohner eines norditalienischen Dorfes, wo die untreue Intrigantin Federica eine Lawine von unkontrollierbaren Ereignissen auslöst und ungebetene Gäste anlockt. Der kleine Wachmann Giavazzi spielt Schicksal und verrechnet sich, denn als Federicas Kapriolen die althergebrachten Dorfstrukturen bedrohen, werden die Einflussreichen unruhig.

Carlotto ist als Autor ein gnadenloser Moralist, er schreibt süffisant aus den Perspektiven aller Beteiligten, die sich mit ihrer Gier nach Anerkennung, Macht oder einfach nur Geld gegenseitig bloßstellen und uns zu glücklichen Voyeuren eines bösen Spiels machen, bei dem nicht mehr zwischen Guten und Bösen, sondern zwischen Trotteln und Schlaumeiern unterschieden wird. Federica tänzelt dabei ganz selbstbewusst auf der Grenzlinie in diesem hinterhältigen Campagna Noir.

Graeme Macrae Burnets „Fallstudie“

imago
Graeme Macrae Burnet schreibt Krimis, die es sogar auf die Shortlist des Booker Preis schaffen.

Den wahren Namen der Erzählerin von „Fallstudie“, dem neuen Roman des schottischen Prachterzählers Graeme Macrae Burnet, erfahren wir nicht; am Ende hat sie sich in Rebecca verwandelt. Sie ist der Überzeugung, dass der Selbstmord ihrer Schwester zu Lasten des Psycho-Gurus Collins Braithwaite geht und gibt sich zu Recherchezwecken bei mehreren Therapie-Sitzungen als ebenjene Rebecca aus. Der weitaus größte Teil des Romans spielt in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren, als die britische Gesellschaft einem kulturellen Zerreißungsprozess ausgesetzt war, der das Alte vom Neuen schied.

Burnet illustriert diese kulturelle Umorientierung wild und schäumend über die Figur des genialischen Außenseiters Braithwaite, der als Student die Hölle der Irrenhäuser und der brutalen psychiatrischen Methoden mit ansehen muss und zum Guru der im Entstehen begriffenen Counterculture-Bewegung wird, bis sein überzogenes Ego ihn an den Rand und schließlich darüber hinaus treibt.

Schwarz-weiß hingegen ist der Weg der Frau im Mittelpunkt des Romans, während sie sich heraus aus dem Mief des Kleinbürgerlichen bewegt. Tweed, Tee und Tradition hängen wie Steine am Rocksaum der Erzählerin, die an Entscheidungsschwäche und Arroganz zu ersticken droht, während die spätere Rebecca sie Richtung Sex, Drugs and Rock'n'Roll zieht. Und so ist „Fallstudie“ ein exzellenter Roman über eine schizophrene Zeit, als das verklemmte Alte sich mit aller Macht gegen Veränderungen stemmt, während das Neue sich ganz dem Hedonismus hingibt.

Massimo Carlotto: Und es kommt ein neuer Winter. Roman. Folio Verlag, Bozen 2022. 222 Seiten, 22 Euro.

Graeme Macrae Burnet: Fallstudie. Roman. Kampa Verlag, Zürich 2022. 368 Seiten, 24 Euro.