Berlin - Seit 1992 setzt Gunter Demnig Stolpersteine aus Messing ins Pflaster, um ganz konkret an jene Juden zu erinnern, die in der jeweiligen Straße wohnten, bevor sie verschleppt und ermordet wurden. Die Steine sagen nicht viel, sie tragen Namen, Lebensdaten, wenn bekannt die Todesursache und kennzeichnen die Adresse. Sie umreißen damit Schicksale, abgeschnittene Biografien wie Familiengeschichten und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Sie sind Schmerzpunkte im Unschuld vorspiegelnden, geschichtsvergessenen Alltag.

Nike, die 35-jährige Ich-Erzählerin aus Mirna Funks Roman „Zwischen Du und Ich“ wohnt seit zehn Jahren in Berlin-Mitte, August- Ecke Oranienburger Straße. Der Zufall wollte es, dass der Stein vor ihrer Tür ausgerechnet den Namen ihrer jüdischen Urgroßmutter trägt. Nike fährt mit dem Fuß aus ihrer Sandale und spürt mit dem großen Zeh die Buchstaben entlang: Dora. Geboren 1912, gestorben 1941 irgendwo in Frankreich. Während Nikes liebevollem Stolperritual radelt mit drei Kindern und einer Frau im Schlepptau Sascha vorbei, mit dem sie als 18-Jährige zusammen war und der ihr etwas angetan hat, was sie nach den vielen Jahren sofort zurückbeamt und 15 Minuten lang weinen lässt.

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