Früher war es doch so: Als Kind bewunderte man die Bücherregale der Eltern und träumte davon, all das einmal lesen zu dürfen. Der Satz „Das ist noch nichts für dich“ barg bei der Literatur eine ähnliche Enttäuschung wie beim Fernsehprogramm und manch ungesunden Dingen. Dennoch genossen wir es, als wir klein waren, unsere eigenen Geschichten zu haben, ob von den Erwachsenen vorgelesen oder selbst erobert. Es gibt auch Erlebnisberichte trauriger Autoren, bei denen zu Hause es keine Kinderbücher gab und sie gezwungen waren, sich schnell eine solche Fertigkeit anzutrainieren, dass sie auch mit der kleinen Schrift und den bilderlosen Seiten klarkamen. Notfalls musste man es wie Lewis Carrolls Alice machen, die sich vor Langweile neben der lesenden großen Schwester auf ins Kaninchenloch begab.

Irgendwann wurden Klassiker für Kinder einfach erzählt und illustriert, der Berliner Kindermann-Verlag hat eine ganze Reihe davon, etwa mit „Faust“ und dem „Schimmelreiter“. Doch nun geht’s ans Aktuelle. Das eben noch in der Erwachsenenwelt supererfolgreiche autobiografische Buch von Barack Obama „Ein amerikanischer Traum“ kommt in zwei Wochen in einer anders ausgestatteten Ausgabe heraus, „neu erzählt für junge Leserinnen und Leser“. Aus 448 Seiten über den Weg des ersten Schwarzen US-Präsidenten wurden 320 für Menschen ab 13 Jahren. Und während er auf der Ausgabe von 2017 vorn staatsmännisch mit Sakko und weißem Hemd abgebildet ist, sieht man ihn auf dem Jugendbuch lässig im Parka.

Da gibt es für Lektoren viel zu tun

Noch bevor an Obamas Präsidentschaft überhaupt zu denken war, zu einer Zeit, als heute Volljährige geboren wurden, 2003 nämlich, erschien das Sachbuch „Eine kurze Geschichte von fast allem“ des Wissenschaftsjournalisten Bill Bryson. Es wurde ein Longseller, der Titel gern in Varianten kopiert. Ende Februar wird es in einer Fassung für Leser von neun Jahren an vorliegen, mit neuen Beispielen und Bildern.

Wenn sich das herumspricht – und das wird es, beide Bücher haben prominente Autoren und die Verlage sind groß –, kann sich das Modell bald grenzenlos auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt ausdehnen. Immerhin wächst der noch, auch in Krisenzeiten. Arbeitslose oder unterbeschäftigte Lektoren können sich durch die Bestsellerlisten pflügen und Erfolgstitel neu aufbereiten. Von der Vorjahresliste darf man mit Hape Kerkeling dann noch einmal die Pfötchen vom Tisch nehmen und Mai Thi Nguyen-Kims „Kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ kann man ohnehin nicht früh genug lesen.