Vor der Villa Quandt liegt eine deutsche Eiche. Sie ist in einem Sturm umgekippt, erst vor zwei Wochen. Hinter der Villa, die das Brandenburgische Literaturbüro beherbergt, beginnt ein Wäldchen, an das sich der Neue Garten anschließt, den einst Friedrich Wilhelm II. hatte anlegen lassen. „Starke Worte. Schöne Orte“ lautet das Motto des Potsdamer Literaturfestivals. Die zwei Schriftstellerinnen, die sich im Abendlicht am Dienstag auf der rückwärtigen Terrasse der Villa eingefunden hatten, konnten mit ihren Worten locker den Aufmerksamkeitswettbewerb gewinnen: Mithu Sanyal und Sharon Dodua Otoo.

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Mithu Sanyal vor dem Gespräch in der Villa Quandt

Beide eint eine Menge, was bei der Ähnlichkeit der Covergestaltung ihrer Romane, die im Frühjahr erschienen sind, anfängt und bei der Debatte um Gerechtigkeit im deutschen Literaturbetrieb noch nicht aufhört. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal, Jahrgang 1971, hat bisher Sachbücher und Hörspiele veröffentlicht. Sharon Dodua Otoo, 1972 geboren, schrieb zunächst journalistisch und auf Englisch. Mit ihrem ersten längeren Prosatext auf Deutsch gewann sie 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Noch nie saßen sie zu zweit auf einem Podium, doch in einem Buch kommen sie bereits gemeinsam vor: In dem 2019 von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegebenen Band „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Darin bereits geht es um Identitäten. Die Fragen von Rollenzuschreibungen und -selbstbezeichnungen, nach dem Platz von Frauen und von Minderheiten in der Gesellschaft, nach Rassismus und Ideologie finden sich auch in ihren Romandebüts wieder. Mithu Sanyal nimmt sie bereits in den Titel, „Identitti“, Sharon Dodua Otoo lässt in „Adas Raum“ nicht nur mehrere Frauen mit demselben Namen sprechen, sondern sogar Gegenstände wie einen Reisepass und einen Türklopfer.

Kritik am Preis der Leipziger Buchmesse

In kurzen Lesepassagen und einem munteren Gespräch erzählten die Autorinnen, wie sie ihre Gedanken zu den brisanten Themen in eine literarische Sprache brachten, wie sie in Dialoge, Anekdoten, Bilder verwandelten, was sonst nur Argument ist. Sharon Dodua Otoo, deren Eltern in Ghana aufgewachsen sind, die selbst in London groß wurde und nun in Deutschland ihre Kinder erzieht, war es sehr wichtig, die historische Dimension des Rassismus zu gestalten. Ihr Roman wandert durch Zeiten und Kontinente, Vehikel dafür ist ein Armband, für das erst in der Gegenwart der Begriff „Raubkunst“ gefunden wurde. Mithu Sanyal wollte unbedingt Humor dabei haben, um die übliche Verbissenheit aufzubrechen. Ihre junge Heldin Nivedita betreibt ein vielbeachtetes Blog. Dazu holte Sanyal das Internet direkt in die Literatur: Sie bat Personen, denen sie auf Twitter folgt, um Kommentare und fügte diese in die Erzählung ein.

Bevor die Moderatorin, Anne-Dore Krohn von rbbKultur, nach der Kritik am Preis der Leipziger Buchmesse fragte, legte sie offen, selbst in der Jury gewesen zu sein. Das war ein erstaunlicher Moment an diesem Abend, aber eigentlich ein sehr schöner: Kritisiert wurde ja, Autorinnen und Autoren, die sich als PoC oder BPoC bezeichnen, die also kurz gefasst nicht weiß sind, würden von Jurys und anderen Entscheidern nicht ausreichend wahrgenommen. Zum Beispiel, weil „Identitti“ und „Adas Raum“ auf der Shortlist für den Preis fehlten. Durch die Zusammensetzung des Podiums bekam die Schlussrunde nun aber nicht den üblichen Charakter, dass die eine Seite über die andere spricht, sondern Krohn fragte: „Was wünschen sie sich von solchen Jurys?“ Eine Quote könnte helfen, fanden beide.

LIT:potsdam läuft noch bis 6. Juni.