Kafkas Erbe: Wenn ein weißer Mann plötzlich in dunkler Haut aufwacht

„Der letzte weiße Mann“: Mohsin Hamid erzählt in einem kurzen Roman mit fesselnd langen Sätzen vom Denken in Schubladen, von Vorurteilen und Verschwörertum.

Der Schriftsteller Mohsin Hamid spricht während der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Mit seinem Buch „Exit West“ stand er auf der Shortlist des Booker Prize.
Der Schriftsteller Mohsin Hamid spricht während der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Mit seinem Buch „Exit West“ stand er auf der Shortlist des Booker Prize.dpa

Der erste Satz in Mohsin Hamids neuem Roman schildert das Erwachen von Anders, eines weißen Mannes. Eines Morgens stellte er fest, „dass seine Haut sich unleugbar tiefbraun gefärbt hatte“. Nun, er hatte sich immerhin nicht „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, wie es in Franz Kafkas berühmter Erzählung geschieht.

Es geht in diesem eindringlichen Buch, das irgendwo irgendwann spielt, was auch hier und heute sein könnte, um Rassismus, Transformation, Zugehörigkeit. All diese Worte fallen nicht. Hamid braucht sie in „Der letzte weiße Mann“ nicht, um mit Anders’ Erschrecken über seine Veränderung und mit den Reaktionen seines Umfelds zu diesen Fragen der Gegenwart zu führen. Er schreibt „dunkelhäutig“ (dark-skinned), benutzt also nicht die heute bevorzugte Bezeichnung „schwarz“.

„Ich hätte mich umgebracht“

Wie Kafkas Gregor Samsa bleibt Anders erst mal zu Hause, nimmt nur Kontakt zu einer früheren Freundin auf, Oona, die sich als verständnisvoll erweist. Sein Chef im Fitnessstudio dagegen, wo er schließlich doch wieder seiner Arbeit nachgehen muss, sah ihn an „und meinte: ,Ich hätte mich umgebracht.‘“ Anders, der Name ist sprechend gewählt, fühlt sich beäugt, hat Angst, versteckt seine Haut unter Handschuhen und Kapuze und merkt, dass er bisher nur einen dunkelhäutigen Menschen kannte: den Putzmann im Studio. Er weiß nichts über ihn.

Mohsin Hamid führt Anders und Oona (vielleicht auch ein sprechender Name, er bedeutet „einzigartig“) zusammen, er beobachtet beide einzeln mit ihren übrig gebliebenen Elternteilen. Anders’ Vater ist von Krankheit geschwächt, aber dem Sohn zugewandt. Oonas Mutter driftet in wahnhafte Vorstellungen über die Gesellschaft ab. Sie hortet Lebensmittel, sie glaubt Verschwörern aus dem Internet: Das Buch muss während der Pandemie entstanden sein.

Der Titel kündigt es an: Immer mehr Menschen verwandeln sich, bald ist die dunkle Haut nicht mehr besonders, sondern die weiße. Straßenkämpfe und Übergriffe schwellen an und flauen ab. Man kann hier auch an José Saramagos „Stadt der Blinden“ denken, wo die Sehenden zur Minderheit geraten.

Mohsin Hamid, 1971 in Pakistan geboren, hat es selbst erlebt, wie er, der Harvard-Absolvent und Wirtschaftsberater, in New York misstrauisch betrachtet wurde. Sein kurzer Roman führt mit langen, die Konzentration fesselnden Sätzen die Absurdität der vorurteilsgeprägten, rassistischen Sichtweisen vor Augen. Man kann die Geschichte als eine Parabel lesen. Der Autor versagt sich jegliches Pathos, greift dafür öfter zur Ironie. Das stärkt die frappierende Wirkung seines Buches.

Mohsin Hamid: Der letzte weiße Mann. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Dumont, Köln 2022. 158 Seiten, 22 Euro.