Berlin - Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. 1981, vor vierzig Jahren erschien das literarische Debüt von Monika Maron, „Flugasche“. „Erst als ich den letzten Satz geschrieben hatte, wusste ich, dass ich nichts anderes mehr würde schreiben können über B.“, sagt Josefa Nadler, Ich-Erzählerin des Romans, zurück von ihrer Reportagereise in eine Stadt, wo die Luft zu schlecht zum Atmen ist. Die autobiografischen Bezüge sind hier klar: Maron war Reporterin bei der Wochenpost, die damals im Berliner Verlag erschien. Sie verließ die Redaktion 1976 und damit den Journalismus, um an dem Roman zu arbeiten, in dem man nicht nur Bitterfeld erkennen kann, sondern auch die Unfreiheit der Presse in der DDR. Einen Verlag dafür fand sie im Osten nicht. „Flugasche“ kam bei S. Fischer in Frankfurt am Main heraus.

Da war die Autorin vierzig, am 3. Juni wird sie nun 80 Jahre alt. Sie hat die deutschsprachige Gegenwartsliteratur um mehrere bedeutende Bücher und einen eigenen Ton bereichert. Ihre Erzählstimme begleitet die Gedanken und Gefühle Zigtausender Leser auf ausgesprochen belebende, zuweilen Widerspruch herausfordernde Art: Den Preis der Wahrheit ergründend, die Glücksfähigkeit des Menschen hinterfragend, Freundschaften prüfend, zuweilen galligen Humor nutzend, mit der Liebe zu Hunden und Menschen.

Politisch lesen

An Monika Marons Werk kann man die Entwicklung der deutschen Dinge mit ablesen. Ihre Biografie ist von Beginn an politisch geprägt. In „Pawels Briefe“ rekonstruiert sie die Geschichte ihres Großvaters Pawel Iglarz, der von den Nazis in ein Ghetto nach Polen deportiert wurde, wo er im August 1942 umkam oder ermordet wurde. Als „halbjüdisch“ blieb ihre Mutter zunächst unverheiratet, bis diese einen Kommunisten ehelichte, den späteren DDR-Innenminister Karl Maron.

Wie sie arbeitet, legte Monika Maron in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen offen, die gedruckt unter dem Titel „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“ erschienen sind: Sie sucht, was sie am meisten interessiert. So kommt es, dass man nicht nur ihre Essays und Reden als Kommentare zur Gesellschaft lesen kann.

Daran hatte sich lange Zeit niemand gestört, weil die Ideen und Überlegungen der Figuren auf Sympathie in der literarischen Öffentlichkeit stießen. Also ob geistige Freiheit von äußeren Bedingungen abhänge wie bei der „Überläuferin“, der die Beine den Dienst versagen und sie von der „lebenslangen Dienstverpflichtung“ im Historischen Institut entbinden, oder in „Stille Zeile Sechs“, wo dieselbe Figur wieder auftaucht und einem verhassten ehemaligen Staatsfunktionär Schreibdienste anbietet. „Dass man im Leben nichts versäumen kann als die Liebe“, erkennt die Erzählerin, eine Paläontologin, in „Animal triste“ (1996). Zu der Zeit hat die „als internationale Freiheitsbewegung getarnte Gangsterbande“ ihre Macht verloren. Das Buch wurde ein großer Erfolg.

In den Romanen „Endmoränen“ und „Ach Glück“ ist es die Historikerin Johanna, die einmal als Ich erzählt, einmal in der dritten Person betrachtet wird, die als ältere Frau entscheiden muss, was sie überhaupt noch vom Leben will, und sich schließlich ins Unbekannte wagt. Das tagtraumflirrende „Zwischenspiel“ reflektiert über nötige und unnötige Anpassungen in der DDR. Maron, der Mitte der Neunzigerjahre nachgewiesen wurde, zwanzig Jahre zuvor mit der Stasi gekungelt zu haben, schrieb in diesem Roman nebenbei von der Unzuverlässigkeit der Akten. Nach zwei Berichten hatte damals ihr Führungsoffizier notiert, dass sie eine grundsätzlich andere DDR wolle, „in der die Presse- und Meinungsfreiheit besteht und Freiheit der Persönlichkeit geachtet wird“. Freiheit blieb die zentrale Kategorie im Wertemaßstab von Monika Maron.

Es sind kaum konkrete Ereignisse der jeweiligen Gegenwart, die sich als Echo in der Figurenrede in ihren Romanen wiederfinden, eher die Debatten-Temperatur. Bei „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018) stößt sich die Erzählerin an der geschlechtergerecht gemeinten Veränderung der Sprache. Und sie empfindet die Aufnahme von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft als bedrohlich. „Artur Lanz“ (2020) dreht sich um ein altmodisch gewordenes Heldentum und die Frage, ob und wie unerwünschte Meinungen unterdrückt werden. So scheint sich ein Kreis zu Marons erstem Roman zu schließen: Der Mann, für den sich der Titelheld einsetzt, hatte sich in den sozialen Medien gegen das geäußert, wofür seine Firma steht, die Windenergie-Gewinnung.

Nicht links, aber was?

Das war Monika Marons letztes Buch in dem Haus, in dem vor vierzig Jahren ihr erstes erschienen war. S. Fischer trennte sich von ihr, nachdem sie einen Band mit Essays bei einer Dresdener Buchhändlerin veröffentlicht hatte, die ihre Buchreihe über den Verlag des rechten Politaktivisten Götz Kubitschek vertreibt. Für Fischer war das ein Vertrauensbruch.

Mit der Erzählung „Bonnie Propeller“ wechselte Monika Maron im Dezember zu Hoffmann & Campe in Hamburg. Dort ist kurz vor ihrem Geburtstag auch ein Essayband erschienen, „Was ist eigentlich los?“ heißt er. Die Hälfte der Texte war schon in anderen Büchern veröffentlicht. Da ist Stück für Stück nachlesbar, wie die große Erzählerin Monika Maron mit ihrem Freiheitsbegriff inzwischen an Grenzen stößt. „Links bin ich schon lange nicht mehr“, heißt es in einem Text von 2017, und weiter: „Ich dachte immer, ich sei liberal, aber im Fernsehen und in der Zeitung sagen sie, ich sei rechts. Und nun zermartere ich mir den Kopf, wie das passieren konnte.“