Der bewegliche Denker: Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger

„Nicht erschrecken, für Unterhaltung ist gesorgt“, ließ er auf ein dickes Buch drucken. Der Essayist und Lyriker prägte deutsche Debatten über Jahrzehnte.

Hans Magnus Enzensberger (1929 – 2022)
Hans Magnus Enzensberger (1929 – 2022)dpa

Das Jahr, in dem Thomas Mann den Literaturnobelpreis erhielt, 1929, war ein gutes für die deutsche Literatur überhaupt. Christa Wolf und Günter Kunert wurden da geboren, Peter Rühmkorf, Walter Kempowski, Michael Ende – und Hans Magnus Enzensberger auch. Nun ist er am Donnerstag in München als letzter aus dieser Reihe gestorben, einer der international bekanntesten deutschen Intellektuellen, ein schillernder Denker und Macher, Lyriker, Übersetzer, Herausgeber, zudem ein Schriftsteller, dessen Werk auf die eine oder andere Weise mit den vorgenannten in Verbindung steht.

Der promovierte Literaturwissenschaftler und Philosoph hatte als Radioredakteur begonnen und von dieser ersten Anstellung sein Interesse an der Wirkung und Manipulationskraft der Medien behalten. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er 1957. Es wurden 14 insgesamt und noch mehr Essaybände. Er las damals und in den Folgejahren bei der Gruppe 47 und wurde, so befand es der Literaturwissenschaftler Helmut Böttiger in seiner Erforschung der Schriftstellertreffen, zu deren Symbolfigur. Enzensberger wusste den Literaturbetrieb, der damals erst entstand, zu nutzen, in Bewegung zu setzen.

Mit 33 Jahren Büchner-Preisträger

Und doch entzog er sich ihm räumlich für viele Jahre, ging nach Norwegen, nach Italien, später, im legendären Jahr 1968, nach Kuba – weil ihm die USA, wohin er eigentlich gezogen war, missfielen. Enzensbergers Lyrik ist einfach und kompliziert zugleich, erklärt Geschichte und erfindet sie, gehorcht den strengen Regeln und hüpft aus ihnen heraus. Als er den bedeutenden Georg-Büchner-Preis erhielt, war er 33 Jahre alt. Ausgezeichnet wurde er, so der Urkundentext, „für seine Lyrik und Essayistik und die in der einen wie der anderen mit bedeutender Kunst und Kraft verwirklichte Gesellschaftskritik“.

Gesellschaftskritik lässt sich als Codewort für sein Wirken verstehen, nicht als Etikett. Damals, 1963, ging er in seiner Dankesrede auf die deutsche Teilung ein, deren Endgültigkeit durch die Mauer noch frisch war. Zu jener Zeit war er befreundet mit Uwe Johnson, der vom einen Deutschland ins andere gewechselt war. „Deutschland, das sind die beiden einzigen Staaten Europas, die miteinander in offener, offen erklärter, jeden Tag zunehmender Feindschaft leben, in einem kalten Bürgerkrieg, der mit allen Mitteln geführt wird, welche die Großmächte ihnen gestatten“, sagte Enzensberger in seiner Rede. Er setzte sich mit dem kollektiven Wir auseinander, das eine Gesellschaft oder eine intellektuelle Gemeinschaft abbildet: „Es ist nicht unser Bürgerkrieg, aber wir leisten ihm Vorschub; es ist nicht unsere Feindschaft, aber wir dulden sie.“ Und er fand, dass die Mauer nicht nur eine Stadt verbarrikadierte, sondern die Zukunft.

Lyrik als Zeitkapsel

Damit ist die Frage der Verbindung zu Zeitgenossen wie Christa Wolf und Walter Kempowski beantwortet, die sich an der Teilung auf jeweils eigene Weise abarbeiteten. Mit Kunert und Rühmkorf einte Enzensberger das Verständnis von Lyrik als Zeitkapsel, als Chance, mittels rhythmischer Sprache den Moment anders zu sehen. Sein Poem „Der Untergang der Titanic“ von 1978 beginnt so: „Einer horcht. Er wartet. Er hält/ den Atem an, ganz in der Nähe,/ hier. Er sagt: Der da spricht, das bin ich.// Nie wieder, sagt er,/ wird es so ruhig sein,/ so trocken und warm wie jetzt.“

Enzensbergers Buch „Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen Gedichte zu lesen“ kann in jedem, der durch Weihnachtsbräuche der Kindheit, durch Schulunterricht oder Sinnsprüche auf Postkarten für die Lyrik verdorben ist, die Lust an der Poesie neu wecken. Enzensberger veröffentlichte es unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr. Er verzichtete auf den bildungsbürgerlichen Marktbonus (ein Buch von einer Berühmtheit!) und machte das leicht lesbare Buch auch leicht kaufbar für alle, die sein Name vielleicht eingeschüchtert hätte.

Einladung zum Spinnen

Einschüchterung durch Enzensberger? Mumpitz! Einladung zum Denken, auch zum Spinnen! Als der Suhrkamp-Verlag 2009 einen fast 1000-seitigen Band mit seinen Schriften zur Literatur veröffentlichte, ließ der Autor auf die Rückseite drucken: „Nicht erschrecken, für Unterhaltung ist gesorgt.“

Zusammen mit Irene Dische hat er mit „Esterhazy“ 1993 ein Kinderbuch von klassischer Weisheit, mit gluckerndem Witz verfasst. Das ist der eingangs versprochene Bezug zu Michael Ende: Kinder ernst zu nehmen, indem man etwas für sie erfindet. Und sein Mathematikbuch „Der Zahlenteufel“ besticht durch eine spannende Geschichte und logische Treppen. Es brachte ihm eine Auszeichnung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ein: Sie benannte eine dreidimensionale algebraische Fläche nach ihm.

Bedingungen des Denkens

„Wie oft musste Plato sich schneuzen,/ der heilige Thomas von Aquin/ seine Schuhe ausziehen,/ Einstein sich die Zähne putzen,/ Kafka das Licht ein- und ausschalten,/ bevor sie zu dem kamen,/ was ihnen aufgetragen war?“, beginnt das Gedicht „Angewohnheiten“ aus dem 2009 erschienenen Band „Rebus“. Da kann einem sogar die Lyrik von Bertolt Brecht einfallen. Hans Magnus Enzensberger achtete die Bedingungen, unter denen Gedanken festgehalten und wissenschaftliche Entdeckungen gemacht werden.

„Heute neigen die Produktionsmittel, die man braucht, Kritik zu üben, dazu, die Kritik zu entkräften“, schrieb er 1960 in einem Brief an Uwe Johnson, als der ihn nach seinem Essay zur Sprache des Magazins Der Spiegel fragte. Enzensberger schuf sich eigene Produktionsmittel, gründete 1965 die lange einflussreiche Kulturzeitschrift Kursbuch, bis 1975 blieb er dabei. Verspielter noch war das 1980 von ihm mitbegründete Kulturmagazin Transatlantik, das es nicht mehr gibt. Aber es lebt immer noch Die andere Bibliothek, 1985 von Enzensberger und dem Gestalter Franz Greno begründet, eine Schatzkammer der Literatur.

Wann Freiheit etwas taugt

Hans Magnus Enzensberger hat vor allem in der alten Bundesrepublik Diskussionen ausgelöst und später dadurch verblüfft, dass er nicht auf Standpunkten beharrte. Das hat manche Leute verwirrt, weil die Kategorien „links“ oder „68er“ für ihn ihre Wirkung verloren. „Wie flüchtig sind unsere Meinungen/ und unsere Werke, verglichen mit dem,/ was wir miteinander teilen“, heißt es in dem Gedicht „Angewohnheiten“ noch.

Wenn man jetzt nachliest, weil sein Tod einen zum Blättern bringt, dann sind da auch frühe Gedanken so hell, dass sie wir sie noch dringend für morgen brauchen. In der Büchnerpreisrede sagte er: „Wer vom Unrecht der andern mit Genugtuung redet, setzt sich ins Unrecht. Wer sich seiner Überlegenheit rühmt, erniedrigt sich. Freiheit ist Freiheit, den Unfreien zu helfen, oder sie taugt nicht viel.“