Noah Gordon war das Kind einfacher Leute, jüdischer Immigranten aus Osteuropa. Der Vater verdiente in den USA den Unterhalt als Pfandleiher. Seine Leidenschaft für die Literatur versuchte Noah Gordon deshalb zu unterdrücken und begann ein mehr Erfolg versprechendes Medizinstudium. Zunächst heimlich, bald offiziell stieg er aber zum Journalismus um. Das erzählte der Schriftsteller in einem der wenigen Interviews, die er zeitlebens gab. Am Montag ist er im Alter von 95 Jahren in der Nähe von Boston gestorben.

Not, Epidemien und Überfälle religiöser Fanatiker

Das Medizinstudium hat ihm dennoch den Weg geebnet. Er begann als Wissenschaftsreporter beim Boston Herald. Er ließ sich für das Schreiben eines historischen Romans freistellen; „Der Rabbi“ wurde 1965 ein großer Erfolg. Doch das nächste Buch, dass er 1985 nach langjährigem Studium von Karten und Dokumenten verfasste, „Der Medicus“, begeistere in den USA nur wenige Leser. Der westdeutsche Verleger Karl Blessing erkannte das Potenzial des Medizinromans: Rob Jeremy Cole, ein junger Waise aus London, lernt im 11. Jahrhundert im persischen Isfahan die Kunst des Heilens von Ibn Sina. Er lässt sich von Not, Epidemien und den Überfällen religiöser Fanatiker nicht schrecken. Das 860-Seiten-Buch wurde in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann zum Longseller. Mehr als acht Millionen Exemplare haben deutschsprachige Leser gekauft, die Rechte gingen in rund 40 weitere Länder.

Gordon erweiterte den Stoff zu einer Trilogie („Der Schamane“, „Die Erben des Medicus“), die ebenfalls vor allem in Europa erfolgreich wurde. Seine beiden letzten Romane ließ er in Spanien spielen, „Der Medicus von Saragossa“ (1999) und „Der Katalane“ (2008). Nach jahrzehntelangen Versuchen ist es erst 2013 dem deutschen Regisseur Philipp Stölzl gelungen, den „Medicus“ zu verfilmen. Dem Magazin Stern erzählte der Autor anlässlich der Filmpremiere, dass ihn das Schreiben der voluminösen Bücher immer sehr viel Kraft gekostet hätte, weil er unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom litt. Zuletzt lebte Noah Gordon in einer Seniorenresidenz. Der hatte er eine Bibliothek geschenkt, die er zusammen mit seiner Frau betreute.