„Nebengekritzeltes“: Strawalde bedichtet Nonsens, Natur und Stasi-Hunde 

Als Regisseur mit Verboten bedacht, als Maler spät erkannt, präsentierte sich Strawalde in der Brotfabrik nun als Dichter – und begeisternder Erzähler.

Strawalde (Jürgen Böttcher) liest Gedichte und erzählt im Hof der Brotfabrik.
Strawalde (Jürgen Böttcher) liest Gedichte und erzählt im Hof der Brotfabrik.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Der Hof in der Brotfabrik am Caligariplatz, den ältere Berliner noch als Weißenseer Spitze kennen, ist so dicht mit Stühlen und darauf sitzenden Zuhörern gefüllt, dass der wichtigste Gast des Abends Mühe hat, sich zum Podium durchzuschlängeln und es zu erklimmen. Der Mann, vorgestellt als Strawalde, weil er unter diesem Namen seit Jahrzehnten malt und zeichnet, ist zur Buchvorstellung eingeladen. Denn nun gibt es einen Gedichtband von ihm.

Ihm sei peinlich, „dass ich hier so rumgeeiert bin“, beginnt er und versichert, die Stimme sei noch in Ordnung. Jürgen Böttcher, so heißt der Mann seit Geburt und als Filmemacher, verweist auf sein hohes Alter – im Juli ist er 91 geworden – und zugleich auf sein gutes Gedächtnis. Denn das Stichwort „Stimme“ führt ihn zu einem Konzert eines schwarzen Musikers im kriegszerstörten Dresden und zu einem kleinen Loblied auf den Jazz, den er damals entdeckte.

Strawalde und die Barbarin Barbara

So knapp und pointiert die Texte sind, die er dann aus dem Buch „Nebengekritzeltes“ vorträgt (Edition Ornament im quartus-Verlag Bucha, herausgegeben von Jens-Fietje Dwars), so ausschweifend kann er reden, wenn man ihn nur lässt. Aber dazu später. „Ich würde das nie Gedichte nennen“, leitet er seine Lesung ein, „das ist einfach mein Zeug.“ Vieles von diesem Zeug hat allerdings nicht nur Witz und Geist, sondern auch ordentlich dosierten Rhythmus. Einiges feiert den Nonsens, zum Beispiel so: „Im Traum/ sah ich ein Auto/ das fuhr einen Baum rauf/ und lachte.“ Oder so: „Die Barbarin Barbara/ hat ’ne Bar in Ottawa“. Sprachspiele, Naturblicke, geronnene Momente wechseln sich ab. Ein einziges Mal erklärt er bei der Lesung den Hintergrund zu einem Gedicht. Es beginnt: „Da kamen große Hunde/ die Männer hinter sich/ herzogen –/ an langen Leinen/ bissen sich in die Landschaft ...“, er sagt: „Das ist eine kleine Abrechnung mit der Stasi.“

Böttcher/Strawalde wurde beobachtet, jahrzehntelang. Er war früh um sein vielleicht wichtigstes Werk als Regisseur betrogen worden: Der Spielfilm „Jahrgang 45“ über die Schwierigkeiten, jung zu sein, kam nach Vorführung des Rohschnitts unter Verschluss. Das war kurz nach dem als Kahlschlagplenum in die DDR-Kulturgeschichte eingegangenem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965. Ein Berufsverbot bedeutete das nicht, einige Dokumentarfilme konnte Böttcher dennoch drehen. Er begab sich zu den „Wäscherinnen“ (1972) in die Arbeitswelt, beobachtete auch „Rangierer“ (1984). Mit journalistischer Dokumentation haben diese Filme nichts zu tun, sie sind streng komponiert, hochästhetisch. Dass der Regisseur, der zuerst Bildende Kunst studiert hatte, als Strawalde weiter malte, rettete ihn, wenn man seine Filme nicht sehen wollte. Nach Ende der DDR wurden seine Bilder teuer.

Frank Castorf sitzt im Publikum

Das Buch entstand, so steht’s im Nachwort, als Jens-Fietje Dwars für die der Buchkunst verpflichtete Pirckheimer-Gesellschaft um eine Lithografie bat, aber vom Künstler 50 Tusche-Zeichnungen erhielt. Die eine Grafik sollte eigentlich in eine Mappe mit anderen. Die 50 Blätter wurden für das Buch reproduziert und um die Gedichte ergänzt. Der Titel „Nebengekritzeltes“ stimmt: Die Texte sind handschriftlich und neben die Bilder gesetzt.

Der zweite Teil des Abends sollte einem Gespräch gewidmet sein, der Moderator bat um Fragen und gab die erste vor: Wie hat das alles angefangen mit der Kunst bei dir? Ein abendfüllendes Thema. Strawalde muss man nur ein Bröckchen hinwerfen, er pickt es auf, um es in seine Atome zu zerlegen und aus diesen etliche neue Gebilde zu schaffen. Auch die folgenden Fragen, eine übrigens von Frank Castorf, der im Publikum saß, hatten diesen Effekt. Strawalde mischte Bekanntes mit Unbekannten, streute Pointen ein, sprach über die Kunst und das Leben – seine Verehrung für Rembrandt, seine Liebe zur Natur. Ja, einst sei er in eine Birke verliebt gewesen.

Ein Ausflug in seine Kindheit führte zu seiner Musikalität, weshalb er mit zehn Jahren beim Kreuzkantor in Dresden vorsang und doch seine Eltern bat, nicht in den kadettenhaften Knabenchor geschickt zu werden. Eine Sangesprobe gab er dem Publikum auch, aus dem Schluss von Schuberts „Winterreise“. Er sang vom Leiermann, der in der Kälte sein Instrument bedient, „barfuß auf dem Eise/ Wankt er hin und her/ Und sein kleiner Teller/ Bleibt ihm immer leer./ Keiner mag ihn hören,/ Keiner sieht ihn an.“ Da müsse er an die Menschen denken, die heute unter Brücken schlafen und an die Sorgen vieler vor dem kommenden Winter.

Das erste Geld verdiente er für die Familie, die im Krieg hungerte, mit Zeichnungen, die Passbild-Porträts gefallener Soldaten vergrößerten, den Hinterbliebenen zum Trost. Eine andere Schleife im Gespräch legte er zu Wolf Biermann und den „großen Leuten“, die er bei ihm traf. Heinrich Böll forderte ihn auf, ein Buch zu schreiben, nachdem er ihm zugehört hatte, aber Strawalde habe damals schon gewusst, er hätte nicht die Geduld für die Schreibtischarbeit. Er sei ein „Quatscher“, sagte er, ein Erzähler nur in der Tradition alter Völker, der Publikum brauche, kein Manuskript. Das führte er am Mittwochabend vor, von Lachen und Applaus begleitet. Und ein Buch mit Texten von ihm gibt es nun doch.