„Das glückliche Geheimnis“: Arno Geiger verrät seine Quellen

2005 erhielt er den Deutschen Buchpreis für „Es geht uns gut“, auch andere seiner Bücher sind Bestseller. Das neue berührt durch große Menschlichkeit.

Arno Geiger, fotografiert 2018, als sein letzter Roman „Unter der Drachenwand“ erschien.
Arno Geiger, fotografiert 2018, als sein letzter Roman „Unter der Drachenwand“ erschien.Imago / Gerhard Leber

Wenn Arno Geiger schreibt, unsere Gesellschaft sei ein auf Hochtouren laufender Wegwerfbetrieb, der einen nicht abreißenden Strom aus Abfall produziere, hat jeder sofort vor Augen, was er meint. Wenn er in seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ erzählt, dass er fünfundzwanzig Jahre lang Weggeworfenes gesichtet und vieles davon nach Hause getragen habe, wirkt das zunächst befremdlich. Großstadtbewohner sehen oft Leute, die in Tonnen wühlen, mit Geräten nach Brauchbarem stochern, Beutel oder Fahrradanhänger damit vollstopfen. Arno Geiger, der viel gepriesene Autor von „Der alte König in seinem Exil“, soll einer von solchen sein?

„Wer tat, was ich tat, war nach dem Sittenmaß der damaligen Zeit sozial markiert und gehörte zum gesellschaftlichen Bodensatz“, schreibt er über die Anfänge dieses Tuns. Deshalb sprach er nie darüber, dass er seit der Studentenzeit in der Morgendämmerung Papiercontainer aufsuchte und von dort Bücher, Zeitschriften, Postkarten- und Briefmarkensammlungen, Tagebücher und vor allem unzählige Briefe wegschleppte. „Glücklich“ an dem Geheimnis, das zeigt dieses Buch, ist Geigers Teilhabe an fremden Leben, daran, wie diese in Sprache ihren Ausdruck finden: Eine „beiläufige Offenheit“ gefällt ihm, „eine gänzlich unverkrampfte Direktheit“. 

„Ich probierte, bis ich blutig war“

Der Autor, heute eine anerkannte Größe in der deutschsprachigen Literatur, erzählt hier, wie er darum kämpfte, Schriftsteller zu werden. Noch bevor er sich an Verlage wagte, quälte ihn die Angst, nicht gut genug zu sein. „Das Brüten über Form und Sprache, das stundenlange Sitzen über einzelnen Sätzen – ich probierte es, bis ich blutig war.“ Dieses Porträt des Künstlers als junger Mann schließt sein Befremden über Phasen der Selbstüberschätzung und Großspurigkeit ein, zum Beispiel bei einem Stipendienaufenthalt in Berlin. Und eine Zukunftsangst: Mit 33 Jahren glaubt er an dem Punkt zu sein, wo sich entscheiden musste, ob er sich je als Autor durchsetzen könne. „Mein Gehirn war wie ausgebeult von dem Gedanken, dass es die ganze Zeit über abwärts gegangen war.“

Zwei Romane hat er da schon veröffentlicht. Der dritte, mehrfach vom Verlag verschoben, „Schöne Freunde“, wird kurz gelobt und dann nicht weiter beachtet; der Roman starb, schreibt er, „den plötzlichen Buchstod“. Im Verlag wollte man ihn loswerden, konstatiert er, bei Hanser, dem hoch angesehenen Verlagshaus, wo seine Bücher heute noch erscheinen. Man empfand ihn dort „als so entbehrlich wie den Dreck auf der Stiege“. Das berührt beim Lesen, auch weil der Autor riskiert, auf Kollegen larmoyant zu wirken. So entblättert er sich vor aller Augen, legt Panzer und Maskierung ab, zeigt den Kern der schriftstellerischen Existenz: das pochende, blutende Herz.

Der Durchbruch kam. Aber nicht durch Zufall oder weil der Verlag ein Einsehen hatte, sondern weil er sich noch einmal anders konzentrierte, weil er einen „Familienroman mit integriertem Anti-Familienroman“ schrieb. Und weil er dafür endlich die Fundstücke nutzte, aus den entsorgten anonymen Zeugnissen schöpfte. Er merkte, wie ihm die Arbeit gelang: „Ich glaube, ich hörte das Klicken regelrecht.“ Er merkte nicht, was er dem eigenen Körper dabei zumutete.

Für „Es geht uns gut“ erhielt Arno Geiger 2005 den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis. Sein schöpferisches Geheimnis, die Beschäftigung mit dem Abfall, gab seinem Schreiben Tiefe und Präzision. Hätte man es ihm übelgenommen, wenn er darüber gesprochen hätte? Vielleicht. Die Auszeichnung bedeutet eine Erlösung und bringt Stress: Aufmerksamkeit, Lesereisen.

Das vorliegende Buch handelt auch vom Alltag, von Freundinnen, vom Fremdgehen, von der Illusion, dass Verrat verzeihbar sei. Arno Geiger erzählt von seiner großen Liebe und davon, was sie aushalten musste. Leben und Schreiben, Entsorgen und Erschaffen hängen miteinander zusammen, rücken im Laufe des Buches näher aneinander.

Die Papiertonnenfunde verändern sich. „Die Druckerschwärze wurde weniger. Die Pizzakartons wurden mehr. Handschriftlich Geschriebenes verschwand fast zur Gänze, ich wohnte dem allmählichen Untergang einer Kultur bei.“ Anders als autobiografische Erzähler wie Annie Ernaux oder Edouard Louis, Christian Baron oder Daniela Dröscher interessieren Geiger die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seiner Existenz wenig, aber sie kommen vor. Anfangs verdient er die Miete mit Flohmarktverkäufen aus dem Gefundenen. Manches Stück kann er an Sammler oder Auktionshäuser verticken. Der Radfahrer Geiger sieht zwanzig Jahre nach Beginn der Streifzüge weniger Menschen zu Fuß, dafür Eltern, die ihre Einzelkinder per SUV zur Schule kutschieren. Kriminalromane lösten die Liebesromane im Altpapier ab, „Bastelabfall wurde weniger. Musiknoten wurden weniger. Weinkartons wurden mehr.“ Auch eines seiner eigenen Werke findet er im Abfall.

Er kann noch so existieren

„Das glückliche Geheimnis“ erzählt mit hoher Dringlichkeit vom Entstehen von Literatur aus einem Erinnerungs-, Erfahrungs- und Sprachraum. „Rückblickend mir vorzustellen, dass ich nicht Schriftsteller geworden wäre, hieße mir vorzustellen, dass ich nicht bin.“ Geiger achtet das Leben, er fühlt mit dem dementen Vater, sorgt sich um die plötzlich aus dem Tritt gerissene Mutter, verliert Freunde an den Tod, aber er lebt für die Kunst. Die jedoch braucht ihrerseits Leben, einen Stoff. Und der Autor weiß, wie schwer es ist, sich den Gegenstand so zu greifen, dass er einem „emotional gehört“, um damit arbeiten zu können. Für den vorangegangenen Roman „Unter der Drachenwand“ feilte er jahrelang am Konzept, las etwa zwanzigtausend Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, ein Drittel davon hatte er aus dem Müll gefischt.

So lässt sich dieses mitreißende autobiografische Buch auch als eine Art Entwicklungsroman interpretieren. Der junge Mann schrieb mehr oder weniger instinktiv. Hier erzählt er als Mittfünfziger, der erkannt hat, was die Qualität seiner Bücher ausmacht. Ohne Impulse von außen, schreibt er, „würden viele Nuancen fehlen, das Gespür für die unterschiedlichen Zeit- und Sprachebenen, Unmengen von Alltagsdetails“. Andere recherchieren ihren Stoff auf Reisen oder in Archiven. Arno Geiger nutzt, was im Recyclinghof einer Zukunft als Karton oder Klopapier zugeführt werden sollte.

Er hat sein Geheimnis verraten. Das Ende dieses Buches ist der Anfang für das nächste. Ein Wendepunkt ins Offene.

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis. Hanser, München 2023. 240 Seiten, 25 Euro