Berlin - Ein Titel, eine Ansage: „Cinderella räumt auf“. Dass es in Märchen nicht gerade „genderneutral“ zugeht, ist bekannt. Umso mehr Freude dürfte es Kerstin Hensel mit ihrem neuen Band bereitet haben, einmal die Axt an dieses klassische Genre anzulegen. Ihre Devise lautet dabei: Nieder mit dem Patriarchat! Und so begegnen wir statt dem Froschkönig eben einer „Fröschin“, die alles andere als Prinzensehnsucht im Sinne hat. „Kein Kuss keine Wundernuss“, konstatiert das maskuline, enttäuschte Textsubjekt daher. Kalauernd fragt es noch: „Wer putzt den Putz?“. Doch selbstbewusst ist das weibliche Reptil. Denn „Die Fröschin springt/ Mir aus der Hand.“

Während sich dieses Gedicht noch durch charmanten Witz auszeichnet, geht es in dem Poem „Trödelhexe“ weitaus schonungsloser zu. Feilgeboten wird hierin den Herren der Schöpfung „Adams erste/ Fickpuppe Marke Lilith“ oder „Margaretes/ Aschenes Haar“. Vor allem Goethe, der Letztere in seinem großen „Faust“ vergewaltigen und im Schatten eines egoistischen Genies zugrunde gehen lässt, bekommt sein Fett ab. Von vielen als der Gott der deutschsprachigen Literatur gefeiert, entpuppt er sich in Hensels feministischer Poesie schlichtweg nur noch als „Dichterschwein“.

Schon mit ihrem Band „Schleuderfigur“ (2016) nahm die 1961 in Karl-Marx-Stadt geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin jenes ästhetische Konzept vorweg, das sie nun gänzlich zur Entfaltung bringt, nämlich das der Verkehrung und Erschütterung unserer Wahrnehmung. Waren es damals noch die gewohnten Bahnen des Lebens, die mitunter durch Klimakatastrophen durchbrochen wurden, sind es heute vermeintlich literarische Meisterwerke, die ihre Unschuld einbüßen. Hänsel, Gretel & Co. einer politischen und gesellschaftskritischen Lesart zu unterziehen und am Sockel der Säulenheiligen der Belletristik empfindlich zu rütteln, hat unterdessen nicht nur Schneid, sondern birgt auch ein bitterböses Leseamüsement.

Kerstin Hensel: Cinderella räumt auf. Luchterhand, München 2021. 136 Seiten, 20,00 Euro.