Nicht loslassen! Wie Donald Antrim seinen Suizid überlebt

Der amerikanische Schriftsteller Donald Antrim hing schon am Dach und wollte loslassen. Sein Buch „An einem Freitag im April“ erzählt von seiner Rettung.

Feuertreppe in Brooklyn
Feuertreppe in Brooklynimago/palinchak

Der amerikanische Schriftsteller Donald Antrim hat sich sein neues Werk aus der Seele geschnitten, als eine Art Brief an den Leser abgeschickt und Marija gewidmet: „An einem Freitag im April“ heißt das Buch und erzählt „Eine Geschichte von Suizid und Überleben“. Antrim hat jene Marija Ende 2016 kennengelernt und ein Jahr später geheiratet. Der Text kommt am Schluss zu sich selbst und schildert den Augenblick, in dem er beendet wird. Es ist eine idyllische Szene: „Ich bin mit Marija zu Hause. Sie sitzt am Klavier, und ich sitze auf dem Wohnzimmersofa und schreibe dir. Der Klang des Klaviers ist satt und voll, und ich spüre die Schwingungen durch den Fußboden hindurch und in der Luft. Die Schwingungen sind Chopin, Janácek oder Bach. Auch ich schwinge; es ist eine Hör- und Gefühlswahrnehmung: Elektrizität, Therapie, Harmonie.“

Die Szene ereignet sich in derselben Wohnung wie die, mit der das Buch beginnt und die anderthalb Jahrzehnte zurückliegt. Da flieht Antrim vor seiner damaligen Lebensgefährtin aus der Wohnungstür, aber nicht hinaus auf die Straße, wo diese ihn vergeblich suchen wird, sondern nach oben, zum Dach und zur Feuertreppe, an deren Geländer er sich hängt, um sich fallen zu lassen. Antrim schildert das Ringen, wie er probehalber eine Hand löst, sich immer wieder auf das Dach zieht, sich ausmalt, wie lange der Fall dauern und wie sein Körper zwischen dem Müll auf dem Hinterhof zerschellen würde. Seine Hände zerschrammen zunehmend und bekommen Blasen. Er sieht, wie die Leute auf umliegenden Dachterrassen ihre Feierabend-Cocktails trinken und überlegt, was sie wohl denken werden, wenn sie ihn da kraxeln und hängen sehen.

„Ich wollte nicht sterben, hatte nur das Gefühl, ich würde, solle oder müsse sterben, und ich hatte meinen Schmerz und meine Gründe, meine Gewissheiten.“ Fünf Stunden dauert der Kampf. Dann schafft er den Weg zurück in die Wohnung auf zerrissenen Socken. Dort warten besorgte Freunde, nehmen ihn in Empfang und bringen ihn in die Psychiatrie.

Illusionslos, aber voller Trost

Donald Antrim, geboren 1958 in Sarasota, Florida, verlebte eine schlimme Kindheit in einem Alkoholiker-Elternhaus, mit vielen Umzügen, voller Schutz- und Lieblosigkeit. Mit „Wählt Mr. Robinson für eine bessere Welt“ hatte er 1993 seinen literarischen Durchbruch, der ihn zu einem der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation machte. 1999 landete er auf Anhieb auf der ersten „Fiction under 40“-Liste des New Yorker, der alljährlich die 20 wichtigsten jungen Schriftsteller aufzählt. Dort stand sein Name neben denen von Jeffrey Eugenides, Jonathan Franzen, Rick Moody, George Saunders und David Foster Wallace. 2006, kurz vor dem Feuertreppenereignis, ist Antrims Buch über seine suchtkranke Mutter erschienen, worin er die Geschichte seiner Kindheit verarbeitet „Afterlife. A Memoir“ heißt es im Original, der deutsche Titel: „Mutter: kein Roman“.

Einen Text loszulassen ist vielleicht ähnlich existenziell wie sich selbst loszulassen, während man am Geländer der Feuertreppe hängt. Mit „An einem Freitag im April“ hangelt er sich wieder hinauf. Es ist mehr als ein literarisches und erst recht mehr als ein therapeutisches Buch, unsentimental, illusionslos, aber doch trostvoll. Ein konzentrierter Text wie ein Gang über einen schmalen Balken, jedes Wort ist klar, jeder Schritt ist mit Bedacht gesetzt.

Tod an Ort und Stelle

Antrim erzählt, was ihm widerfährt, durch welche Qualen er gegangen ist, was die Medikamente mit ihm und seinem Körper machen, wie sich seine Zustände der Logik entziehen und ihn vereinsamen lassen, weil seine Freunde, die ihn besuchen, gedanklich nicht zu ihm durchdringen. Umso höher ist sein Bemühen zu schätzen, nun, im Nachhinein – oder genauer, in einer hoffentlich dauerhaft milden Phase – zu erklären, wie ein Suizidant denkt, was ihn ergreift und überwältigt. Man stirbt nicht durch Suizid, so Antrims Grundthese, sondern man stirbt an Suizid. Er würde den Suizid „Tod an Ort und Stelle“ nennen.

Wir Leser sollen verstehen, dass der Suizid nicht aus freiem Entschluss und willentlich vollzogen wird, sondern dass es sich um den letalen Ausgang einer oft sehr langen Krankheit handelt. Wobei Krankheit ein Begriff ist, der sich nicht am Individuum festmachen lässt, das leidet. Krankheit ist nicht nur eine Störung des körperlichen und geistigen, sondern auch des sozialen Wohlbefindens. Das macht den Suizid, so Antrim, zur Gesellschaftskrankheit. Antrim führt seine verdorbene Kindheit ins Feld, Gewalterfahrungen, Mangel an Berührungen, das Gefühl, unerwünscht zu sein. Es sind seine Gründe und Gewissheiten, die ihn in seinen finsteren Phasen glauben lassen, dass er sterben soll. Sind es Phasen? Wird es vorbeigehen? Werden die Therapien helfen?

Ein Anruf von David Foster Wallace

Wir können den Schmerz nicht mitfühlen, der Antrim beugt, ihn zittern lässt, niederwirft, auf die Liege drückt, sich auf ihn legt – und dies alles, ohne sich orten zu lassen, aber Antrim findet eine Sprache für ihn. Licht empfindet er als in die Augen geworfenen Sand, Hubschraubergeräusche treffen ihn wie Schläge ins Gesicht, Gewichte legen sich auf seine Brust, der Atem wird eingeklemmt. Er beschreibt das Leben als einen tapferen, zuweilen aussichtslos erscheinenden Todeskampf, den er als Ohnmächtiger führen soll, zusätzlich belastet durch gute Ratschläge von ahnungslosen Gesunden, wie wir womöglich welche sind, die wir mit unseren Kategorien und Beschreibungen zu fassen und zu beherrschen versuchen, was ihn im Griff hat und beherrscht. Hilfe kommt schließlich unter anderem von dem Leidensgenossen David Foster Wallace, der sich zwei Jahre später selbst aufhängen wird. Er ruft Antrim in der Klinik an und rät ihm zur Elektroschocktherapie, die heutzutage unter Narkose stattfindet und Antrim tatsächlich Linderung verschafft.

So spricht auch Antrim zum Leser wie zu einem Leidensgenossen, streut an wenigen Stellen die direkte Du-Anrede hinein und tritt wie ein Freund in den Dialog. „Wenn du diese Krankheit gehabt hast, dann hast du deine Gründe gehabt; und vielleicht hast du, wie ich, geglaubt oder glaubst immer noch, es wäre besser für andere, wenn es dich nicht mehr gäbe, für alle die Menschen, die den Fehler gemacht haben, dich zu lieben, oder ihn eines Tages vielleicht machen könnten.“ Und dann hält man dieses Buch in der Hand, das letztendlich ein Liebesbeweis ist. Für jene Marija, aber auch, unbekannterweise, für den Leser. Ein Buch wie eine zerschrammte, aber ausgestreckte Hand.

Donald Antrim: An einem Freitag im April. Eine Geschichte von Suizid und Überleben. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Rowohlt Hamburg 2022, 160 Seiten, 24 Euro