Die Lesungen im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis wurden schon mit Kameras aufgezeichnet, als das Wort „hybrid“ noch den Naturwissenschaften vorbehalten war. 1977 begründet als „Tage der deutschsprachigen Literatur“, unter anderem mit Marcel Reich-Ranicki in der Jury, wurden die Lesungen und deren Bewertungen bereits ab 1989 live auf 3sat übertragen.

Im ganzen deutschsprachigen Raum war es möglich, zu sehen, wie sich alljährlich im Frühsommer eine Art Klassenfahrt des Literaturbetriebs ins österreichische Klagenfurt bewegte. 14 (früher mal 18) Autorinnen und Autoren, eingeladen von sieben (früher mal neun) Jurorinnen und Juroren, tragen je etwa 25 Minuten lang einen noch unveröffentlichten Text vor, der etwa genauso lange öffentlich besprochen und manchmal regelrecht auseinandergenommen wird.

Sten Nadolny, Katja Lange-Müller, Wolfgang Hilbig, Emine Sevgi Özdamar, Uwe Tellkamp, Katja Petrowskaja und Sharon Dodua Otoo sind zum Beispiel die Gewinner vergangener Jahre. Der Hauptpreis, dotiert mit 25.000 Euro, und mehrere Neben-Auszeichnungen sorgen für Aufmerksamkeit bei Lektoren, Literaturagenten, Verlagen.

Als Corona den Kulturbetrieb und alles andere heimsuchte, waren der österreichische Sender ORF und 3sat also bestens vorbereitet. Anders als vieles andere fiel Klagenfurt nicht aus, sondern wurde zu einer rein digitalen Veranstaltung. Die Autoren lasen zu Hause oder wo immer man sie sehen sollte, die Juroren saßen zu Hause oder in leeren Literatur-Veranstaltungsorten und wurden nur virtuell zusammengeschaltet. So war es möglich, dass eine lang vergessene Autorin, der die weite Reise eine Zumutung gewesen wäre, gewinnen konnte: Helga Schubert. Der Preis holte sie in die Literaturlandschaft zurück.

Als im vergangenen Jahr die Lage im Sommer etwas entspannter war, durfte die Jury wieder an den Wörthersee reisen, die Autoren-Lesungen wurden noch eingespielt. Nava Ebrahimi gewann. Und nun, anno 2022, wird am Mittwochabend zwar im Studio vor Ort die Reihenfolge der Lesungen ausgelost, sind zwar alle anwesend, die bis Sonnabend ihre Texte vortragen werden, und auch alle, die sie beurteilen. Aber: Ein bisschen hybrid bleibt das Ganze dennoch. Die Lesungen finden vor Publikum als Open Air statt, wo Viren besser wegfliegen können. Nur die Jury sitzt im Studio beieinander. In der Diskussion begegnen sie sich nur virtuell.