„Mutabor“: Ninas Zauberpulver sind die Worte

Norbert Scheuer, dessen  „Winterbienen“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis standen, erzählt von der Identitätssuche eines Mädchens.

Norbert Scheuer schreibt immerfort an einem großen Buch.
Norbert Scheuer schreibt immerfort an einem großen Buch.elvira scheuer

Ruth, die Mutter, ist abgetaucht, und vom Vater existiert nur ein zerkratztes Foto – das ist die Ausgangslage von Nina Plisson aus dem Eifelstädtchen Kall. Es liegt recht nahe, dass sich die junge Frau auf die Suche nach den Eltern begibt. Allerdings ist Nina auch noch damit beschäftigt, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Denn da ist die Sache mit den „Anfällen“, wogegen sie Pillen nimmt, zudem die Aufsicht des Sozialamts und nicht zuletzt die unmögliche Liebe zu Paul. Von alledem erzählt Nina Plisson in Norbert Scheuers Roman „Mutabor“.

Man kennt sich. Nina Plisson hatte schon in dem Roman „Am Grund des Universums“ (2017) eine erhebliche Rolle gespielt. Und Paul Arimond, nach dem sie sich verzehrt, war die Hauptperson in „Die Sprache der Vögel“ (2015). Ja, wer Norbert Scheuers Werken folgt, trifft viele alte Bekannte.

Norbert Scheuer schreibt seine Geschichten immer weiter

Der Autor widmet sich immerzu dem einen großen Buch, das von Veröffentlichung zu Veröffentlichung fortgeschrieben wird. Erzählen ohne Ende. „Denn niemals“, so sagte er es einmal, „sind alle Geschichten erzählt.“ Motive und Erzählstränge verdichten und verlieren sich über mittlerweile neun Romane hinweg. Der Vorhang, der in der Kaller Kneipe den Eingang vom Schankraum trennt, ist dafür ein starkes Bild. In ihm stecken Gerüche und Spurenelemente aller Bewohner, die längs der Urft zuhause sind. Ein Goldenes Vlies der Eifeler Art.

Die Mythologie spielt in „Mutabor“ eine erhebliche Rolle. Jeder Norbert-Scheuer-Roman hat ein Bonus-Programm. Mal waren es die Steine, denen eine besondere Aufmerksamkeit im Erzählverlauf zuteilwurde, dann den Fischen, den Vögeln, den Sprüchen des Laotse und zuletzt den Bienen. Das befeuert zunächst einmal das Schreiben und befriedigt den Wissensdurst des Autors. Denn auch und vor allem dienen solche Exkursionen dem Lesevergnügen. Diesmal geht es also in die antike Sagenwelt: Die Götter kommen nach Kall.

Kneipenwirt Evros, einst aus Griechenland nach Deutschland gezogen, hält ihre Geschichten auf Bierdeckeln fest. Seine 33 mythologischen Mini-Sequenzen sind über den Roman verteilt. Sie werden ergänzt von Illustrationen, die Erasmus Scheuer geschaffen hat. Jeweils eine Seite ist dafür reserviert. Der Künstler ist der Sohn des Autors, seine Arbeiten waren schon in vorangegangenen Werken zu sehen. Er beginnt mit dicken Tintenklecksen, aus denen in dünnen Linien Häuser, Menschen und Fantasiegestalten entstehen.

„Mutabor“ deutet eine schwierige Kindheit an

Da orientiert er sich ganz und gar an Nina Plisson. Das Mädchen, das an einer Schreibschwäche litt, hat in der Grund- und Hauptschule mit einem Füllfederhalter in ihre Hefte gekleckst. Dabei entdeckte sie, „wie die seltsamsten Dinge aus diesen Klecksen entstanden“. Nun fasst sie für uns in Worte, was in diesen Zeichnungen festgehalten ist: eine sehr schwierige Kindheit.

Immerhin gibt es Menschen, die sich um Nina kümmern. Da ist zum einen der Sozialarbeiter Ignaz, und da ist zum anderen Sophia Molitor. Sophia bedeutet Weisheit – und die ehemalige Lehrerin rät dem Teenager, die Vergangenheit ruhen zu lassen: „Die Lust, zu leben und zu lieben, schaut nicht zurück, auch nicht nach vorn. Sie lebt ganz im Hier und Jetzt, für sie zählt nur der Augenblick.“ Es klingt wie der Tipp aus einer Ratgeberfibel, den sich Sophia Molitor auch selber aufzusagen scheint.

Im Kosmos Kall sind alle Personen auf die eine oder andere Weise Versehrte an Leib und Seele. Auch Sophia, auch Ignaz. Götter und Heroen, wie sie in Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ vorkommen, sind in Kall nicht ortsansässig. Gleichwohl gibt es Heldinnen und Helden des Alltags. Da schaue man jetzt nur auf Nina, die sich keineswegs ihrem prekären Schicksal überlässt, sondern die Identitätssuche beharrlich vorantreibt. Oder man denke an Egidius Arimond aus dem zuvor veröffentlichten Roman „Winterbienen“ (2019): Der Lateinlehrer, der offenbar wegen seiner Epilepsie in Nazi-Deutschland nicht mehr unterrichten durfte, schmuggelte Juden inmitten seiner Bienenkörbe über die Grenze nach Belgien. Für den Roman gab es den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und einen Platz auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

„Mutabor“, der nun druckfrisch vorliegende Roman, entlehnt seinen Titel dem Märchen „Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff. Es ist die Geschichte eines Potentaten, der sich freiwillig mit Hilfe eines Zauberpulvers in einen Storch verwandelt, aber dann das magische Wort „Mutabor“ vergisst, mit dem er in sein Menschsein zurückkehren könnte.

Der Roman nutzt die einschlägigen Motive, verweist auf Störche in der Eifel und die Reize von Byzanz. Auch scheinen Ninas Eltern das Zauberwort vergessen zu haben, um zu ihrer Tochter zurückzukehren. Sie selbst aber hat es gefunden und wandelt sich vom bildungsfernen Sozialfall zur aufgeweckten Virginia-Woolf-Leserin. Ninas Zauberpulver sind die Worte – solche, die sie liest, und solche, die sie schreibt.

Tausende Manuskriptseiten im Fluss

Vieles packt Norbert Scheuer in seinen Roman, der reich an engmaschig verbundenen wie an losen Fäden ist. „Mutabor“ schwebt gleichsam zwischen Traum und Alptraum. Mit seiner unendlichen Geschichte ist der Autor eine Art Wiedergänger jenes Gastwirts, der einst die Chronik des Urftlandes schreiben wollte. Er gehört zur Familie der Arimonds, den Buendías der Eifel. Sein Ziel war es, so lesen wir jetzt, sich bei der Niederschrift „an den Geschichten der Thekengäste“ zu orientieren. Was wohl dabei herausgekommen wäre? Womöglich hundert Jahre Einsamkeit. Doch dann hat der Wirt tausende Manuskriptseiten zerrissen und in den Fluss geworfen.

In seiner Kindheit hat auch Norbert Scheuer so manches Gespräch in der elterlichen Gastwirtschaft mitbekommen (die Familie der Mutter hieß übrigens Arimond). Die Eindrücke von damals wirken bis heute fort und stimulieren das „Begehren zu schreiben“, wie er 2014 eine Poetikvorlesung an der Bonner Universität überschrieb. Mittlerweile liegen insgesamt 1900 Romanseiten vor. Diese Chronik des Urftlandes kann kein Fluss mehr fortreißen.

Norbert Scheuer: Mutabor. Roman. Mit Illustrationen von Erasmus Scheuer. C. H. Beck, München 2022. 192 Seiten, 22 Euro.