Peter Handke notiert üblicherweise ans Ende seiner Bücher, wann sie entstanden sind. „Sommer, Herbst 2020“ steht in der letzten Zeile von „Mein Tag im anderen Land“, das jetzt erscheint. Es ist das erste Jahr mit Covid-19, dem Virus, das die Welt in Schreckstarre hält. Corona findet in diesem Buch nicht statt, Schrecken gibt es durchaus. Der Untertitel klassifiziert das schmale Prosawerk als „Eine Dämonengeschichte“. Es greift weit zurück in die Literaturgeschichte und kommt in der Gegenwart an. Handke schreibt klangvolle, melodiöse Sätze, setzt schwer zu enträstelndes Pathos dazu und wirft schrägen Humor dazwischen.

Der vor allem wegen seiner Leugnung der serbischen Kriegsverbrechen Anfang der 90er-Jahre in Bosnien umstrittene Literaturnobelpreisträger von 2019 erzählt in dem neuen Buch von einer Wandlung. Der erste Satz verheißt: „In meinem Leben gibt es eine Geschichte, die ich noch keinem Menschen erzählt habe.“ Klar, das will man wissen.

Handkes Erzähler: launisch wie ein Obstgärtner

Der Erzähler nennt seinen Beruf, Obstgärtner. Handke-Leser denken da gleich an sein vorletztes Buch, „Die Obstdiebin“, 2017 erschienen. „Kein Baum, zumindest Fruchtbaum, der nicht von mir eigenhändig gepflanzt worden war“, hieß es in dem großen romanhaften Epos, das von kleinen Begegnungen ausging und in dem die gesellschaftliche Verunsicherung jener Jahre gegenwärtig war. Diesmal stellt sich der Erzähler gleich als Sonderling vor, der gar zu ulkigen sprichwörtlichen Vergleichen herangezogen wurde: Man konnte etwa „launisch wie ein Obstgärtner“ sein, weltfremd wie dieser oder gar „obstgärtnerischer als ein Obstgärtner“. Erzählen will er von einem Zustand der Besessenheit, in dem er seiner Arbeit nicht nachgehen konnte, im Friedhofseck kauerte oder umherging und unbestimmbare, zuweilen als Gesang gedeutete Laute von sich gab.

In seinem Wahn war der Obstgärtner vor allem den Kindern unheimlich. „Nicht wenige, die bei meinem Anblick auf der Stelle kehrtmachten, freilich nur für ein paar Schritte, worauf sie stehenblieben und, wie das Füchse tun, den Kopf auf der Schulter, zu mir zurückäugten, und es war dann ich, der jeweils einen Bogen um das Kind machte, um ihm die Angst zu nehmen.“ Das ist eine von vielen Beobachtungen, die imponierend für Handkes Beschreibungskunst stehen.

Im Verlauf wird der Besessene forschend betrachtet, es gibt Theorien zum „dämonischen Ruck“, zumal auch andere von seinem Leiden befallen sind. An das Erzählen selbst knüpft er Fragen, ob das Interesse nicht daher rühre, dass die „Durchgedrehten“ der Bevölkerung als Spiegel dienten. Dabei ist eine Erwartung schon in dem Motto enthalten, mit dem Handke das Buch beginnt: „Ich, Idiot, ins Gemeinwesen gestellt“, ein Zitat des griechischen Dichters Pindar aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. Bekannt wurde Pindar für seine dreigeteilten Oden. Handkes Dämonenprosa ist auch in drei Teile gegliedert, der dritte ist der kürzeste. Das Buch wechselt in den Stimmungen. Der Erzähler kommt von einem verunsicherten Berichten, das wiedergibt, was er nur über sich gehört hat, bald in einen geradezu frohgemuten Schwung.

Ein überraschendes Bedürfnis nach Öffentlichkeit

Das Ich ist natürlich nicht der Autor selbst. Allerdings teilt der Erzähler mit, inzwischen andere Bücher als über Obstbau zu verfassen. Er schreibt: „Noch heute habe ich täglich einmal ein Bedürfnis nach Öffentlichkeit“, bezeichnet gar den öffentlichen Raum „als eine Art Gesundbrunnen“. Das wirkt wie eine Satire auf die Szene nach der Zuerkennung des Nobelpreises, als die Medien-Öffentlichkeit Peter Handke bei einem Besuch an seinem österreichischen Gartenzaun fand und wegen Serbien zur Rede stellen wollte. „Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen“, sagte er damals in die Mikrofone. Handke ist keiner, der sich öffentlich entschuldigen würde.

Im zweiten Teil von „Mein Tag im anderen Land“ erzählt das Ich, wie es von den Dämonen befreit wurde, auf simple, ja versöhnliche Weise. Im Legendenton führt Handke einen „guten Zuschauer“ ein, der wie ein Mischwesen aus einem Priester und einem Heilpraktiker dem Mann die Selbstwahrnehmung zurückgibt und ihn auf den richtigen Weg lenkt. Dass dieser sowohl in die Antike führt, nämlich nach Dekapolis, als auch in heutige Straßenbilder, zeigt, wie der Autor die Öffentlichkeit locker auf die Schippe zu nehmen versteht. Eine „Publikumsbeschimpfung“ wie 1966 ist das nicht mehr. Der nun zum Wanderer Gewordene wird für einen „landweit bekannten Schanzenspringer gehalten, den Barpianisten vom ,Grand Hotel‘, einen Star-Anwalt, einen Fußball-Schiedsrichter, einen Zeitungs-Karikaturisten“ und noch mehr – hier soll den Lesern nicht alles verraten werden. Denn an seine Leser denkt der Ich-Erzähler durchaus, „erzählenswert vielleicht noch“ schreibt er mal und „ja, richtig gelesen“.

Daran sollte man sich am Ende, einem in diesen Zeiten verblüffend optimistisch stimmenden Schluss, noch einmal erinnern: Eine bislang unerzählte Geschichte wird dargeboten. Der Schreibende hat sie auf ihren Sinn abgeklopft. Der könnte darin liegen, dass es gut ist, mal die Perspektive zu wechseln. Und er liegt ganz sicher auch im Beharren darauf, anders zu sein, widerständig.

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte. Suhrkamp, Berlin 2021. 95 Seiten, 18 Euro