„Phlox“: Ein Dorfidyll, in dem nicht nur die Äpfel faulen

Jochen Schmidt bereichert die Landlebenliteratur mit einem Roman über ein Brandenburger Selbstversorger-Paradies.

Der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt. Sein Roman „Phlox“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.
Der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt. Sein Roman „Phlox“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.dpa

Das Thema Landleben ist ja gerade sehr populär. Juli Zeh, Dörte Hansen oder Lola Randl erzählen in Bestsellern davon. Alle Welt liest Nature-Writing-Ikonen wie H.D. Thoreau oder Robert Macfarlane, Buchhandlungstische biegen sich unter Selbstversorgerratgebern. Auch Jochen Schmidt, Jahrgang 1974, aufgewachsen in Ost-Berlin, im Prenzlauer Berg zu einem Schriftsteller geworden, der Erzählungen, Romane, Reisebücher, Marcel-Proust-Kommentare, Essays und vieles andere schreibt, hat sich nun der Provinz zugewandt. Der Roman „Phlox“ schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Im Dorf, um das es hier geht, „duften süßlich die Phloxstauden, ihr Geruch mischt sich mit dem der faulenden Falläpfel“. Es heißt Schmogrow, befindet sich im Oderbruch und ist der Sehnsuchtsort des Ich-Erzählers Richard Sparka, den viele aus Schmidts Roman „Zuckersand“ kennen werden. Richard verbrachte hier seine Kindheitssommer. Inzwischen selbst Familienvater, kehrt er nun ein letztes Mal zurück, bevor das Haus, in dem er mit seinen Eltern zu Gast war, abgerissen wird, um einem „Biker Inn“ zu weichen.

Er erzählt, wie er mit Sohn und Tochter durch die Orte seiner Kindheit streift. Vor allem aber wandern seine Erinnerungen durch Dorf, Haus und Garten, zum Komposthaufen, in die Waschküche. Richard erzählt von aus „Flecken, Rissen und Schatten staubiger Spinnweben gebildeten Figuren an der Wand“, schildert den Inhalt der Vorratskammer und der Küche, würdigt unebene Stellen und schiefe Stufen, schwelgt in Farben und Gerüchen.

Genau beobachtet, manchmal lustig

Und er beschreibt das inzwischen verstorbene Ehepaar Tatziet, dem das Haus gehörte: Er ein kauziger Lehrer und Bastler, sie talentierte Gastgeberin und Gärtnerin, beide ungemein freundlich. Sie hielten ein paar Tiere und bauten nach Ökomethoden Gemüse an: „Man schuf Kreisläufe und verwertete alles, Lupine wurde als Gründünger untergegraben, die Tomaten rankten an krummen Ästen aus dem ‚Wäldchen‘, die Wolle vom Hinterteil der Schafe wurde eingeweicht und die Flüssigkeit als Lauge zum Düngen verwendet, die Erbsenbeete wurden mit alten Fischernetzen gegen Tauben geschützt, die Kinder kletterten in den Wipfel der Linde, um Blüten für Tee zu sammeln, Butter wurde mit gemahlenen Ringelblumenblüten gefärbt (‚Arme-Leute-Safran‘), sogar die Erdbeerranken wurden getrocknet und als Bindfaden verwendet …“

Richard erinnert sich an dieses Selbstversorgerparadies als ein Refugium, in dem man alle Sorgen und Nöte vergaß. Zu Gast war eine wechselnde Runde aus Akademikern und Kreativen, wie es scheint, dazu Westbesuch und immer viel Verwandtschaft. Sie alle lieben das „Schmogrow-Gefühl“: Die zwanglose Geselligkeit, Gartenarbeit und das Baden in der Oder machten alle froh, in der Sommerfrische gab es weder Streit, politische Auseinandersetzungen noch einen Fernseher.

Die unendlich detaillierten Beschreibungen all dessen mäandern in sehr langen Sätzen über absatzarme Seiten, sie sind genau beobachtet, manchmal lustig, immer ausufernd. Fans von Jochen Schmidt, der für seinen ausschweifenden Stil bekannt ist, werden jedes einzelne schöne Wort lieben, alle anderen früher oder später ein bisschen gähnen. Sobald das Buch auf die hässlichen Seiten dieser Idylle zu sprechen kommt, ist man allerdings wieder hellwach.

Ein netter Verwandter und begabter Schlittschuhläufer, heißt es zum Beispiel, wollte in seiner Jugend unbedingt zur SS. Mehrmals, das erfahren wir zwischen Erinnerungen an Sonnenbäder und selbstgemachtes Sauerkraut, verwüsteten Panzer das Dorf. Herr Tatziet verlor im Zweiten Weltkrieg seinen Arm, viele andere Familien Männer und Söhne. Ja, und viele der Lebensreformer und Wandervögel der Weimarer Jahre, zu denen auch Frau Tatziets Eltern gehörten, standen völkischem Denken nah. Von „Onkel Widukind“, genannt „Witz“, einem Reformpädagogen mit Hang zum Scherzen, heißt es: „Als Wandervogel war es ihm aber ‚instinktiv‘ nicht möglich gewesen, das Erlebnis der Fahrten mit Juden zu teilen, diesen heimlichen Zernagern des Deutschtums …“ Das schöne Haus steht denn auch in einer Siedlung, die gegründet wurde, um „der ‚Überfremdung‘ durch slawische Saisonarbeiter entgegenzuwirken“.

In der Gegenwart ist es mit dem malerischen Schmogrow-Feeling sowieso vorbei: Statt solider alter Backsteinhäuser, statt bunter, selbstgeschmiedeter Gartenzäune, statt Gemüse und Geißblatt breiten sich Schottergärten aus, darin „mit Druckluftpistolen zusammengeschossene“ Fertig-Eigenheime und Skulpturen aus dem Baumarkt, drumherum Plastikzäune. Richard, der an einer „Studie für Schönheit“ arbeitet, sieht das als Ausdruck unseres selbstzerstörerischen Wegwerfkapitalismus und leidet sehr daran.

Ein kluger und sehnsüchtiger Roman

In diesem Roman geschieht also mehreres zugleich: Erstens feiert er eine sorglose Sommer-Ländlichkeit mit wieder sehr angesagten Selbstversorgerqualitäten. Zweitens erzählt es von Schrecken und Schuld, die es an diesem Ort eben auch gab: völkisches Denken, Krieg, Flüchtlinge, Vergewaltigung, Enteignung und Anpassungen an dieses oder jenes Regime. Drittens, und dafür sorgt Schmidts schreibende Hinwendung zum Wert alltäglicher Dinge, verliert eine alte Holztür deswegen nicht ihre Würde. Die Fehler oder Schmerzen der Menschen machen den Phlox nicht weniger schön und legitimieren auch nicht die Zerstörung lange gewachsener Gärten und Lebenswelten.

Es ist ein widerspruchsvoller oder zumindest komplizierter Befund, der sich weder auf Landlust-Romantik, Manufactum-Snobismus, DDR-Nostalgie noch auf frustrierte ästhetische Sensibilität zusammenziehen lässt. Was aber damit tun? Schmidts Erzähler formuliert eine prägnante (wenn auch mit nostalgischen „ß“ garnierte) Antwort: „Was reizt uns so an ‚Bullerbü‘? Daß die Kinder dort glücklich sind mit liebevollen, aber meistens abwesenden Eltern, und daß man nicht dazusagen oder verschweigen muß, daß ihre Mütter vor Juden ausspucken und ihre Väter in der SS sind.“ Diese Sehnsucht ist legitim, ja wichtig – aber die Schmogrows dieser Welt liegen nie in einem schwedischen Kinderbuch. In dieser über 470 Seiten ausgearbeiteten Spannung bewegt sich Schmidts kluger und sehnsüchtiger Roman, während er von Sommerfreuden, faulen Äpfeln und duftenden Blumenbeeten erzählt.

Jochen Schmidt: Phlox. Roman. C.H. Beck, München 2022, 479 Seiten, mit 12 Vignetten von Line Hoven, 25 Euro