Berlin - Was macht Berlin aus? Bauten und Straßen, Bewohner und Gäste, die Schönheit im Sommer wie das Novembergrau, berlintypisch sind auch die Tierliebe und die Ausflugslust, Gerichts- und Theaterdramen. All das gab den Tagesschriftstellern, den für Zeitungen tätigen Kritikern und Kulturjournalisten Anfang des 20. Jahrhunderts Nahrung. Einer der elegantesten und pointiertesten unter diesen Feuilletonisten war Alfred Kerr (1867-1948). Der einflussreiche Theaterkritiker hatte auch ein großes Talent zur Alltagsbeobachtung.

25 Jahre berichtete er für die Königsberger Allgemeine Zeitung über Kleinigkeiten und Bedeutsames aus Berlin, oft das eine mit dem anderen verbindend. „Plauderbriefe“ nannte er sie. Alfred Kerr konnte 1933 Deutschland gerade noch verlassen und ging mit seiner Familie über die Schweiz und Frankreich ins Exil nach London. So blieb den Nazis nur übrig, seine Bücher zu verbrennen.

Die „Plauderbriefe“ aus Königsberg wurden vor zwanzig Jahren wiederentdeckt. Alfred Kerrs Biografin Deborah Vietor-Engländer hat die über tausend Texte durchgesehen und mit unzähligen hilfreichen Anmerkungen versehen. Sie ist die Herausgeberin der vierbändigen Ausgabe, die am 26. Mai im Wallstein Verlag erscheint, Titel: „Berlin wird Berlin“. Aus der Zusammenschau der Botschaften ins ferne Königsberg (heute Kaliningrad) ergibt sich ein schillerndes Bild vom Werden der Reichshauptstadt und von der politischen Stimmung in den Jahren von 1897 bis 1922.

Leicht gekürzt drucken wir hier zwei der Texte ab. Der erste erschien am 23. Oktober 1904. Kerr schreibt über das heutige Bode-Museum in Berlin-Mitte, damals noch nach dem 1888 verstorbenen Kaiser Friedrich III. benannt. Am Ende, mit dem Gebäude voller Herren, spielt Kerr auf die Berliner Börse in unmittelbarer Nachbarschaft an.

Der andere Text erzählt von einer Pandemie. Die Spanische Grippe war in Berlin angekommen. Eine besondere Tragik steckt hinter dem am 13. Oktober 1918 erschienenen Artikel, weil zehn Tage später Kerrs erste Frau Inge nach dreimonatiger Ehe mit 21 Jahren an der Grippe verstarb. Er selbst genas wie durch ein Wunder. Politisch war es eine unklare Zeit, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges. Von der Novemberrevolution konnte Alfred Kerr noch nichts wissen.

Imago
Alfred Kerr, Schriftsteller und Theaterkritiker;  Porträtaufnahme, 1927 (digital koloriert).

Alfred Kerr über: Die Museumsinsel

In dieser Woche ist das Kaiser Friedrich-Museum eröffnet worden, – und mancher Mann bekam dabei einen Orden. Ich bin fest entschlossen, nichts von der Feier zu berichten, was mir um so leichter fällt, als ich ihr nicht beigewohnt habe, – auch den Bau nicht zu kritisieren, um nicht etwa einem Fachmann ins Geheg’ zu kommen. Ich will vielmehr als Chronist den „alten Berliner“ machen und von jenem höchst denkwürdigen Stadtteil sprechen – wollte sagen: plaudern, plaudern – der jetzt durch das Gebäude eine Bereicherung erfahren hat.

Von der Geschichte des Platzes soll nichts erzählt werden. Ob vor Jahr und Tag dort ein Wendenfürst eine historische Äußerung getan hat, weiß ich nicht, da ich dem Verein für die Geschichte Berlins als Mitglied nicht angehöre. Ich weiß nur mit Sicherheit, daß eine meiner Lieblingsgestalten dort gehaust hat. Der Leser denke nichts Böses, die Dame war schon tot, als ich auf die Welt kam. Du Köstliche, Zauberholde, Wunderfrische, Saftstrotzende hast dort in der Nähe gewohnt, als du noch unter den Menschen weiltest, Bettina von Arnim… Jetzt stehen Säulenreihen, wo das Wohnhaus war. Wie in feierlichem Frieden versunkener lichter Zeiten wandelt der Fuß, festlicher und leiser, auf kühlem Gestein antik überdeckter Philosophenwege. Säulen, Säulen, – nichts als Säulen.

Bettina, die Mainländerin, die Halbitalienerin, die Schwester des Clemens Brentano, ist nun auch nur ein Stück Geschichte, wie die versteinerte Antike dieser Säulen. Blos ihre ganz privaten Verehrer freuen sich und wissen, daß ihr holder Geist mit dieser Insel, dem künstlerischen Herzen von Berlin, geheimnisvoll verflochten ist.

Dem künstlerischen Herzen von Berlin. … Kein anderer Stadtteil wirkt so kulturvoll, kein anderer läßt das frischlackierte Wesen der deutschen Hauptstadt so vergessen; und kein anderer zeugt so angenehme Erinnerungen, die bis in die Knabenzeit zurückreichen. Als Bübchen, als Gymnasiast kommt man auf Besuch zu Verwandten, wird ins Museum geführt, ins Museum, weil es so bildend ist und zweitens nichts kostet.

Die Wirkung wird bloß noch übertroffen durch den Besuch bei den Mumien, links, im ägyptischen Museum. Schauderhaft großartig. Ob die Särge wirklich so alt sind?

Auf dem Wasser um die Museumsinsel lagern ungeheure Kähne mit Obst, – und sie mahnen, daß der Griechenglanz dieser Säulengänge nur ein Kunstprodukt ist, daß in diesem Lande nicht einmal genügend Äpfel, Birnen und Pflaumen wachsen, da jene Zillen sie aus Böhmen herführen müssen. Ein märkisches Griechentum – in einem nordischen Einfuhr-Staat. Ein deutscher Dichter hat behauptet, das einzige Obst, welches in Deutschland ganz reif werde, seien gebratene Äpfel.

Diese Behauptung ist zu schalkhaft, um wahr zu sein. Aber ein Einfuhrprodukt ist unter diesem außerordentlich gemäßigten Himmel auch die bildende Kunst, – da man sie eben in Museumsgebäuden, zwischen den vier Wänden aufbewahrt. Die Hellenen, von deren ruppigstem corinthischen Töpfermeister hier die kleinsten Figürchen in königlich preußischer Obhut konserviert werden, stellten ihre Gebilde in freiem Sonnenlicht aus, unter dem unbewölkten Zeus. Sie hatten keine Museen – weil sie selbst ein geborenes Volk von Künstlern waren. Sie kopierten die Ägypter (und zwar kräftig!), aber sie pferchten diese Vorbilder nicht in köstliche Prunkbauten ein, sondern sie übertrafen sie lieber; sie machten kurzen Prozeß … Auch wir stellen ja Statuen und Gruppen aus Marmelstein unter dem unbewölkten Zeus auf, in letzter Zeit sogar recht zahlreich, ganz ungemein zahlreich, jedoch … hingegen … indessen … Es scheint mir aber, ich bin abgekommen.

Zwei Dinge sind von der Museumsinsel aus dem Blicke sichtbar, die jedenfalls den feierlichen Griechentraum lückenlos zur modernen Wirklichkeit ergänzen. Das eine Gebäude, der Zirkus Busch, hart an das Säuleneiland herüberragend, steht noch in einem gewissen Verwandtschaftsverhältnis zum Altertum. Das Programm hat allerdings in der neuen Arena gewechselt, namentlich, wenn eine Wasserpantomine auf dem Zettel steht und ein Umzug in feenhaften Flitterkostümen, – während damals mehr die Technik des menschlichen Körpers zur Blüte geführt werden sollte. Immerhin: ein Zirkus ist ein Zirkus!

Das zweite Gebäude jedoch, das dem Kunstgestade mit den Bilderschätzen eng benachbart ist, hatte das Altertum nicht aufzuweisen. Uns allein gehört es, unserer Gegenwart, kein Grieche hat es gekannt, vielleicht nicht einmal geahnt. Und mit weit geöffnetem Aug’ würde er ein Gewimmel von Herren sehen, mit glatten Knöpfen, die aber Nachts nicht immer gut schlafen… Möge das Kaiser Friedrich-Museum den Kunst- und Kulturbestrebungen Berlins förderlich sein, – auf daß sie wachsen, blühen und gedeihen. 23. Oktober 1904

Alfred Kerr über: Große und kleine Sorgen

Die Grippe rast. Und wie diese Zeitläufte fast auf jedem Gebiet Neuerscheinungen gebracht haben, von denen man zuvor verschont war, so sind auch (dank dem erfinderischen Geiste der nie ruhenden Natur) neue verschmitzte Krankheitskomplikationen aufgetaucht. Schließlich ist man noch dankbar, daß es nur eine verhältnismäßig unwesentliche Krankheit ist, die uns das Jahr 1918 beschieden hat.

Denn die Cholerafälle, die Berlin erlebte, sind zum Glück vereinzelt geblieben. Man erinnert sich jetzt an jene Zeit des Krieges, wo man in Berlin vor den Pocken Angst hatte. Ein dunkler Druck lag damals auf der Bevölkerung – aber zuletzt ist alles leidlich abgegangen. Wir blieben im wesentlichen verschont. In solchen Zeiten mischt sich die großen Sauberkeit und die allgemeine Hochentwicklung, die bei uns zu Hause ist (man darf das ohne Bramarbasieren äußern) glänzend bezahlt. Aus bloßem Schlendrian der Behörden und aus bloßer Torheit der Bevölkerung wird sich an der Spree niemals eine Seuche verbreiten. Auch die einfacheren Schichten stehen auf einer durchschnittlich so achtbaren Stufe, daß sie sich vernünftig benehmen.

Immerhin denkt man mit Grausen an den Kelch, der mit der asiatischen Cholera jetzt an uns vorübergegangen ist. Gegen die Grippe läßt sich schon leichter was tun, und man hat nur das abgeschwächte Gefühl der Gefahr, wenn die Leute einander in Untergrundbahnen und Theatern mißtrauisch mustern, ob vielleicht ein Ansteckungskeim vom zufälligen Nachbarn ausgehen kann. Diese Ansteckung soll durch Hüsteln und Räuspern und unwillkürliches Sprühen beim Gespräch bewirkt werden. Wenn irgend jemand hustet, entfernen sich die Nächstbeteiligten, indem sie plötzlich so tun, als ob sie auf der andern Seite des Wagens was zu suchen hätten.

Im Theater herrschen seltsame Düfte, die von allerhand Gesundheits-Riechmitteln stammen. Die Eukalyptustropfen sind für manches Taschentuch hoch zu Ehren gelangt. Wenn im Gedränge, wo man nicht ausweichen kann, eine verdächtige Gestalt in die nahe Erscheinung tritt, so wird ein Taschentuch mit scharfen Tropfen gezückt. Es riecht schlecht, wirkt aber beruhigend...

Das Neue im Verhältnis zu früheren Jahren sind bekanntlich hier die Nebenerscheinungen, wobei die Lunge in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber diese Steigerung des Leidens läßt sich oft verhindern. Immerhin hat man auch unter seinen Freunden schon Tote zu beklagen. Es geht manchmal rasch. Dann ist allerdings wohl irgend ein anderes Organ schon vorher schwach gewesen, etwa das Herz, das nachher nicht standhält. Ich bin kein Arzt und rate niemandem sich des ärztlichen Rates zu entschlagen, – aber das jetzt hier im Schwange befindliche Privatmittel will ich als anhänglicher Chronist meinen ostpreußischen Lesern nicht verschweigen.

Ich selber hab’s (allerdings vor der letzten Grippe, die mich auch nur mild angefaßt hat) glänzend erprobt. Angenehm ist es nicht, aber nützlich. Und wenn ich dabei geblieben wäre, hätte man sich auch den letzten Anfall erspart. Also nachdem nun die Spannung auf das Mittel durch die dazwischengeschobenen Sätze hinreichend verstärkt worden ist, soll nicht länger mit der Enthüllung gezögert werden, daß man sich allmorgendlich das Innere der Nase mit dem Inhalt einer der Tuben füllen soll, die lanolinartig sind. Ich glaube, Borsäure ist auch drin, – bin aber ein so schwacher Chemiker, daß ich keinen Eid darauf leiste. Jedenfalls schützt dieses Geschmier den charakterfesten Menschen, der es über sich gewinnt, mit einiger Sicherheit vor der Erkrankung. Natürlich darf er auch sonst nicht halbnackt in die kalte Natur laufen ...

Es gibt drei Gattungen von Menschen: manche bekommen die Erkältung einmal im Jahr; die zweite Gattung einmal im April und einmal im Oktober; bei der dritten Gattung dauert sie von Oktober bis zum April (was die angenehmste Form sein muß).

Ich gehörte jahrelang als bescheidener Mensch zur Mittelgattung: einmal im Frühling, einmal im Herbst. Später bin ich durch einen Zufall auf die Wohltat der täglich mit einem Fettstoff innen bestrichenen Nase verblüffend aufmerksam geworden. Gar nicht aus hygienischen Gründen. Sondern (wie der Zufall manchmal spielt!) das Telephon war derart in Unordnung, daß man sich nur bei etwas geölter Nase einigermaßen wohlklingend verständlich machen konnte.

Daher wurde mein Erker jeden Morgen durchfettet, weil ich bei dem täglichen Gespräch durch ein einnehmendes Organ glänzen wollte. Das liegt einige Zeit zurück ... Und siehe da, der Herbstschnupfen blieb weg. Höchstes Staunen. Ich habe das Einfetten aus Dankbarkeit beibehalten und bin seitdem nur noch einmal im Jahr verschnupft; auch da ist es nichts Schlimmes, sondern eine leichte Angelegenheit. ...

Ach, die Grippe ist wahrhaftig nicht das Einzige, was uns heute behelligt. Wir sind nun seit Wochen an der Spree, wie wohl in jeder deutschen Stadt, in einer schwer zu beschreibenden Seelenverfassung. Ich brauche nicht zu sagen weshalb. Unendlich tief empfindet man die heute nicht zu überschauende Krisis, die das Land durchlebt.

Alles andere wird davon in den Hintergrund gedrängt. Es greift wieder jene seelische Zersplitterung Platz, die man im Sommer 1914 zum ersten Mal in dieser Gewalt kennengelernt hat. Niemand hat Ruh. Man kann sich keiner Tätigkeit geduldvoll hingeben, weil alle Sinne doch nur auf das eine Ziel gerichtet sind – auf Deutschlands Schicksal. 13. Oktober 1918