Wenn die Worte den Alltags- und Politsprech verlassen, fangen sie an zu tanzen, sagt Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Hauses der Poesie. Im Laufe der Woche haben sich Dichterinnen und Dichter über die Stadt verteilt und Poets’ Corner aufgeschlagen. Am Freitag beginnt das Poesiefestival Berlin dann richtig, mit Lesungen, Performances und Gesprächen bis kommenden Donnerstag in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Für Thomas Wohlfahrt ist es auch die Abschiedsvorstellung – und für uns Gelegenheit zum bilanzierenden Gespräch.

Das Poesiefestival 2020 gab es nur online. Im vergangenen Jahr war es ein Hybrid, indem einiges auf den September geschoben wurde. Nun bringt das 23. Poesiefestival wieder Dichtung live in die Stadt. Sehen Sie das mit Wehmut?

Nein, es ist doch Grund zur Freude. Ich glaube, da muss man sich selbst ein bisschen zurücknehmen. Das 23. wird in der Tat mein letztes Festival, ich verlasse das Haus nach 30 Jahren und bummle meine Urlaube ab. Aber ich bin gut gestimmt und neugierig. Man wird mich nicht leiden hören.

Steckt in diesem Festival eine Botschaft?

Wenn Sie sich eine wünschen, dann steht sie schon im Titel „All that Poetry“. Das bedeutet, ein Spektrum aufzumachen von dem Dichter-Abend, den Lutz Seiler gestaltet, der an die Zeit kurz nach der Wende erinnert, bis zur Kunstausstellung mit Sound Poetry, die Fragen an das heutige Miteinander und an die Zukunft stellt, da ist auch KI mit dabei. „All that Poetry“ ist auch eine große Einladung ans Publikum, sich überraschen zu lassen von der Vielfalt poetischen Tuns.

Andrea Vollmer
Zur Person & zum Festival

Thomas Wohlfahrt, 1956 nahe Eisenach geboren, ist promovierter Literatur- und Musikwissenschaftler. Er leitet das Haus für Poesie seit seinem Start als Literaturwerkstatt, gründete 2018 das bundesweite Netzwerk Lyrik e.V. und wird im Herbst in Rente gehen. Im Jahr 2021 wurde ihm die Rahel-Varnhagen-von-Ense-Medaille zuerkannt.

Das 23. Poesiefestival Berlin findet vom 17. bis 23. Juni in der Akademie der Künste am Hanseatenweg statt. Programm und Tickets unter poesiefestival.org

Stellt Lutz Seiler die poetische Begleitung zu seinem Roman „Stern 111“ vor? Darin wird ja der Erzähler zum Dichter.

Vielleicht ist etwas davon dabei. Eingeladen hat er Leute, mit denen er ab 1993 die Zeitschrift Moosbrand gemacht hat, die nur in wenigen Ausgaben erschien. Das sind Thomas Böhme, Annett Gröschner, Thomas Kunst und Kathrin Schmidt. Aber es gibt ja noch mehr.

Wir können hier nicht das Programm vorerzählen. Also picken wir nur kurz etwas heraus: Auf wen sind Sie beim Poesiegespräch besonders neugierig?

Auf Halina Kruk aus Lwiw. In ihren Gedichten antwortet sie auf den Krieg in der Ukraine, da wird es einem knalleng ums Herz. Aber wir haben auch andere Dichter zu Gast, die fliehen mussten, Autorinnen aus Belarus zum Beispiel. Wir stellen persische Lyrik im europäischen Exil vor, die es nun auch als Buch gibt. Und was mir auch ganz wichtig ist: der Versschmuggel.

Andrea Vollmer
Thomas Wohlfahrt

Das ist der Übersetzungs-Workshop, den das Haus für Poesie schon lange macht.

In diesem Jahr haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, die noch vor dreißig Jahren in dem Land Jugoslawien eine gemeinsame Sprache hatten: Serbokroatisch. Heute schreiben sie auf Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch.

Also verändert Politik auch die Dichtung?

Ja, das ist Nationalismus, der natürlich seine Berechtigung hat. Aber es gibt eine Bewegung in diesen Ländern, die heißt „Unsere Sprache“, sie wollen das gemeinsame Band aufrechterhalten. Dichterinnen und Dichter von dort kommen jetzt nicht nur gemeinsam nach Berlin, sie werden auch mit dem Buch, das beim Versschmuggel entsteht, in ihre Länder fahren.

Sie kommen aus Thüringen, haben am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin gearbeitet und sind 1988 in den Westen gegangen, eröffneten aber nach dem Mauerfall 1991 im Ost-Bezirk Pankow die Literaturwerkstatt. Warum zog es Sie zurück?

Es war eine riesige Chance. Ich hatte damals für Zeitungen geschrieben, ein paar Radiobeiträge und auch Veranstaltungen gemacht, war aber eigentlich arbeitslos. Dietger Pforte von der Senatsverwaltung für Kultur schlug mir vor, in dieses Haus zu gehen, das bis dahin die Berliner Sektion des DDR-Schriftstellerverbandes beherbergte. Wahrscheinlich war mein Vorteil, dass ich den Osten gut kannte, aber inzwischen auch das West-Berliner Soziotop. Der Trägerverein Literaturbrücke e.V. wollte auch diesen Austausch und mir war es zusätzlich wichtig, internationale Kontakte zu knüpfen. Wir hatten ziemlich früh einen Abend mit irischen und nordirischen Dichtern, die auf unsere Ost-West-Gespräche stießen. Das war kurios, weil denen gleich die Lust auf eine Vereinigung verging.

Damals hieß es Werkstatt und war eine Villa. Jetzt heißt es Haus und ist doch nur ein kleiner Teil eines riesigen Gebäudekomplexes.

Die Villa war weit draußen, man musste mit U- und Straßenbahn fahren und noch ein ganzes Stück laufen. Das Programm, wie wir es heute spielen, diese ganze Vielfalt, wäre dort schwierig. Wir wollten damals unbedingt den Unterschied zu dem Klub, den man in der DDR nur durch Mitgliedschaft oder auf Einladung betrat, deutlich machen. Mit den großen Kolloquien zum Begriff der Arbeit oder zum Antifaschismus hatte die Villa wirklich Werkstattcharakter.

Seit 2004 sind Sie hier in der Kulturbrauerei. Warum ist 2016 aus der Literaturwerkstatt das Haus für Poesie geworden?

Vor dem Einzug standen zwei schwierige Jahre mit Zwischenlösungen. Für die Pankower Villa gab es einen Rückübertragungsanspruch der Jewish Claims Conference. Auch das ist Berliner Geschichte! Aber zum Namen: Lyrik gehörte von Anfang an ins Programm. Die erste Berliner Sommernacht der Lyrik hatten wir 1993 im Garten gefeiert, mit großem Zuspruch. Das ist der Quellcode für das Haus und für die heutige Weltklang-Nacht der Poesie. Die gab es im Jahr 2000 zum ersten Mal, als der Literaturexpress in Berlin einfuhr und – dem damaligen Sponsor Daimler sei Dank – die Straßen am Potsdamer Platz für Lyrik gesperrt wurden. Inzwischen wird immer freitags das Festival mit Weltklang in der Akademie der Künste eröffnet. Das alles sollte sich endlich im Namen zeigen, auch als Prozess.

Wie meinen Sie das, als Prozess?

Es heißt ja nicht Haus d e r Poesie. Das Wörtchen „für“ zeigt, dass es nichts Abgeschlossenes ist, hier soll Poesie leben, sich entwickeln, verändern. Abgesehen vom Lyrik-Kabinett in München ist es der einzige Ort, der sich dezidiert im Land der Dichter und Denker mit dieser Kunst auseinandersetzt. Allerdings hat sich dieser Platz inzwischen auch sehr verändert, viele Kultureinrichtungen wie die Verlage haben die Kulturbrauerei verlassen, die Mieten sind hoch; die aktuellen Verträge gehen noch bis 2025.

Andrea Vollmer
Thomas Wohlfahrt

Da hat Ihre Nachfolgerin also ein Problem vor sich?

Das wird leider so sein. Katharina Schultens, die im September auf meiner Stelle anfängt, muss sich dem eines Tages stellen. Aber sie ist nicht nur selbst Lyrikerin, sie hat als Geschäftsführerin eines Bereichs der Humboldt-Universität in Adlershof auch Verwaltungserfahrung.

Lassen Sie uns noch mal zum Festival kommen. Sie haben einzelne Schwerpunkte benannt. Können Sie sagen, was Ihnen im Ganzen am wichtigsten daran ist?

Vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, dass wir es nach Corona und nach viel Streit um Europa wieder ästhetischer angehen wollten. Dann kam der Krieg gegen die Ukraine und das Poesiefestival wird wieder politisch sein. Was richtig ist. Dichterinnen und Dichter sind nach überall hin wach, sie sind politische Menschen. Aber was mich an Poesie so begeistert, ist, dass sie die Dinge auch einmal anders sagen kann. Wenn die Worte den Alltags- und Politsprech verlassen, fangen sie an zu tanzen. Das ist Sprache als bildgebendes Verfahren. Da passieren Entdeckungen, Poesie kann sogar Trost geben.

Wird es möglich sein, ukrainische und russische Dichter gemeinsam auf eine Bühne zu bringen?

In diesem Jahr nicht. Wir richten uns an dieser Stelle danach, was die ukrainischen Kollegen wie Juri Andruchowytsch oder Serhij Zhadan sagen. Sie möchten diese Gemeinsamkeit im Moment nicht. Das hat Putin geschafft: So viel Ukraine war nie. So sehr wie jetzt wurde dieses Land und seine Kultur noch nicht wahrgenommen. Auf unserer Online-Plattform Lyrikline.org hatten wir im März an jedem Tag ein ukrainisches Gedicht hervorgehoben, 31 Gedichte des Tages also. In dem Moment, wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir Russen und Ukrainer wieder zusammenbringen, denn das sind auch Friedensgespräche.