Nicht unbeschreiblich weiblich, sondern: Nur von Frauen geschrieben

Die Sammlung „Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Storys“ versammelt Texte aus 25 Sprachen, verleitet zum Blättern, Versinken, Weiterlesen.

Sandra Kegel
Sandra KegelZDF

Mollie Mathewson ist „launisch, kapriziös, bezaubernd sprunghaft … eine liebevolle Ehefrau und hingebungsvolle Mutter“. Sie gilt als „die schönste Verkörperung dessen, was man ehrfürchtig eine ‚echte Frau‘ nennt“ – bis sie sich eines Tages in einen Mann verwandelt. Warum und wie wird nicht näher erläutert, aber nach diesem Vorgang fühlt sie sich wohl: „Alles passte auf einmal. Ihr Rücken gemütlich an der Rückenlehne des Sitzes, ihre Füße bequem auf dem Boden. Ihre Füße? … Seine Füße? Sie studierte sie sorgfältig. Nie zuvor, seit den ersten Schultagen, hatte sie solche Freiheit und Bequemlichkeit empfunden …“ Sie beziehungsweise er sitzt mit anderen Pendlern in einem Vorortzug. Eine Alltagssituation, für Mollie indes eine Offenbarung: selbstverdientes Geld in der Tasche, bequeme Schuhe, passende Sitzhöhe, ein Beruf.

Die Geschlechterwechsel-Geschichte erschien erstmals 1914. Nun ist sie, fast hundert Jahre später, im über 900 Seiten dicken Sammelband „Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Storys“ wiederzuentdecken. Verfasst wurde sie von der amerikanischen Feministin Charlotte Perkins Gilman, deren bewegter Lebenslauf im Anhang des Buches zu studieren ist. Zusammen mit den Biografien von 100 anderen Schriftstellerinnen.

Mehr Freiheiten denn je

Es sind nicht alles erklärte Feministinnen wie Perkins Gilman, aber fast alle erzählen vom Leben als Frau oder Mädchen. In ihren Geschichten gibt es Freiheitsdrang und Spießertum, Liebe, Arbeit, Ehe, Sex und Geburten. Oder lebensgefährliche Abtreibungen wie in einem Auszug aus Tove Ditlevsens autobiografischen Roman „Abhängigkeit“. Die meisten, aber nicht alle Texte der Sammlung sind Short Storys.

Erstmals veröffentlicht wurden die meisten zwischen dem ausgehenden 19. und dem mittleren 20. Jahrhundert. Die Herausgeberin Sandra Kegel, Literaturkritikerin bei der FAZ, beschreibt diese Zeit als eine des epochalen Wandels und der gesellschaftlichen Modernisierung: „Frauen hatten sich ihren Anspruch auf Gleichberechtigung erfolgreich erkämpft und genossen als selbstständige, gebildete und studierte Frauen mehr Freiheiten denn je.“ Dieser Satz klingt sehr optimistisch; die meisten Texte des Sammelbands erzählen davon, in einengenden Ehen, Rollen, Kleidern und Gesetzen zu stecken.

Literatur aus 25 Sprachen

Neben prominenten Autorinnen wie Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Agatha Christie, Colette, Tania Blixen, Simone de Beauvoir oder Djuna Barnes finden sich unbekanntere Namen. Der Sammelband enthält Erst- und Neuübersetzungen aus 25 Sprachen, vom Arabischen über Urdu bis zum Walisischen. Es wurden Texte aus „mehr als 50 Ländern aller Kontinente“ zusammengestellt, so die Herausgeberin. Sie spiegeln unterschiedliche Kulturen, zeigen aber auch, dass es innerhalb einer Gesellschaft ganz verschiedene Lebenswelten gibt. Der düstere Text der Niederländerin Neel Doff etwa erzählt nicht von bürgerlichem Emanzipationsstreben, sondern von extremer Armut und Prostitution. Adelaide Casely-Hayford beschreibt eine Familie in Sierra Leone, in der afrikanische Tradition und der englische Lebensstil der Kolonialmacht in Konflikt geraten.

Gwendolyn Brooks, die erste Afroamerikanerin, die mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde, zeigt Abgründe, die sich zwischen einer Schwarzen und einer Weißen in einem Kosmetiksalon auftun. Das N-Wort, das in diesem Text eine wichtige Rolle spielt, wird im Sammelband unkommentiert verwendet. Dabei hat sich der Umgang mit diesem Wort seit dem ersten Erscheinen des Texts im Jahr 1953 so sehr gewandelt, dass nicht wenige Verlage es jetzt abkürzen oder ersetzen. In Caroline Bond Days „Der rosa Hut“ hingegen wird der Abdruck rassistischer Begriffe in Fußnoten erklärt. Beides zeigt, wenn auch auf unterschiedliche Art, dass die Probleme, die in den Geschichten ausgebreitet werden, weiterhin für Diskussionen sorgen können.

Eine Tür zu Werk und Leben

Was das Thema Homosexualität und fließende Geschlechtergrenzen angeht, die um 1900 nicht nur Magnus Hirschfeld beschäftigten, so findet sich dazu ein hintergründiger Tomboy-Text der Amerikanerin Willa Cather. Ihre Frauenfiguren sind so unweiblich, dass Judith Butler ihnen in „Bodies that Matter“ ein ganzes Buchkapitel widmete. Aber es wurden in der Textauswahl auch Chancen vertan. Warum, um ein Beispiel zu nennen, von der Schweizerin Annemarie Schwarzenbach nichts ausgewählt wurde, was in Sachen weibliches Begehren interessanter ist als die abgedruckte heterosexuelle Partnerwechselgeschichte, ist rätselhaft. Und auch andere Entscheidungen sind schwer zu verstehen, etwa dass Anna Seghers, die über Klassenkampf, Exil und Nationalsozialismus schrieb, mit einem Text über Odysseus' Ehebett vertreten ist.

Trotz solcher Einwände ist das Buch sehr interessant: Jeder der 101 Texte entfaltet eine neue Perspektive, einen anderen Ton und Stil, öffnet eine Tür zum Werk und Leben einer Schriftstellerin. Manches ist bedrückend, ja fast so langweilig wie die öden, engen Frauenleben, um die es oft geht. Manches ist lustig, wie Dorothy Parkers „Der Walzer“, wo eine Frau lächelnd tanzt, während sie ihren Partner abscheulich findet und wir lesen, was sie denkt. Manches ist zornig wie „Die Gebärende“ von Simin Daneshwar, hier rechnet eine iranische Ärztin mit der romantischen Liebe ab: „Ich habe die Liebe an der Nabelschnur hängen gesehen. Ich habe die Liebe sogar wieder zusammengenäht. Ich habe die Liebe bluten sehen.“

Und manches ist eine echte Entdeckung, wie die heitere feministische Utopie „Sultanas Traum“ von Rokeya Sakhawat Hossain: Die bengalische Schriftstellerin und Sozialarbeiterin entwarf darin schon 1905 eine Gesellschaft, in der Männer die Hausarbeit verrichten, während Frauen alles andere mit Verstand, Sonnenenergie und Wasserstofftechnologie regeln. Hossain war eine der bedeutendsten islamischen Feministinnen ihrer Zeit und wird bis heute in Bangladesh mit einem Feiertag geehrt. Hätten Sie das gewusst? Auch deswegen lohnt sich dieses Buch: „Prosaische Passionen“ bietet Vertrautes und Unbekanntes, verlockt zum Blättern, Reinlesen, Durchlesen und Weiterlesen. Die Erzählungen machen neugierig auf das ganze Werk der einen oder anderen Autorin, auf die Texte ihres Umfelds, ihrer Region, ihrer Zeit, und, nicht zu vergessen, auf die feministischen, queeren, antirassistischen Debatten der Gegenwart.

Infobox image
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen

Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Storys. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Sandra Kegel. Manesse, München 2022, 920 Seiten, 40 Euro.