Berlin - Wir rasen durch schwarz-weißes Dickicht. Und folgen rasch den drei Gestalten, die im wild gewachsenen Unterholz einem fantasierten Tier, dem „Silberhund“ nachjagen. Die Körper bewegen sich schneller. Ihre Erscheinung ist selbst fantastisch, beinahe tierisch, lechzend, sie springen durch die Bilderreihen, die Betrachterin eilt mit – da klingelt ein Handy. Ray nimmt ab, die Konturen ihres Körpers formen sich um, werden klarer, dann steht sie da, aufrecht, eine Hand in die Hüfte gestützt, zwischen den Bäumen, ist ein Mensch geworden, beziehungsweise Protagonistin des illustrierten Romans „Steinfrucht“. Telefoniert. In der Sprechblase über ihrem Kopf steht: „Ist gut. Ich fahre. Ja, vorsichtig. Bis später dann. Bye.“

Autorin Lee Lai zeichnet die „Unordnung“ von Beziehungen

Es ist die Szene auf den ersten Seiten des Debütwerks der Comiczeichnerin Lee Lai. In den fünf Kapiteln lernen wir Ray und Bron kennen, Partnerinnen, die sich regelmäßig um Rays Nichte Nessie kümmern. Sie, die kleine Tochter von Rays Schwester Amanda, hat die Eigenschaft, im Spielen so völlig aufzugehen, dass sie ihr Umfeld – sofern es sich darauf einlässt – in ihre Fantasiewelt einbindet. Sie tut das immer wieder, wie zu Beginn, auf der Jagd nach dem Silberhund.

Avant/Lee Lai
Menschwerdung eines fantastischen Wesens: Ray telefoniert.

Die 28-jährige Australierin Lai arbeitete seit 2017 an ihrem gerade erschienenen Buch, das man getrost als ebenso komplexe wie intime Untersuchung der Zusammenhänge von Romantik, Familie, Depression und Transidentität bezeichnen könnte. Ihre Comics mit dem markanten, klaren schwarz-weißen Strich sind bereits in US-amerikanischen Magazinen wie dem New Yorker erschienen. Auf ihrem Instagram-Account teilt sie regelmäßig Schnipsel ihrer Kunst. Die Erzählungen nähren sich oft aus ihrem eigenen Aufwachsen, Leben und Begehren als queerer Künstlerin, zwischen Melbourne und Montreal, und blicken auf all die Feinheiten romantischer, sexueller und platonischer Beziehungen.

Ihre Geschichten sind schon deshalb politisch, weil sie die dominante popkulturelle Perspektive auf Beziehungen herausfordern. Mit großem analytischen Feingefühl betrachtet sie (queere) zwischenmenschliche Verbindungen in einer Gesellschaft, deren Blick auf romantische Verhältnisse noch immer ein vornehmlich heterosexueller ist; und deren Geschichten von der Liebe zumeist da enden, wo Beziehungen eigentlich erst beginnen.

In einem Interview erzählte Lai dem Vice Magazin von ihrem Bedürfnis, Beziehungen in ihrer „Unordnung“ zu betrachten; also jene Momente und Situationen, in denen es auch mal unangenehm wird, ohne Scham zu besprechen. Sie kenne keine Beziehung, sagte sie, in der nicht „all die guten Dinge“ auch mal umschwenken könnten in Unsicherheit, Wut, Eifersucht, Konkurrenz, Gehässigkeit, Frust oder Angst.

In „Steinfrucht“ löst sie dieses Vorhaben sehr sorgfältig. Wir begleiten nicht nur die spaßigen Ausflüge von Ray, Bron und Nessie, sondern erleben auch, was mit den Partnerinnen passiert, wenn das Kind wieder bei der Mutter abgegeben ist. Sie, Amanda, ist kontrollsüchtig und verweigert sich, die Partnerin ihrer Schwester zu akzeptieren. Ray und Bron rutschen, ausgelöst durch den Abschied, nach den Ausflügen in emotionale Abwärtsspiralen. Sie beide haben diese Seiten, sind außen weich, und dennoch manchmal innen hart – wie eine Frucht mit Steinkern.

Avant/Lee Lai
Eine Beziehung in ihrer „Unordnung“ zu betrachten: Bron (l.) und Ray raufen sich zusammen.

Lai belebt ihre Figuren mit Details. Oft sind es nur minimale Veränderungen im Blick oder der Körperhaltung der Protagonistinnen, und man denkt: Was für eine Beobachtungsgabe! Dass das wirkt, liegt wohl auch an der Methode. Lai zeichnet mit Bleistift vor, zieht mit Pinsel und Tusche nach, und setzt im Hintergrund auf die Technik der Gouache, eine wasserlösliche Farbe, mit der Lai ihre Szenerien in bläulichem Pastell tönt. Mit diesem Mittel erinnern ihre Bildfenster an alte 2D-Animationen – eine starre Kulisse, ein bewegter Vordergrund.

Wenn Einsamkeit verbindet

Für einen besonderen Effekt sorgt Lais Entscheidung, die Körper der Figuren in manchen Szenen aufzulösen, ihnen Grimassen zuzulegen, ihre Konturen zu verwischen, etwa in den Spielen mit dem Kind, oder auch dann, wenn Ray und Bron Sex haben. Eine Methode als bildhafter Ausdruck einer kindlichen Perspektive, aber auch von Momenten, in denen Rationalität verschwindet und Emotionen überkochen, oder eben die Andeutung, dass Körper wandelbare Einheiten sind, deren Grenzen sich in jedem Kontext verschieben oder umdefinieren.

Über Rückblenden erfahren wir mehr über die Krisen zwischen Bron und Ray. Denn ihr romantisches Verhältnis endet noch im zweiten Kapitel. Ein Grund sind die inneren Kämpfe, die Bron führt, die aus dem Bruch mit ihrer streng gläubigen Familie und der Isolation des Paares folgen. „Anfangs verband Bron und mich das Gefühl, einsam zu sein“, erinnert sich Ray kurz nach der Trennung.

Avant/Lee Lai
Ray ist allein: Kummer so intensiv nachgezeichnet, dass es mitunter wehtut.

Aber das Scheitern der romantischen Beziehung ist eben nicht das Ende ihres Verhältnisses. Auch wenn Lai die Verkrampfung der (Ex-)Partnerinnen, ihre Verzweiflung und ihren Kummer so intensiv nachzeichnet, dass es mitunter wehtut, so stehen dann erst recht die Fragen nach dem Aushalten, der Akzeptanz und einer Perspektive über den akuten Schmerz hinaus im Fokus.

„Steinfrucht“ erzählt somit auch Wahrheiten darüber, dass Brüche, Verlustängste und Trennungen ein ebenso großer Bestandteil von Beziehungen sind wie Nähe, Spaß und Sex. Dass sie auch Arbeit sind – und dass die gerade in queeren Kontexten bedeuten kann, auf gesellschaftliche Ausschlüsse zu reagieren, sichere Orte schaffen zu müssen. Wie nah Glück und Unglück beieinander liegen.

Lai erzählt so nicht nur eine Geschichte, sondern zeichnet auch ein berührendes Porträt, das so unauflösliche wie alltägliche menschliche Konflikte in einer ebenso deutlichen wie raffinierten Bildsprache arrangiert.

Lee Lai: Steinfrucht. Avant-Verlag, Berlin 2021. 231 Seiten, 28 Euro.