Im Jahr 1959 ist Annie Dunne so alt wie das Jahrhundert. Verbittert, ohne Mann und Kinder, mit einem Buckel gestraft, wohnt sie draußen auf dem irischen Land in einem abgelegenen Bauernhaus bei ihrer Kusine Sarah, mit Kuh, einem alten Pferd und ein paar Hühnern. Glücklich wird sie nicht mehr werden, auch nicht, als ein Großneffe und eine Großnichte, „Bezeichnungen, die nach den Kindern eines russischen Zaren klingen“, vier und sechs Jahre alt, in Sebastian Barrys zwanzig Jahre altem Roman „Annie Dunne“ den Sommer auf ihrem Hof verbringen.

Barry (65) ist der poetische Realist der irischen Literatur. In seinen zahlreichen Bühnenstücken und bislang zehn Romanen – zuletzt „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“, Geschichten um zwei schwule Herumtreiber im amerikanischen Bürgerkrieg – schafft er ein reichhaltiges Amalgam aus Natur und Kultur mit einem Flirren der Sprache zwischen Beschreibung, Pathos und Metaphernüberschuss. Dabei kommt er immer wieder auf zwei Familien, die Dunnes und die McNultys, zurück und seziert mit deren Blick die Geschichte Irlands an ihren schmerzhaften Punkten. Annie etwa kann der irischen Unabhängigkeit nichts abgewinnen, lebte sie doch als Kind glücklich in den Mauern des Dubliner Schlosses, solange ihr Vater als Chief Superintendent der Dubliner Polizei in Diensten der britischen Besatzung stand, bis er schließlich verrückt wurde – ein „einfacher Polizist in aufrührerischer Zeit“, wie sie gerne sagt.

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