Risiko Genickbruch: Wie Sisi auf der Jagd einen Hauch von Freiheit fand

Karen Duve hat ein Buch über Elisabeth, Kaiserin von Österreich-Ungarn geschrieben, die eine famose Jagdreiterin war. Und auch eine kühle Intrigantin.

Kaiserin Elisabeth zu Pferd um 1865. Sie verbirgt ihr Gesicht mit einem Fächer vor den Fotografen.
Kaiserin Elisabeth zu Pferd um 1865. Sie verbirgt ihr Gesicht mit einem Fächer vor den Fotografen.picture alliance/brandstaetter images

Oh, schon wieder diese Kaiserin. Ist nicht längst alles erzählt über Elisabeth von Österreich-Ungarn, die Schöne, die Exzentrische? Ist nicht jede Turnübung der rabiaten Körper-Perfektioniererin bekannt, jeder Diamantstern im Haar bewundert, das Rezept der Spezial-Kraftbrühe ausprobiert?

Einen Kinofilm gab es im Sommer zu beschauen, eine Netflix-Serie obendrein. Sisi allerorten, reichlich. Und nun das: ein „Sisi“-Roman von Karen Duve, der Autorin mit dem strengen Blick auf das Wesentliche und dem klug-köstlichen Humor. Muss man den lesen, auch wenn man meint, vieles über diese Kaiserin zu wissen?

Man sollte, es lohnt sich dann doch. Ein Pferdebuch habe sie eigentlich schreiben wollen, lässt Duve, selbst sattelfest und inzwischen unweit von Berlin in der Märkischen Schweiz zu Hause, verlauten. Und dass es jetzt eben eines über Elisabeth geworden sei, die, neben vielem anderen, eine der besten Jagdreiterinnen ihrer Zeit war. Nun gut, mit Frauen in dynamischer Vorwärtsbewegung kennt sich Karen Duve aus.

Zuletzt, vier Jahre ist es her, ließ sie ihre Leserinnen und Leser auf den Spuren der jungen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff in der Kutsche durch biedermeierliche Gefilde des frühen 19. Jahrhunderts rumpeln und diverse Grenzen, die das Frauenleben begrenzten (und begrenzen), zumindest touchieren. Schlau, schlagfertig, die Säume der Kleider nach Expeditionen stets verschmutzt, skandalös aus Sicht der Etablierten und der Männer ohnehin. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ — das ist ein gut 600 Seiten langes Lesevergnügen gewesen, amüsant und aufwühlend. Und mit einem satten Literaturverzeichnis versehen.

„Sisi“ – was für ein anbiedernder Titel

„Sisi“ also, der Titel ist unangenehm anbiedernd gewählt, im Buch selbst wird die Protagonistin – je nach Erzählperspektive – meist „die Kaiserin“ genannt, seltener Elisabeth, das schafft Abstand, gut so. Duves Kaiserin ist 38 Jahre alt, die erstgeborene Tochter starb früh, die zweite Tochter Gisela hat Elisabeth unpassenderweise allzu früh zur Großmutter gemacht, den Kronprinzen, ihren Sohn, bald volljährig, kann die Monarchin nicht leiden, der reitet so schlecht und überhaupt.

Mit eiserner Disziplin hielt sie sich in Form: Kaiserin Elisabeth.
Mit eiserner Disziplin hielt sie sich in Form: Kaiserin Elisabeth.Imago United Archives International

Der Kaiser regiert fleißig in Wien, versucht, Kriege zu verhindern, geht fremd da und dort. Allerdings: „Selbst seine Geliebten sind zahmer und langweiliger als sein angetrautes Weib.“ Elisabeth hält sich Franz Joseph im Wortsinn vom Leib. Und das Volk? Geht ihr auch auf die Nerven. „Begeisterte Menschenmengen sind das Grässlichste, was sie sich vorstellen kann.“ Schlechte Zeiten. Drei Leidenschaften hat sie: „Pferde, ihre jüngste Tochter Valerie und die enorm langen Haare“, so lesen wir.

Und die Parforcejagd, zu der nicht nur Pferde gehören, sondern auch Füchse, Hunde und fesche Begleiter. Schon als Kind hat sie in der bayerischen Heimat das Reiten gelernt. Und ist dabei waghalsiger als viele andere gewesen. „Ach, Sisi, du bist ganz wie ich“, hat der Vater einmal gesagt. „Wenn wir keine Herzöge wären, wären wir Zirkusreiter geworden.“ Und in der Tat zieht es die erwachsene Elisabeth immer wieder in die Manege, mit Pferd.

Im März 1876 befindet sich die Kaiserin in England, die Jagdsaison beginnt, Duve lädt zum Mitreisen und Mitreiten. Elisabeth reist inkognito, ist aber eher auffällig mit Gefolge angekommen, der Gestütmeister ist dabei, die Friseurin Fanny Feifalik, die Hofdame Marie Festetics und sieben Kavaliere aus der Heimat, die gut reiten können und gut aussehen, man gönnt sich etwas Unterhaltung.

Diese Taille! Sisi ließ sich in ihr Reitkostüm einnähen

Kaiserin Elisabeth im Damensattel während einer Parforcejagd, um 1890.
Kaiserin Elisabeth im Damensattel während einer Parforcejagd, um 1890.picture alliance / © Fine Art Images/Her

Die erste von zahlreichen Jagden absolviert die Kaiserin im blauen Reitkostüm mit Zobelkragen, zwei Stunden hat das Einnähen gedauert, die Wespentaille soll ja gut zu sehen sein. Gezähmte Natur überall. Und ein Hauch von Unabhängigkeit. „Als Kaiserin bin ich in eine Ebene aufgestiegen, in der mir das normale Menschsein nicht mehr möglich ist. Jedenfalls in Österreich. Darum ist mir die Zeit in England auch so kostbar.“ Kopf- und Rückenschmerzen sind fort, konstatiert die Hofdame Festetics. „Kein Hang zur Schwermut mehr, kein stundenlanges lautloses Weinen, keine Wutanfälle, keine Ohrfeigen für die Friseurin Feifalik. Auch die Menschenscheu hat nachgelassen.“

Als Pilot der Kaiserin – ja, so nennt man das – fungiert während der diversen Jagden erstmals Bay Middleton, der rothaarige Captain. Anfängliches Misstrauen wandelt sich in Respekt und in mehr, aber zu viel soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Man hat ohnehin zu tun als Leser, muss schließlich mithalten in der Welt der Hetzjagden, die überaus flott und gefährlich sind, die Reiterinnen und Reiter brechen sich schnell irgendetwas, im schlimmsten Fall das Genick. „Das House of Lords ist voller Jagdunfälle. In den vornehmen Sanatorien vegetieren die Jagdreiter mit den irreparablen Hirnschäden vor sich hin.“ Das ist er, der sarkastische Ton, für den man Duves Werke liebt. Die Beschreibung einer gelungenen Jagd: „Es geht über ein Patchwork mit vielen Ulmen, zwei lange Runs sind dabei, drei tote Füchse, und Graf Wolkenstein stürzt mit seinem Schimmel in einen sumpfigen Bach – was will man mehr?“ Und immer wieder Meets und Kills und lange Runs dazwischen, da ist Lese-Kondition gefragt.

Karen Duve hat auch für diesen Roman umfangreich recherchiert, ist eingetaucht in das Leben der Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837–1898), das bestens dokumentiert und erforscht ist. Aus dem Tagebuch der Hofdame Marie Gräfin Festetics de Tolna, das diese zwischen 1871 und 1898 akribisch führte, aus weiteren Büchern, Zeitungsartikeln, Briefen, Lebenserinnerungen, so erläutert die Autorin in einer Anmerkung, habe sie „sehr viele Zitate“ ausgewählt und in das Buch eingearbeitet. „Von devoter Dankbarkeit bis zu hämischer Aversion“ reiche der Ton der Aufzeichnungen, kaltgelassen habe die Kaiserin offenbar niemanden. Sie selbst, Karen Duve, wolle keine weitere Meinung hinzufügen, vielmehr den „Chor der bereits vorhandenen Stimmen in seiner ganzen Bandbreite zu Wort kommen lassen“.

Was natürlich kokettes Understatement ist. Wer viele Stimmen kompiliert, schafft daraus ein neues Universum. Ein vielstimmiges eben. Und eine neue, andere Wahrheit oder Unwahrheit. Oder eben einen Roman, in dem sich Zitate und Erzählstimme abwechseln.

„Sisi“ ist ein Buch über das Jagen – nach Füchsen und Hirschen, aber auch Bewunderung und Einfluss, nach ewiger Jugend, nachts legt sich Elisabeth gepresstes Rindfleisch auf das Gesicht. Und über die Jagd nach Autonomie vor allem.

Jede Abwechslung ist Duves Kaiserin willkommen, sie ist eine Reisende, kaum hier, schon fort. Im Sommer geht es, das Eisenbahnwesen beschleunigt das Ortswechseln ganz ungemein, nach Ischl („Reiten, Berge besteigen, Milch trinken und im Schwimmbecken pritschen – immer das Gleiche“), nach Feldafing am Starnberger See, die Verwandtschaft wohnt in der Nähe, auch nach Wien ab und an. Und auf das geliebte ungarische Schloss Gödöllö, wo wieder gejagt und poussiert wird und intrigiert natürlich auch. Die Herren werden umworben und wieder verstoßen, die Hofdamen haben auf privates Glück zu verzichten, die Nichte Marie Louise wird eingeladen, zur Vertrauten gemacht und dann gemein abserviert.

Kaiserin Elisabeth und das starre System der Habsburger

In Elisabeths Nähe ist man am besten ein Pferd oder ein Hund. Die kleinen Fluchten der Herrscherin aus den Fängen des erstarrten Hof-Systems der Habsburger, sie sind nur sehr bedingt vergnüglich, hat Elisabeth doch selbst um sich herum ein System etabliert, in dem aus Liebenswürdigkeit schnell Grausamkeit werden kann. Bewundern muss jeder Mitreisende die Kaiserin, das ist Pflicht, allzu darf man ihr dabei aber nicht kommen. Alles eine Frage des richtigen Abstands.

„Sisi“, dieser raffiniert komponierte Mosaik-Roman, der die jagende Kaiserin und ihr Gefolge durchaus distanziert aus einem sehr besonderen Blickwinkel zeigt, endet im kalten Winter. Elisabeth, die die Pferde liebt und die Hunde und die Freiheit, schreibt auf Gödöllö Briefe, um bald wieder aufbrechen und ausbrechen zu können. Nach England soll es erneut gehen. Aufgeben wäre keine Option für die Rastlose.

Karen Duve: Sisi. Roman. Galiani Berlin, 2022. 416 Seiten. 22 Euro.