Dahls Bücher umgeschrieben: Rushdie kritisiert „kriecherische Befindlichkeitspolizei“

Die Ankündigung des Verlags von Roald Dahl, etliche seiner weltberühmten Kinderbücher zu „modernisieren“, sorgt für Ärger.

Noch nicht „geairbrusht“: Bücher von Roald Dahl in der Auslage von Barney’s in New York
Noch nicht „geairbrusht“: Bücher von Roald Dahl in der Auslage von Barney’s in New YorkFRE170478 AP

Roald Dahls Bücher sind Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Generationen sind mit Geschichten wie „James und der Riesenpfirsich“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“,, „Hexen hexen“ oder „Matilda“ groß geworden – zahlreiche Kinoverfilmungen und Musical-Adaptionen trugen zusätzlich zu ihrer Popularität nicht nur im angelsächsischen Raum bei: Die Gesamtauflage von Dahls fantastischen, witzigen und immer auf der Seite der Kinder stehenden Büchern, die in 63 Sprachen übersetzt worden sind, beträgt heute um die 250 Millionen.

Allerdings sollen etliche davon, zumindest in ihrer englischsprachigen Version, nun in geänderter Form auf den Markt kommen – Puffin, der Verlag des 1990 verstorbenen britischen Autors, hat in den Werken „offensive Sprache“ ausgemacht und sie entsprechend „modernisieren“ lassen, damit sie auch heute noch „von allen geschätzt werden können“. Dies berichtete zunächst der Daily Telegraph.

Aus „fett“ wird „enorm“

Allein in „Hexen hexen“ fanden die Journalisten 59 geänderte Passagen und Hunderte mehr in anderen Klassikern. So wird etwa  der „fette“ Augustus Glupsch in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ nun als „enorm“ beschrieben, die „kleinen Männer“, die Oompa Loompas, werden künftig als „kleine Leute“ bezeichnet. Auch das Wort „weiblich“ muss in den Werken von Dahl offenbar generell weichen. Zudem sind einige Passagen, die nicht von Dahl stammen, hinzugefügt worden.

Erwartungsgemäß brach in den sozialen Netzwerken ein Sturm der Entrüstung los. Auch der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie meldete sich mit einem Tweet zu Wort: Roald Dahl sei zwar „kein Engel“ gewesen, doch Puffin, Kinderbuch-Imprint des altehrwürdigen Verlagshauses Penguin Books, betreibe „absurde Zensur“ und solle sich schämen, so der in den USA lebende Autor. Dahls Werk müsse gegen eine „kriecherische Befindlichkeitspolizei“ verteidigt werden. Suzanne Nossel, Vorsitzende des Schriftstellerverbandes PEN America, bezeichnete die Entscheidung des Verlages als „alarmierend“ und kritisierte „die Deformation literarischer Werke, um sie an bestimmte Empfindungen anzupassen“.

Die Änderungen beträfen Themen wie Gewicht, psychische Gesundheit, Gewalt, Gender und Hautfarbe, zitierte die britische Nachrichtenagentur PA einen Sprecher der Roald Dahl Story Company. Es sei nicht ungewöhnlich, die Sprache und andere Details bei Büchern anzupassen, die vor langer Zeit geschrieben wurden. Der Verlag habe sich dabei von Inclusive Minds beraten lassen, einer Organisation für Inklusion, Diversität und Barrierefreiheit in Kinderbüchern.

Der Premierminister meldet sich zu Wort

Inzwischen schaltete sich sogar der britische Premierminister Rishi Sunak in die Diskussion ein. Seine Sprecherin ließ verlauten, es sei wichtig, dass literarische Werke bewahrt und „kein Airbrushing erfahren“ würden. 

Penguin Deutschland hat die populärsten Titel von Roald Dahl übrigens erst im vergangenen Jahr neu übersetzen lassen – basierend auf den nicht angepassten Versionen.  Julia Decker, Sprecherin von  Penguin JUNIOR, betonte auf Nachfrage: „Wie alle unsere Bücher laufen auch die Dahls durch ein gründliches Lektorat, das gemeinsam mit den Übersetzenden möglichst nah am Original arbeitet, ohne Ton und Zielgruppe aus den Augen zu verlieren.“