Berlin - Eine Frau aus der Stadt begibt sich aufs Land in ihr unbekannte Verhältnisse. Judith Hermanns neuer Roman „Daheim“ begegnet seinen Leserinnen und Lesern wie eine Geschichte aus unserer unmittelbaren Gegenwart, weil sich darin alle Bedingungen des Zusammenlebens geändert haben. Dabei ist er vor Corona entstanden. Er zeigt, dass auch die Liebe den Menschen in seinen Koordinaten hält, ihn herausreißen kann, und dass es möglich ist, sich neu zu verankern. Was einfach scheint, hat mehrere Ebenen, je näher einem die Geschichte kommt, desto weiter wird sie auch. Über den Roman, der lange nachklingt, und über das Leben sprachen wir mit Judith Hermann.

Frau Hermann, Sie sind Berlinerin, wohnen zur Zeit aber kaum hier. Warum haben Sie einen Treffpunkt an der Spree vorgeschlagen?

Die Spree ist für mich die Mitte der Stadt, sie fließt durch ihre beiden alten Hälften. Ich finde es sehr schön, hier entlangzulaufen. Mittlerweile pendele ich in großen Abständen zwischen Berlin und Friesland hin und her. Als mein Sohn noch zur Schule ging, konnte ich nur in den Ferien in Friesland sein, seit zwei Jahren bleibe ich länger. Aber durch die Pandemie wurden es jetzt ganze sieben Monate hintereinander weg auf dem Land, das war schon eine ziemlich lange Zeit.

Kann man sich Ihr Leben in Friesland so einsam vorstellen wie die Situation in Ihrem neuen Roman „Daheim“, der weit weg von der Stadt führt?

Der Roman übertreibt die friesische Einsamkeit, und der Ich-Erzählerin ist diese Ecke der Welt auch völlig fremd. Mir geht das anders, ein Teil meiner Familie stammt von dort, ich habe als Kind viel Zeit bei meiner Großmutter verbracht. Mein Bezug zu der Landschaft und den Menschen ist stark.

Die Erzählerin beschäftigt sich mit der Gegend. Ganz deutlich wird es an der variierten Feststellung, dass es nie regnet. Haben Sie das bewusst als Zeichen für unsere Zeit gesetzt?

Ja, das habe ich jedenfalls versucht. Ich wollte in den Text mit einschreiben, dass der schwierige Stand der Dinge natürlich nicht an mir vorübergeht. Je älter ich werde, desto mehr bringt Schreiben die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer möglichen Geschichte mit sich, muss ich das Schreiben einer Geschichte vor mir selber rechtfertigen können. Als ich jung war, habe ich darüber in keiner Weise nachgedacht.

Also auch: Ist es die richtige für die Gegenwart?

Ich bin keine politische Schriftstellerin, ich kann kein Buch über Klimakatastrophen schreiben, über Maßlosigkeit, über die Ausbeutung, die der Mensch dem Planeten zumutet. Die Klimakatastrophe ist kein poetisches Material. Aber wenn ich eine Geschichte erzähle, tue ich es vor den Gegebenheiten, mit denen wir leben. Und dazu gehören Dürre, Überflutung, Wasserknappheit, Not. Ich wollte, dass die Figuren darüber sprechen.

Es ist ja noch mehr: Massentierhaltung von Schweinen kommt vor, das plötzliche Fehlen von Krabben auf dem Großmarkt. Dagegen wirkt die Natur in dem Buch, das die Erzählerin dann im Norden liest, sehr reich. Wie kamen denn Iwan Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“ in Ihren Roman? Um ein Gegenbild zu zeigen?

Die Bücher, die die Erzählerin liest, haben mich beim Schreiben begleitet. Ich wollte sie dem Text mitgeben, vielleicht wie Talismane. Turgenjews Buch ist wie ein Paten-Buch. Als Lesende mag ich es sehr, wenn Autoren von Autoren sprechen, wenn sie auf andere Bücher verweisen. Sie teilen ein Geheimnis! Sarah Kirsch macht das zum Beispiel in den Tagebüchern, man kann so schöne Bücher entdecken. Und im Buch „Daheim“ gehört das Lesen schlicht zur Figur dazu.

Zur Person und zum Buch 

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband  „Sommerhaus, später“, erschien 1998 und wurde außerordentlich stark beachtet. Fünf Jahre später folgte „Nichts als Gespenster“, von dem einzelne Geschichten fürs Kino verfilmt wurden. Es folgten die Erzählbände „Alice“ und „Lettipark“, dazwischen 2014 Judith Hermanns erster Roman „Aller Liebe Anfang“. Die Autorin wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis.

Daheim. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 190 Seiten, 21 Euro.

Die Erzählerin ist allein, sie denkt viel an ihre Tochter. Steht die für ihr Heimatgefühl?

Manchmal werde ich das gefragt: Was ist zu Hause für Sie? Die Ich-Erzählerin sagt, ihre Tochter und ihr Mann seien die Sonnen, um die sie kreist. Obwohl sie nicht unbedingt Anschluss sucht, hat sie doch Begegnungen. Und diese Begegnungen ändern nichts an ihrem Zentrum, aber sie bedeuten ihr trotzdem viel.

Kamen Sie deshalb auf den Titel „Daheim“? Über Ihre Erzählungen sagten Sie einmal, Sie wüssten den immer zuerst.

Während des Schreibens hieß das Buch im Arbeitstitel „Falle“.

Oh, das gefällt mir besser.

Wir haben sehr miteinander verhandelt, der Verlag und ich. „Falle“ war ihnen zu düster, und wenn ich das jetzt unter dem Corona-Gesichtspunkt betrachte, kann ich es verstehen. Der Titel „Daheim“ war mein zweiter Vorschlag – ein Friedensangebot, mit dem beide Seiten glücklich waren.

„Daheim“ ist eine süddeutsche Wendung.

Und sie kommt im Buch nicht ein einziges Mal vor. „Daheim“ ist ein utopischer Ort, wie in einem Märchen. Ein Sehnsuchtsort, ein Zustand, den man nicht erreichen kann.

Aufgefallen ist mir auch das Wort „Einraumwohnung“, das sagte man doch eigentlich bei uns im Osten.

Stimmt, und ich komme aus dem Westen. Aber ich wohne in einer Dreiraumwohnung in Weißensee, und ich tippe das Wort Raum ganz bewusst in die Tastatur. Es ist ein gutes Wort. Ich mag es.

Gab es im Westen Moskauer Eis, was sich die Erzählerin kauft?

Nein. Aber es klingt doch sehr schön, oder? Auch das Moskauer Eis ist eine Reminiszenz an Ost-Berlin. Und eine an Annett Gröschner.

Ja, bei ihr kreist ein ganzes Buch um dieses Eis. Da wir schon bei Zuschreibungen sind: Ihr Roman „Daheim“ ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Gegen die Shortlist gibt es nun allerdings Stimmen, die beklagen, sie sei „zu weiß“: Schwarze Autorinnen und Autoren würden im deutschen Literaturbetrieb übersehen.

Was soll ich dazu sagen? Das Buch noch nicht einmal erschienen. Es wird erst ab Mittwoch verkauft. Die Idee der Jury, es auf diese Liste zu nehmen, dieser freundliche Anfang und die kurze Begründung – das hat mich auf eine schöne Weise erschlagen. Ich würde mich mit dieser Freude gerne noch kurz ausruhen, bevor ich mich mit der Kritik daran beschäftige.

Es heißt nun auch, es seien alles bereits durchgesetzte Autoren nominiert. Auf Sie trifft zu, dass Sie seit „Sommerhaus, später“ 1998 viel Aufmerksamkeit erfahren haben. Allerdings ist das jetzt erst Ihr zweiter Roman, der erste, „Aller Liebe Anfang“, 2014 erschienen, wurde hart verrissen. In der FAZ wollte ein Kritiker beweisen, dass Sie überhaupt nicht schreiben könnten, ein anderer im Spiegel wollte Ihnen die Wirklichkeit erklären.

Gerade nach dem gereizten Umgang mit „Aller Liebe Anfang“ hat diese Nominierung jetzt etwas – sagen wir, Tröstliches. Damals hat mich die Kritik schwer getroffen, sie war ausgesprochen persönlich und von einer Aggression getragen, die ich mir nur schwer erklären konnte. Aber am Ende habe ich mich vogelfrei gefühlt: Wenn ich nicht schreiben kann und nichts zu erzählen habe, aber es dennoch einen Verlag gibt, der meine Bücher druckt, dann kann ich also final vielleicht einfach machen, was ich will.

Einerseits finde ich schön, wenn das Gespräch über Literatur die Öffentlichkeit erreicht, andererseits sind es schnell wechselnde Themen, zuvor etwa die Übersetzung Amanda Gormans. Wie kommt das bei Ihnen als Autorin an?

Der Chor der Meinungen hat sich durch die sozialen Medien unfassbar potenziert und ich bin oft heilfroh, dass ich von Friesland aus manches nur gefiltert wahrnehmen muss. Es gibt dort kein stabiles Internet, ich bin nicht bei Twitter oder bei Insta, und es erschöpft mich auch, mich der ständigen Flut von Kommentaren und Bildern auszusetzen. Ich blende es nicht ganz aus. Ich versuche einfach, Abstand zu halten.

„Daheim“ sollte eigentlich im vergangenen Jahr herauskommen. Was macht das jetzt für einen Unterschied?

Eigentlich folgt auf das Erscheinen eines Buches eine Lesereise, und die Lesereise ist der Weg aus dem Buch raus. Sie ist die Zäsur, bevor ich anfange darüber nachzudenken, wie ich weiterschreiben will. Jetzt wurde das Erscheinen wegen der Pandemie verlegt, die Lesereise fällt mehr oder weniger aus, und die Pandemie drängt sich in das Schreiben: Muss sie im nächsten Buch vorkommen? Oder muss sie nicht.

Eigentlich schon, oder? Man kann ihr nicht entgehen.

Ja, das stimmt. Aber wenn ich das einsehe, dann muss ich doch eine Art Metapher dafür finden. Die Wirklichkeit ist noch nie so nah an das Schreiben herangerückt wie jetzt. Eigentlich taucht das Erlebte ab und kommt nach einem umständlichen und schwierigen Reflexionsprozess in einem Bild oder in einer Geschichte wieder zum Vorschein. Aber jetzt beeinträchtigt die Pandemie all diese Dinge, die mich im Schreiben interessieren – Begegnungen, Kommunikation, Nähe, Zärtlichkeit. Manchmal denke ich, dass sie eine Wirklichkeit gewordene Metapher ist. Sie hält die Menschen auf Distanz.

Also hatten Sie jetzt eine lange Grübelphase?

Nein, glücklicherweise habe ich eine Aufgabe bekommen. Ich bin für das Wintersemester 2021/22 zu den Frankfurter Poetikvorlesungen eingeladen. Und daran schreibe ich.

Wenn man als Ihre Leserin etwa gleich alt ist, hat man den Eindruck, die Bücher entwickeln sich mit dem eigenen Leben mit. Ihre Figuren waren erst ungebunden, wurden immer erwachsener, nun hat die Erzählerin den Mann und die Stadt verlassen, nachdem die gemeinsame Tochter ausgezogen ist. Das erinnert mich an das frühe Etikett, Sie seien die Stimme Ihrer Generation. War das richtig?

Der Generationsbegriff ist mir noch immer zu groß, das war er schon vor fünfundzwanzig Jahren. Aber die Situation der Erzählerin entspricht schon meiner autobiografischen: Ich bin jetzt 50 Jahre alt, mein Sohn geht seiner Wege, ich habe schlicht mehr Zeit für mich. Die grundsätzliche Hinwendung an das Kind hört nicht auf, hört nie auf, oder? Aber die Zeit, die wir miteinander verbringen, die ändert sich sehr.

Sie haben den Anfang des Romans von der jungen Frau aus der Zigarettenfabrik in eine Erzählung destilliert für eine Anthologie in einfacher Sprache, die im Frühjahr 2020 erschienen ist: „Lies. Das Buch“. Das ist immer noch eine gute Geschichte, aber sie kommt mir gerupft vor. Wie haben Sie das umgearbeitet?

Das ist eine interessante und heikle Aufgabe gewesen. Es war erstaunlich, wie wichtig Details sind, wie sehr sich Stimmung dadurch verändert. Ist es möglich, mittels einfacher Sprache eine komplizierte Geschichte zu erzählen, doppelte Böden einzuziehen? Entstehen die doppelten Böden durch die Sprache – oder durch das, was erzählt wird. Darf man überhaupt jemandem, der nur in einfacher Sprache lesen kann, eine komplexe Geschichte voller Andeutungen zumuten? Ich war froh, wieder zu den eigenen Bildern zurückkehren zu dürfen, zu den Einschüben, dem Wechsel zwischen kurzen und langen Sätzen und Sätzen, die nur aus einem Wort bestehen.

Warum haben Sie Ihrer Erzählerin keinen Namen gegeben?

Ich weiß, wie sie heißt, und ich wollte das gerne für mich behalten. Ich schreibe aus ihrer Perspektive, irgendeine der Figuren hätte sie einmal mit Namen ansprechen müssen – aber wozu? Bei ihrem Bruder habe ich das so gemacht, aber am liebsten hätte ich sie alle beide namenlos gelassen. Namenlosigkeit kann ein Schutzraum sein.

Die Erzählerin begibt sich anfangs freiwillig in eine mögliche Falle, da musste ich daran denken, wie bedenkenlos ich selbst in der Jugend per Anhalter gefahren bin. Damals war Gewalt gegen Frauen kein großes Thema, obwohl es sie natürlich gab. Die in der Roman-Zeit zwanzigjährige Nike dagegen ist bereits traumatisiert. Wollen Sie damit auch eine Entwicklung zeigen?

Es ist so ähnlich wie das Thema Klimakrise – die grundsätzliche Frage lautet: Will ich gesellschaftliche und politische Problematiken und Krisen in meinem Roman auftauchen lassen. Und wenn ich das will – dann wie? Ich kann Gewalt gegen Frauen nicht direkt thematisieren. Ich brauche dafür eine Form. Jetzt habe ich dieses Thema vorsichtig mit in den Text gesetzt – und sehe zu, wie es Gestalt annimmt.

Das heißt: Man kann es erkennen oder nicht?

Das geschriebene Buch ist eindimensional. Es wird erst lebendig, aktiv, dreidimensional, wenn es gelesen wird. Und wenn es gelesen wird, wird es interpretiert – und dann verändert es sich. Mir diese Interpretation schon vorher vorzustellen, hieße, beim Schreiben an den Leser zu denken, und das versuche ich tunlichst zu vermeiden.

Verändert sich also für Sie das Buch durch das Echo darauf?

Na klar! Die Art, in der es gelesen und interpretiert wird, kommt auf mich und zu mir zurück. Also werde ich erst am Ende des Jahres, oder noch viel später, Jahre später, sehen, was aus diesem Buch geworden ist.