Berlin - Zwei junge Männer und ihre Frauen begeben sich im Roman „Dein ist das Reich“ nach Papua-Neuguinea im Dienst der christlichen Mission. Das Reich aus dem Titel steht nicht nur für das Wort im „Vaterunser“, sondern auch für die deutschen Expansionsbestrebungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Historisch aufklärend und emotional bewegend, vielschichtig und plastisch erzählt Katharina Döbler vom Kolonialismus in seiner konkreten Ausformung. Der Roman, gerade im Claassen-Verlag erschienen, passt sehr gut in diese Zeit der Auseinandersetzung mit dem Rassismus und seinen Wurzeln. Auch darum geht es in diesem Gespräch, das wir im Park am Gleisdreieck führten.

Berliner Zeitung: In Ihrem Buch gibt es vorn einen Stammbaum mit vielen Namen. In der untersten Reihe steht ein Ich in Anführungszeichen. Und Sie schreiben, dass Ihre Mutter sich gewünscht hatte, dass Sie über die Familie schreiben. Lösen Sie das damit ein?

Katharina Döbler: So hatte sie sich das nicht gedacht. Sie schaute auf ihre kurze glückliche Kindheit im Urwald zurück und ihren Vater, der wie ein Heiliger war. Egal, was ich versucht hätte, ich wäre nie auf der Höhe ihrer nostalgischen Verklärungen gewesen.

Wie kam das Ich in eine Geschichte, die vor Ihrer Geburt passierte?

Ich hatte erst andere Ansätze. Ich hatte versucht, es dokumentarisch zu machen.

Dokumentarisch als Beispiel für Kolonialismus?

Nein, es sollte die Geschichte meiner Großeltern sein. Dass sie als Missionare im Kontext des Kolonialismus wirkten, war in unserer Familie komplett ausgekoppelt. Das wollte ich wieder zusammenbringen, zunächst mit den Mitteln des Journalismus. Aber das ging nicht. Das alles ist so gefühlsbeladen, diese Gefühle mussten irgendwohin. Und dann habe ich an einem Abend den Prolog geschrieben und verstanden, wie der emotionale Glutkern und mein sachliches Interesse mit meiner Großmutter zusammenhängen. Ich brauchte diese Ich-Figur, um die Ebenen miteinander zu verweben. Sie hält die Fäden zusammen, so wie man ein Bündel Ballons trägt. Auf diese Weise können die einzelnen Figuren ihre Version der Geschichte erzählen, als wäre die Vergangenheit der Gegenwart.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Katharina Döbler beim Gespräch im Berliner Park am Gleisdreieck.

Wie konnte Ihre Mutter nur die Eltern verklären, die sich von ihr getrennt hatten? Die Kindheit dort in Neuguinea war so kurz, weil sie und die Geschwister nach Deutschland gebracht wurden, damit sie dort zur Schule gingen.

Das ist doch ein bekanntes Phänomen, dass Kinder ihre abwesenden Eltern verehren, die sie vermissen. Als Kind im Heim in diesem elenden Nazi-Nest hat sie sich ihre Vorstellungen gemacht. Wenn später aus der Zeit davor erzählt wurde, waren es verklärende, unzusammenhängende Anekdoten. Es schien, als würde jemand ungeordnet aus einem dicken Buch vorlesen, aber immer nur einzelne Abschnitte, kurze Stücke.

Die Verlassenheit der Kinder „war der dunkle Stern über uns allen“, schreiben Sie. Die Briefe zwischen Eltern und Kindern waren einen Monat unterwegs, das finde ich traurig.

Sechs Wochen sogar, sie hatten sechs Wochen Zeitverschiebung, wenn sie sich Erlebtes schrieben. Es war die Grundmelodie meiner Kindheit, dass meine Mutter sich nie heimisch fühlte, nicht auf dem Land, nicht in der großen Stadt, nicht in unseren Wohnungen, sie trug einen nebelhaften fernen Traum in sich.

Wurde bei Ihnen zu Hause von der Mission gesprochen?

Das war ja die soziale Umgebung, aus der meine Eltern stammten. Sie kannten in Neuendettelsau – dem fränkischen Zentrum der Mission – viele Menschen, weil sie mit denen im Heim gewesen oder durch andere Einrichtungen dort gegangen waren. Ich wusste jedoch lange nicht, wo dieses Neuguinea war, von dem immer die Rede war. Ich habe Südsee-Bücher gelesen, aber das nie in Zusammenhang gebracht mit den wolkigen Geschichten meiner Großmutter.

Die Handlungszeit läuft von 1913 bis 1948. Haben Sie das chronologisch geschrieben?

Ja, aber ich lasse die Erzählerin in der Zeit springen. Erinnerungen stellen sich ja nicht chronologisch ein, sondern assoziativ. Manches ließ sich ganz leicht schreiben, anderes nicht. Die Männer fielen mir schwerer als die Frauen. Was mich verblüfft hat, ist, dass ich mich mit der Zeit mit allen angefreundet habe und merkte, wie viel ich mit ihnen gemeinsam habe, und wie sehr mich manches geprägt hat. Es war ein extrem interessanter retrospektiver Selbstfindungsprozess.

Die meisten Figuren wirken 13.000 Kilometer Luftlinie von hier entfernt noch sehr deutsch.

Die Neuendettelsauer hatten ihre mittelfränkische kleinbäuerliche Sozialstruktur komplett in die Tropen verpflanzt, mit all den Hierarchien, den moralischen Ordnungen, den Gepflogenheiten. Man traf sich dort sonntags immer zum Kaffeetrinken, zum Beispiel.

Privat
Von den Neuendettelsauer Missionaren ausgestattete Einwohner.

Gerade ist Götz Alys erhellendes Buch über „Das Prachtboot“ der Südsee-Insel Luf erschienen, Prunkstück für die Sammlung des Humboldt-Forums. Und vor Kurzem wurde beschlossen, dass die deutschen Museen die geraubten Benin-Kunstschätze nach Nigeria zurückgeben. In dem Zusammenhang wirken die deutschen Aktivitäten in Papua-Neuguinea recht harmlos.

Das waren sie aber nicht. Dieses Gebiet Deutsch-Neuguinea war groß, Luf gehörte dazu, es reichte im Westen bis nach Samoa. Die Deutschen haben sich dort mit den anderen Kolonialstaaten um jeden Insel-Zipfel gestritten. Da ging es um Anbaugebiete und um das Lieblingsspielzeug des Kaisers, die Marine. Aber – das stimmt – man hat sich da mehr Reichtümer versprochen, als zu holen waren.

Und welche Rolle spielte die Mission?

Die hatte die Aufgabe, die Eingeborenen für diese Art von Arbeit zuzurichten. Sie verkaufte den Menschen die Theorie, wenn sie sich den Gesetzen der Weißen unterwerfen, winkt ihnen die ewige Erlösung. Ich finde, dass sich die Missionsarbeit zum Kolonialismus verhält wie die Sozialdemokratie zum Kapitalismus.

So etwas wie Glaube oder Tarifverträge machen die Ausbeutung erträglicher?

Ja, sie machen es menschlicher, verlängern aber auch die Existenz des jeweiligen Systems. Es ist eine dialektische Verbindung von Unterdrückung und Freiwilligkeit. Die Kolonisierten suchten die Nähe der Missionare, um vor den anderen Weißen, den Pflanzern zum Beispiel, geschützt zu sein. Oder vor den eigenen Nachbarn. Die Missionare haben zum Teil selbst nicht durchschaut, was da stattfand.

Weil nicht die intelligentesten Leute in die Kolonien gingen, sondern die, die in der Heimat kein Auskommen fanden?

Mit Intelligenz hat das nichts zu tun, eher mit dem sozialen Gefüge. Sie waren meist nur recht einseitig gebildet, das ist richtig. Trotzdem gab es Leute, die Sprachforschung betrieben, die ein ethnologisches Interesse hatten, eine Neugier auf die Menschen dort, von solch einem erzähle ich ja auch. Aber die Mehrheit hat einfach ihren Dienst gemacht und lebte in dem Bewusstsein, Herrenmenschen zu sein.

Sie bedanken sich am Ende des Buches bei Ihrer Tochter für die sprachkritische Beratung. Nur einmal habe ich in Ihrem Roman das N-Wort gelesen, ist das ihr Einfluss?

Ja, das Wort gab es vorher öfter. Wir haben längere Debatten geführt, weil ich fand, wenn ich darstellen will, wie das Denken der Menschen damals war, muss ich ihren Wortschatz benutzen. Ich hatte genug Briefe gelesen und das Gerede aus meiner frühen Kindheit noch im Ohr, „unsere Papua“, hieß es da immer. Auf die fiesesten Bezeichnungen habe ich verzichtet. Ich wollte nicht provozieren oder schockieren, aber ich war selbst oft fassungslos, was ich in den Berichten las. Dieser Dünkel, der sich da ausdrückt!

Wunderten sich die Kinder, als sie nach Deutschland kamen, wirklich, dass es weiße Haus-Angestellte gibt?

So ist mir das berichtet worden. Und sie glaubten, weiße Menschen wären immer gut, würden zum Beispiel nie stehlen.

Womit Sie nebenbei erzählen, wie der Rassismus heute seinen Ursprung im Kolonialismus hat.

Ja, klar. Mit dem Kolonialismus ging ein Schnitt durch die Menschheit, auf allen Kontinenten. Heute geht es darum, sich komplett davon zu lösen, dass dieses Weiß-Sein, dieses Europäisch-Sein irgendetwas mit Überlegenheit zu tun hätte. Das wird schwer, denn wir sind seit mehr als Jahrhunderten davon geprägt. Früher hieß es Rasse, heute ist immer noch von Kultur die Rede. Ökonomie und Technologie des Westens werden weiterhin als besser angesehen.

Claassen-Verlag
Zu Person und Buch

Katharina Döbler ist in Gunzenhausen/ Mittelfranken geboren und wuchs in München auf. In Paris, München und Berlin studierte sie unter anderem Theaterwissenschaften, Pädagogik und Lateinamerikanistik. In Berlin, wo sie seit den Achtzigerjahren lebt, experimentierte sie als Kabarettistin und Punksängerin. Sie schrieb ein Theaterstück und Hörspiele. Ihr erster Roman „Die Stille nach dem Gesang“ erschien 2010 beim Galiani-Verlag. Als Journalistin arbeitet sie für den Rundfunk und Le Monde Diplomatique. 

Der Roman „Dein ist das Reich“ ist erschienen im Claassen-Verlag, Berlin. 479 Seiten, 24 Euro.

Das Interview erscheint im Rahmen der Kooperation mit Radioeins vom RBB, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg und der Aktion „Bücherfrühling“. Verlage und Buchhandlungen in der Region laden bis 30. Mai dazu ein, gemeinsam den Bücherfrühling 2021 zu feiern https://stadtlandbuch.de/buecherfruehling/.

Und warum waren die gutherzigen Christen so offen für den Nationalsozialismus?

Es gab schon immer einen Antijudaismus bei den Protestanten. Hinzu kommt, dass Mittelfranken, der Ursprung der Mission, eine sehr braune Region war. Da kam zum Beispiel Julius Streicher her, der die Hetz-Zeitschrift Der Stürmer herausgab. Neuendettelsau war eine Nazi-Hochburg. Und die Missionare in Neuguinea sahen sich, seit die Australier das ehemalige Kaiser-Wilhelms-Land verwalteten, dort als Unterdrückte, sie setzten ihre Hoffnung auf Hitler.

Welche Rolle spielt die Kirche heute?

„Die“ Kirche gibt es natürlich nicht. Aber Teile der Kirche versuchen nach wie vor, Einfluss zu nehmen, mit einem etwas ökologischerem, politisch korrektem Bild. Es gibt jetzt offiziell die Papuanische Kirche, von der einer meiner Großväter geträumt hat. Als Mission „EineWelt“ sind die Neuendettelsauer weiterhin aktiv in Papua Niugini, wie es seit der Unabhängigkeit heißt. Die Missionare sprachen damals von der kulturellen Hebung der Eingeborenen. Heute sehen sie sich als Förderer.

Also weiterhin als überlegen.

Ich denke, das hat mit einer ganz bestimmten Vorstellung von Fortschritt zu tun: immer effizienter wirtschaften, immer schneller werden. Die hat uns letztlich dahin geführt, dass wir heute eine Klimakrise haben. Die Papua haben nichts ausgebeutet, nichts zerstört.

Haben Sie Ihr Wissen über die Zusammenhänge beim Schreiben als Druck gespürt?

Tatsächlich hatte ich am Anfang das Gefühl, ich muss allen gerecht werden: der Familie, der Mission, der Kolonialgeschichte. Doch Literatur ist nicht ganz so groß wie die Welt, ich musste mich auf mein Thema konzentrieren. Allerdings ist sie an manchen Stellen der Welt überlegen, weil sie Dinge ganz aus der Nähe betrachten kann.

Waren Sie jemals dort, in Papua-Neuguinea?

Nein, ich hatte zwar ein Stipendium der Bosch-Stiftung für West-Papua, das ehemalige Holländisch-Neuguinea. Doch als ich die Reise organsiert hatte, kam Corona. Nun träume ich davon, hinzufahren und nach meiner Verwandtschaft zu suchen.

Verwandtschaft? Dass der Johann im Roman ein Kind mit einer Inselbewohnerin hat, ist keine Erfindung?

Es ist in der Familie immer lebhaft geleugnet worden, dass es diesen „Sündenfall“ meines Großvaters gab. Eines Tages habe ich aber in völlig anderem Material den Beleg für die Existenz seines „halbweißen“ Kindes gefunden. Ich nehme an, dass meine Großmutter es wusste, gesprochen hat sie darüber nicht. Also musste ich das erzählen.

Wie ist das Buch in der Familie aufgenommen worden?

Sehr positiv. Es ist ja nicht die getreue Wiedergabe der Familiengeschichte, sondern ein Roman darüber. Und das hilft denen, die mit meiner Sicht nicht so einverstanden sind.