Was Kazuo Ishiguros Erzählen vor allem auszeichnet, ist die Art, wie er Emotionen weckt. Auch seine berühmtesten Bücher „Was vom Tage übrig bleibt“ und „Alles, was wir geben mussten“, auch sein Ausflug ins Fantasy-Genre mit „Der begrabene Riese“ haben ihre Leser berührt, ohne dass deren Stil emotional gewesen wäre. Er schafft mit dem Wesen seiner Figuren, der Perspektive und der Dramaturgie der Handlung einen Raum, der sich beim Lesen mit Gedanken und mit Gefühlen auffüllt. Bei „Klara und die Sonne“, seinem ersten Roman nach der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis 2017, braucht er dafür einen gewissen Anlauf, handelt es sich doch bei der Erzählerin um eine leblose Figur. Sie ist eine KF, eine künstliche Freundin, von Menschen zum Bewegen, Sprechen und Entscheiden befähigt.

„Klara und die Sonne“ spielt irgendwo in den USA in einer nicht näher definierten Zukunft, in der künstliche Intelligenz zum Alltag gehört. Puppen wie Klara wurden entwickelt, um Einzelkindern die Einsamkeit zu nehmen. Sie wartet mit anderen KFs im Laden und schaut aus dem Fenster. Einen Bettler nennt sie „Bettelmann“, die mobilen Geräte der Menschen bezeichnet sie als „Rechtecke“, sie sagt Sätze wie: „Ich rief mir den vorhergehenden Tag noch einmal ins Gedächtnis.“ Solch ein Experiment, die Erzähler-Instanz an jemanden mit einer so steifen Sprache abzugeben, kann sich nur ein Autor erlauben, von dem die Leser wissen, dass es sich im Verlauf des Romans ändern wird.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.