Mir einem Heimatabend beginnt der Roman „Öl und Bienen“, zu der Zeit ist Deutschland schon viele Jahre vereinigt. Der Vortragende begießt seine Stimmbänder mit Bier und merkt an: „DDR und der Westen. Kann man heut keinem mehr erklären, versteht ja keiner...“. In der Wahrnehmung der Leute sei der Erste Weltkrieg irgendwann im Mittelalter gewesen. Doch genau mit dem Ende jenes Krieges beginnt er seinen Vortrag, der Sonntag für Sonntag Zuhörer in die Kneipe lockt. Torsten Schulz baut ein Gemeinschaftsgefühl in dunstiger Atmosphäre auf.

Sein Held Edwin Kronokiewitschky, von den engsten Freunden mit dem einfacheren Namen Blutblase bedacht, erzählt, wie Beutenberge im Havelland zweimal beinahe berühmt geworden wäre. Die Nation dürstete nach Erdöl, um wieder auf die Beine zu kommen. Ein gewisser Adalbert Wutzner habe welches gefunden, zu wenig allerdings. Auch von Wutzners Sohn und dessen erneutem Öl-Fund weiß der Chronist zu berichten, um mit dessen Sohn Lothar Ihm, „dem Ihmschen“, den Vortrag abzuschließen.

Der Mann mit dem Holzbein durfte in den Westen

So auf unerhörte Begebenheiten und seltsame Typen eingestimmt, werden die Leser in den folgenden Kapiteln noch einen Zeitsprung zurückgejagt. Es ist das Jahr 1979, zu Blutblase und dem Ihmschen gesellt sich noch Krücke, ein Mann mit Holzbein. Der wurde als Invalidenrentner aus der DDR in den Westen gelassen, von wo er vor allem Schallplatten mitbrachte. Und das ist nämlich die eigentliche Geschichte, die Torsten Schulz erzählt: Wie sich in einem rückständigen Kaff drei trinkfreudige Kerle durch den Alltag schlagen. Im Kampf gegen sehr verschiedene Widrigkeiten – ein im Haus entdeckter Bienenstock, der Tod von Lothars Mutter, die Ankunft heiratswilliger Frauen – agiert das Trio in abgestimmter Tollpatschigkeit und verquerer Rede. Sie streiten um Musik, Uriah Heep und die Stones, und als einer sagt, echter Rock könne nicht auf Deutsch gesungen sein, wird triumphierend Klaus Renft aufgelegt.

Der Autor, geliebt für seine in Berlin  spielenden Romane wie „Boxhagener Platz“ und „Skandinavisches Viertel“, lässt über die Dörfler Krücke, Blutblase und den Ihmschen lachen, verlacht sie aber nicht. Er hat ein melancholisches Verhältnis zu seinen Figuren. Das klingt zum Beispiel so: „Was bedeutet das, hätte der Ihmsche fast gefragt. Aber einem Gespräch über Bedeutung fühlte er sich, gerade jetzt, nicht gewachsen.“ Wird es arg zu wild, fragt ihn die Nachbarin, ob er wieder „im Erdölwahn“ sei. Tatsächlich sind es die Frauen, die durchblicken. Und eine, die den Ihmschen noch von einer früheren Arbeitsstelle kennt, begegnet den Kerlen gar mit Superkräften.

Der begehrte Rohstoff aus dem Titel durchzieht das Buch, und so manches Mal zuckt man zusammen, wie aktuell einige für 1979 ausgedachte Sätze klingen: „Krieg und Erdöl stehen natürlich in enger Verbindung, in dialektischer, präzise gesagt...“. Doch die große Weltlage bleibt in den Rändern des Romans verborgen. Im Zentrum stehen kleine Geschichten, die „hört man nicht im Radio und sieht man nicht im Fernsehen“, wie Krücke feststellt. Aber in der Literatur findet man sie, wenn einer wie Torsten Schulz sie aufschreibt.

Torsten Schulz: Öl und Bienen. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 224 Seiten, 22 Euro.