Abi Palmers Sprache in dem Buch „Sanatorium“ ist authentisch, drastisch, poetisch, rhythmisch. Sie beschreibt, umkreist, lässt sich treiben. Text ergibt Text. Palmer ist eine queere junge Frau mit chronischen Krankheiten. Queer aber mag sich in ihrem Fall nicht nur auf die sexuelle Identität beziehen, sondern auch etwas anderes im Anderssein meinen. Palmer und Text stehen offensichtlich schräg, also quer zu allem, was Norm ist, ergeben kein eindeutiges Bild, sondern nur eins mit mindestens sieben Gesichtern.

Im Netz und auf der Rückseite von „Sanatorium“ findet sich wenig über die Dichterin – nicht einmal das Geburtsdatum. Jung ist sie, ganz sicher, und wahrscheinlich hat sie eine alte Seele. Vielleicht ist sie auch schüchtern, vielleicht streng und in dieser Mischung wohl eine Herausforderung mit einer großen Brille, die aussieht, als sei das Gestell aus dem Ramsch. Durch die schaut Palmer wie ein lebendiges Frühwarnsystem, wenn es um die Fragen von Race, Gender, Klasse und Körperlichkeit geht.

Luxus in der Fremde, Armseligkeit daheim

2017 erhielt die Londoner Dichterin und Künstlerin ein Stipendium, um an einem Rehabilitationsprogramm in Budapests Thermalquellen teilzunehmen. Das Sanatorium befindet sich auf einer Insel, der Margaretheninsel – mitten in der Donau und außerhalb einer Zeit, die sich Gegenwart nennt. Nach der Rückkehr in ihren Londoner Alltag versuchte Palmer weiter, die Therapie in einer aufblasbaren blauen Badewanne fortzusetzen. Zwischen den Polen Luxus in der Fremde und Armseligkeit daheim, zwischen hellem Schlafen und dunklem Wachen, zwischen autobiografischem Erzählen und ihrem Ringen um einen Dialog mit der Mystikerin Teresa von Avila mäandert die Dichterin Palmer in ihrer autobiografischen Befragung.

Ein wichtiger Aspekt von Abi Palmers Arbeit ist ihr Umgang mit Welt, ist die Zusammenarbeit. Gespräche und Begegnungen zwischen Performer, schreibenden Performern und die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Disziplinen an sich, zu denen auch der Modern Dance gehört, sind ihr wichtig. Ihr Text „Sanatorium“ wurde während des Lockdowns live in ihrer aufblasbaren Badewanne vorgestellt. Zu dieser Zeit begann Palmer auch mit den „Sanatorium Sessions“, eine Reihe von informellen Diskussionen und Performances mit multidisziplinären Künstlern – alle in ihren Badewannen sitzend.

Die Übersetzerinnen Astrid Köhler und Henrike Schmidt haben für dieses sprechende Schreiben, das seine Bühne, sein Gegenüber, also immer den Dialog auch beim Monologisieren braucht, eine wichtige Entscheidung getroffen. Für ein Buch und eine Autorin wie Abi Palmer, die sich explizit in Diskussionen einmischt, ist es wichtig, wie Gender-Zuschreibungen getroffen werden, die allerdings in der englischen Sprache weniger präsent sind. Im Austausch mit der Autorin haben die Übersetzerinnen sich dafür entschieden, in originalsprachlich offenen Fällen immer die weibliche Pluralform zu verwenden. Auch das im Deutschen so gebräuchliche „man“ haben sie vermieden und sich stattdessen für ein „Du“ entschieden, was den dialogischen Charakter von Palmers Prosa mit inszeniert. Es ist gelungen, dies sensible Geschäft.

Abi Palmer: Sanatorium. Autobiografische Befragungen. Übersetzt von Astrid Köhler und Henrike Schmidt. INK Press, Zürich 2022. 222 Seiten, 21 Euro