Schlimme Zeiten: Julius Berstls großartiger Roman „Berlin Schlesischer Bahnhof“

Das Berlin des Jahres 1930 pulsiert in diesem Buch, das es jetzt neu zu entdecken gibt: Julius Berstl erzählt in der Tradition von Alfred Döblin.

Julius Berstl
Julius BerstlQuintus-Verlag

Sie sind jung, sie kommen aus der Provinz und wissen nicht, wo sie morgen sein werden. Für den kurzen Moment im Wartesaal 3. Klasse des Schlesischen Bahnhofs, den Julius Berstl auf den ersten Seiten seines Romans beschreibt – „es riecht nach unausgelüfteten Menschen, Bier, Käse und Knoblauch. Tabaksasche und Straßenschmutz bedecken den Fußboden“ –, sind die Versprengten, die sich hier aufwärmen, alle gleich.

Gleich: für einen Moment in diesem kühlen Vorfrühling 1930, für ein schnelles Innehalten, ein schüchternes Erzählen. Bis die Schupos kommen, bis das Schicksal sie auseinanderwehen und über die Berliner Kieze verteilen wird, bis es Kurt Heinersdorfs Plan, über Hamburg nach Südafrika anzuheuern, zerschlagen wird. Nachdem ihm das Portemonnaie mit den kostbaren 87 Mark vom Fürsorgejungen Fritz Knelke entwendet wurde, findet Kurt zusammen mit der munteren, ebenfalls von zuhause getürmten Lotte Streit erste Zuflucht in einer Laubenkolonie. Auch der Knelke traut sich dahin. Wird Heinersdorf ihn verprügeln? Wird er sich in die Geheimnisse des Überlebens ohne Geld einweihen lassen?

Die Helden sind Durchreisende, Gestrandete, Überlebende

Heinersdorf, gut erzogen, will nicht auf Fritz Knelkes Niveau landen, dem Stehlen und Betrügen das Überlebensmodell sind, der bittere Armut hinter sich hat, beschämende Verhältnisse. Paul Mielenz hat den Job als Page verloren. Und Alfred Schütte, der schüchterne Tischlerlehrling, was hat er hinter sich gelassen? Den prügelnden Tischler, den toten Vater, und ist also auch „fortgemacht“. Denn gibt es da nicht in Görlitz einen Onkel, der sich vielleicht seiner annimmt?

Durchreisende, Gestrandete, Überlebende. Sie sind blutjung, alle unter 20, sie wissen, von was oder wem sie fort wollten, aber zu wem hin, an welchen Ort? Das ist viel schwieriger, viel unsicherer. An Südafrika hat Kurt Heinersdorf bis gestern noch gedacht. In einem weichen Bett schlafen will Lotte Streit, aber nicht mehr um den Preis, sich vom Stiefvater prügeln und unter den Rock fassen zu lassen. Wieder in Stellung kommen möchte Paul Mielenz, aber beim Hundeverkäufer Schimmelpfennig kocht die Frau nur „ätherisches Essen“ wie Haferschleim. „Die hat‘s mit der Gemeinschaft wahrhaft gläubiger Christen, empfindet körperlichen Ekel vor Fleisch, Wurst und dergleichen, die ist ganz auf ätherisch und spintisiert, ob Jesus nicht im graukarierten Schwalbenschwanz unter uns wandert.“

Der Autor konnte 1936 Nazideutschland verlassen

Julius Berstl, 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft mit Publikationsverbot belegt, 1936 mit Frau und Sohn nach London emigriert und 1975 in den USA gestorben, singt hier auf staunenswert vielfältige, sprachlich reiche, inhaltlich spannende Weise das lustig-schaurige Lied der Großstadt. Er erzählt das nicht auf den Begriff zu Bringende, das Schillernde und prinzipiell Überfordernde mit jenen Mitteln der Collage, der Mündlichkeit und inneren Monologe, die kurz zuvor auch Alfred Döblin für „Berlin Alexanderplatz“ verwandt hatte. Wo Döblin seinem Franz Biberkopf auf den Fersen blieb, dem es auf seinem Weg durch die Abgründe der Großstadt nicht gelang, „anständig“ zu bleiben, verwebt Berstl die Wege der fünf jungen Leute miteinander; und obwohl immer irgendwer den genau zur Situation passenden fröhlichen Schlager trällert, sind es Überlebenskampf und oft rohe Gewalt, die auf die unerfahrenen jungen Leute warten.

Die Erwachsenen in diesem Roman sind der eigentliche Schrecken. Bis auf wenige Ausnahmen sehen sie in den Orientierungslosen Gelegenheiten zur Ausbeutung – wirtschaftlich und sexuell –, die auch tödlich enden kann. Hatte Alfred Schütte sich glücklich geschätzt, dem geschwätzigen Vertreter Herrn Tölle seine Musterkoffer hinterhertragen zu dürfen und dafür nicht nur ein feines Abendessen, sondern eine große Revue spendiert zu bekommen, steht er am späten Abend vollkommen hilflos vor dem „Urtier“, das in Tölle zum Vorschein kommt.

Auch die Laubenkolonie wird zum gefährlichen Ort in diesem Jahr 1930. „Es ist eine schlimme Zeit, heimtückische Zeit, es dröhnt von ewigem Erdbeben, und die Erde wirft Falten … Erschreckte Gesichter, verängstigte Blicke. Auch Bankdirektoren krachen, auch Villenbesitzer verkommen. Eine neue Sintflut steht vor der Tür, die Menschen laufen in Kolonnen … Demonstrationszüge am Lustgarten, Alex, Kurfürstendamm. Es ist eine allgemeine Not der Herzen, eine Verwirrung der Begriffe, die Schupos schlagen mit Gummiknüppeln drein, und am Wedding wird geschossen.“ Manches passt erschreckend genau ins Heute. Vieles klingt berlinerisch ausdrucksstark und lange vergangen: Da sind die Schlafburschen, der Schwof und die Landpartie, der Mampe halb und halb, da ist einer machulle und will lieber was zu schickern.

Nichts an diesem Buch bleibt unplausibel

Irgendwann ist einer von ihnen getötet, einer sitzt im Kittchen, ein anderer hat in Notwehr einen totgeschlagen. In kürzester Zeit haben sich die fünf Schicksale um sich selbst gedreht. „Viele Menschen gibt es, die leben ihr Leben … eintönig, im gleichen Takt, es ist alles geregt, abgezirkelt, Faden legt sich an Faden, nichts, was das Gleichmaß stört. Und andere gibt es, die erleben ihr Schicksal in wenigen Tagen.“ Solche sind Berstls junge Protagonisten, und nichts am schicksalhaften Geschehen dieses Romans erscheint unplausibel.

Was hat es auf sich mit dem Berlin von 1930, das dieses in den Jahren danach entstandene Buch einfängt? „Da ist ein Wartesaal, die Schupos patrouillieren, die Mamsell steht hinter der Theke, am Morgen wird gekehrt und gelüftet“, aber ist das die ganze Wirklichkeit? Kurt Heinersdorf weiß mehr. Er weiß, der Wartesaal ist unter der Oberfläche „ein Wunderwald, erfüllt von Drachen, Dämonen und bösen Riesen. Man sitzt an gescheuerten Tischen, aber neben dir klebt ein Fabelwesen am Stuhl, Fangarme greifen nach dir … Du schreist, du möchtest schreien, aber die Wände sind aus Watte.“ Wie auch Döblin in seinem Jahrhundertroman schaut Berstl in diesem großartigen Buch mitunter von ganz weit her, aus einer metaphysischen Distanz auf den Wahnsinn des Lebens in diesem Berlin, das für so viele der auch damals vier Millionen Berliner vor allem dies ist: ein Wartesaal 3. Klasse.

Julius Berstl: Berlin Schlesischer Bahnhof. Roman. Mit einem Nachwort von Klaus Völker. Quintus Verlag, Berlin 2022. 272 Seiten, 22 Euro.