Sebastian Fitzek: „‚Aktenzeichen XY‘ hat mich nachhaltig traumatisiert“

Deutschlands erfolgreichster Thrillerautor ist ein Berliner. Heute stellt Sebastian Fitzek sein neuestes Buch „Mimik“ im Tempodrom vor.

Bestsellerautor Sebastian Fitzek: „Thrillerautoren müssen Weicheier sein.“
Bestsellerautor Sebastian Fitzek: „Thrillerautoren müssen Weicheier sein.“Marcus Höhn

Blickt man hierzulande auf die literarische Gattung der Kriminalromane, kommt man um den Namen Sebastian Fitzek nicht herum. Mit seinen geschickt montierten, psychologisch ausgefuchsten Thrillern gehört er zu den raren deutschen Weltstars der Branche. Er wird in 36 Sprachen übersetzt, 12 Millionen Bücher stehen auf seinem Verkaufskonto. Kein Mensch liest mehr? Sebastian Fitzek kann da nur lässig die Augenbraue lupfen.

Eine Erfolgsformel, ein bestimmtes Fitzek-Bestsellerrezept, gebe es allerdings nicht, sagt er. Sein ganzes Geheimnis sei, dass er nur Geschichten schreibe, die er selbst gerne lesen würde. Und die sind nichts für schwache Nerven. Fitzek beschreibt Foltermethoden, Vergewaltigungen und Morde mit einer so grausamen Detailtiefe, dass man vermuten könnte, hinter dem Autor selbst stecke ein kleiner Psychopath.

Das Gegenteil ist der Fall. Sebastian Fitzek ist ein ganz normaler Typ: Ehemann, Familienvater, Berliner. Und: Er hat alle Ängste, die „normale Menschen“ auch haben, wie er sagt. Da ist die Angst vor dem Tod, vor der Dunkelheit, bis hin zur Angst vor dem Zahnarzt. Nicht zu vergessen seine Angst davor, entführt zu werden. „Als Kind habe ich viel zu früh ,Aktenzeichen XY‘ gesehen, das hat mich nachhaltig traumatisiert“, erzählt Fitzek. „Thrillerautoren müssen Weicheier sein“, sagt er. „Sonst kann die Angst gar nicht auf den Leser übertragen werden.“ Das Spiel mit der Angst gelingt Fitzek immer wieder aufs Neue.

In seinem neuen Thriller „Mimik“ hat die Protagonistin Hannah Herbst vor allem vor einer Sache Angst: vor sich selbst. Als Mimikresonanzexpertin hilft sie der Polizei, Verbrechen aufzudecken, indem sie die Körpersprache der Täter analysiert und versteckte Emotionen aufdeckt. Nun wird sie mit dem schrecklichsten Fall ihrer Karriere konfrontiert: ihrem eigenen. Hannah Herbst soll ihre Familie ermordet haben. Lediglich ihr Sohn konnte entkommen. In einer Videoaufnahme gesteht sie die schreckliche Tat. All das erfährt sie jedoch erst, als sie gefesselt an das Bett eines Motels aufwacht. Sie wurde aus der Gefängnisklinik entführt. Ihr Entführer bestraft Menschen, die ihren Kindern etwas angetan haben. So gerät auch Hannah Herbst in sein Visier. Allerdings leidet die Protagonistin an einer seltenen Betäubungsmittelunverträglichkeit, die in Folge einer Anästhesie auftritt. Sie erinnert sich weder an die vermeintliche Tat, noch an irgendeinen winzig kleinen Aspekt ihres früheren Lebens.

Der Autor selbst kennt Situationen, in denen man am eigenen Verstand zweifelt. So ist es zum Beispiel, wenn er in seinem Schreibbüro Geräusche aus der Wand hört, oder wenn er in Berlin völlig absurde Situationen auf der Straße beobachtet. Gerade Letzteres erleichtert ihm sein schriftstellerisches Dasein ungemein. „Es ist natürlich super, dass man hier aus den Vollen schöpfen kann, was die Vielfalt der Menschen und Orte anbelangt“, erzählt Fitzek. All seine Romane spielen in der deutschen Hauptstadt, eine Art Hommage an seine Heimat also.

In Rezensionen wird Fitzek vorgeworfen, zu klischeebehaftet zu schreiben, vorhersehbar zu sein. Ein Literaturkritiker der ARD bezeichnete den Autor vor einigen Jahren gar als „Nulllinie der deutschen Gegenwartsliteratur“. Das kann er natürlich locker verkraften: Mit „Mimik “stieg er soeben auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste ein. Wer dort nicht auch gern wäre mit seinem Buch, der werfe den ersten Stein. Oder versuche sich selbst mal in der Kunst, die Leser über 400 und mehr Seiten zu bannen, zumal mit grausigsten Verbrechen.

Zugegeben, Sebastian Fitzek mag kein Meister der feinen Figurenzeichnung und der ausgefeilten Dialoge sein. Doch er fesselt seine Leser, hat ein untrügliches Gespür für Timing – nahezu jedes seiner teilweise sehr kurz gehaltenen Kapitel endet mit einem Cliffhanger –, bewegt sich mit tänzerischer Leichtigkeit zwischen  Perspektiven und Zeitebenen. Und letztendlich will man einfach wissen, was Hannah Herbst und ihrer Familie wirklich zugestoßen ist.

Fitzek prognostiziert, dass man sich selbst und die Welt nach „Mimik“ mit anderen Augen sehen werde, und das ist definitiv nicht gelogen. Durch den Plot in den letzten Kapiteln ist klar, dass der Autor nicht nur seine Protagonistin Hannah Herbst, sondern auch seine Leser mal wieder völlig hinters Licht geführt hat. Ein klassischer Fitzek eben.


Sebastian Fitzek Live 2022. Interaktive, multimediale Lese-Show. 2. Dezember 2022 Tempodrom. Restkarten an der Abendkasse.