„Der Dichter sieht, was geschieht, aber er ist kein stoischer Seismograph“

Serhij Zhadan erhält unter großem Applaus den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und Sasha Marianna Salzmann erklärt, wie nah seine Literatur am Leben ist.

Serhij Zhadan, ukrainischer Schriftsteller und Musiker, während der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2022 in der Frankfurter Paulskirche.
Serhij Zhadan, ukrainischer Schriftsteller und Musiker, während der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2022 in der Frankfurter Paulskirche.epd/Tim Wegner

Dass Literatur im Kriegsfall wehrlos ist – und auch das Wort „wehrlos“ ist im Krieg kein metaphorisches mehr, nicht mehr so oder so auslegbar, denn Worte erschießen keine Menschen, auch wenn es einem im Frieden manchmal so vorkommen mag –, bedeutet nicht, dass sie nichts zu sagen hätte. Sasha Marianna Salzmann schloss in der Laudatio auf den Friedenspreisträger Serhij Zhadan am Sonntagvormittag in der Frankfurter Paulskirche an den Schriftsteller James Baldwin und seinen Gedanken an, dass „Dichter letztlich die Einzigen“ seien, „die die Wahrheit über uns wissen“. – „Wir wissen voneinander nicht aus den Geschichtsbüchern, sondern aus der Kunst“, sagte Salzmann. Poesie bringe keinen Frieden, vielleicht aber: „einen Moment der Reparatur der Welt, in dem ein Einzelner aufatmet“.

Das „Prinzip Zhadan“: Er lege, sagte Salzmann, „seine Finger auf die Pulsschlagader der Menschen um ihn herum“, er sei „kein Realist, eher ein hoffnungsloser Romantiker“, aber nie gebe es Distanz in seinem Blick auf die Menschen. „Immer ist er mitten unter seinen Leuten. Er schreibt und spricht sozusagen aus deren Lunge heraus.“

Er tanzt auf den Hochzeiten der Desperados

Literatur, betonte Salzmann, leiste weder moralischen Beistand, noch erteile sie Absolution. Jedoch: „Ja, der Dichter sieht, was geschieht, aber er ist kein Seismograph, der nur stoisch die Erdbebengefahr protokolliert. Er ist ein Freund. Einer, der versteht, und wenn er nicht versteht, ist er bereit, zuzuhören. Hier ist einer, der sich mit an den Tisch setzt und das Glas hebt. Der auf den Hochzeiten seiner Desperados mittanzt.“

Zhadans Schreiben schaffe „Momente des Aufatmens durch radikale Menschlichkeit“, sagte Salzmann (und hat ja auf andere Weise selbst anderen in anderen Situationen schon solche Momente geboten, etwa im Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“). Kunst könne nicht die Welt retten. „Aber was sie kann, ist, den Augenblick herstellen, in dem man erleichtert, erstaunt oder verzückt aufatmet.“

„Das Schreiben widerspricht dem Tod“, zitierte Salzmann noch einmal Zhadan aus dessen neuestem Buch „Himmel über Charkiw“. Und Zhadan erklärte in seiner Dankesrede, wie auch dieses, wie alles im Krieg, eine Bedeutungsverschiebung erfahre. Wer sich „im Raum des Krieges“, in der „Kontaktzone des Todes“ befinde, mache keine Zukunftspläne. Es gehe um das Heute, höchstens das Morgen, „wenn du überlebst und aufwachst“.

Die Grenzen der Ethik

Zhadan wurde nun sehr deutlich. Auch die Menschen in der Ukraine wünschten sich Frieden. „Warum werden die Ukrainer dann so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt.“ Und „wenn manche Europäer“ – es seien nicht viele – „den Ukrainern ihre Weigerung, sich zu ergeben, fast schon als Ausdruck von Militarismus und Radikalismus anlasten, tun sie etwas sehr Merkwürdiges – beim Versuch, in ihrer Komfortzone zu bleiben, überschreiten sie umstandslos die Grenzen der Ethik“, sie seien womöglich bereit, „um fragwürdiger materieller Vorteile und eines falschen Pazifismus willen ein weiteres Mal das totale, enthemmte Böse zu schlucken“. Es gebe eindeutige Worte dafür: „Ein Verbrecher ist ein Verbrecher. Freiheit ist Freiheit. Niedertracht ist Niedertracht.“

Zhadan erzählt von Männern, die er bei einem Auftritt im Mai – er ist auch Musiker, wie die meisten inzwischen wissen werden – an der Front getroffen habe, „alte Freunde, Leute aus Charkiw“, jetzt ganz ungewohnt in Uniform und mit Augen, „in denen man zwei Monate Hölle lesen konnte“. Einer erzählte, wie ihn eine russische Phosphorbombe traf („erwischte“, sagte er). „In so einem Moment weißt du nicht, was du sagen sollst – die Sprache lässt dich im Stich, die Sprache genügt nicht, die passenden Worte müssen erst noch gefunden werden. Und sie werden sich finden.“

Sehr langer Beifall für Zhadan. Vorher hatte Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die diesjährige Preisträgersuche geschildert, die parallel zum russischen Angriff auf die Ukraine stattfand und also in höchst bewegter Echtzeit. Und während so oft betont wird, wie unabhängig Literaturpreise von Tagesaktualitäten sein sollten (warum ist das eigentlich so ein 1A-Gütesiegel?), muss man im konkreten Fall regelrecht erleichtert über die Entscheidung sein. Kunst ist wehrlos, aber sie kann ihre Sache besser und schlechter machen. Wenn Zhadan, wie Bilder zeigen, in einer Metrostation (einem wichtigen Zufluchtsort) ein Konzert gibt und die Kinder tanzen mit, macht sie ihre Sache erschütternd gut.